René Descartes

 

Methodischer Zweifel
Descartes fängt nicht einfach an zu philosophieren; er reißt zuerst alles ab. Um ein unerschütterliches Fundament für das Wissen zu finden, zweifelt er an allem: an seinen Sinnen, an der Außenwelt und sogar an mathematischen Wahrheiten. Er sucht nach der Gewissheit, die selbst dann noch standhält, wenn ihn ein böser Geist täuschen wollte.

Cogito, ergo sum
Dies ist der Wendepunkt seines Denkens. Mitten im tiefsten Zweifel erkennt er, dass eine Sache nicht bezweifelt werden kann: der Akt des Zweifelns selbst. Wer zweifelt, der denkt; und wer denkt, der muss existieren. „Cogito, ergo sum“ – Ich denke, also bin ich. Dieses Prinzip macht das denkende Ich zum Ausgangspunkt seiner Philosophie.

Dualismus
Descartes teilt die Welt streng in zwei völlig verschiedene Substanzen: Res cogitans:
Die denkende, unbegrenzte Sache (der Geist/die Seele).
Res extensa: Die ausgedehnte, materielle Sache (der Körper/die Materie). 

Subjekt und Objekt

Descartes trennt die Welt in zwei grundsätzlich verschiedene Bereiche: das denkende Subjekt (res cogitans) und die ausgedehnte materielle Welt (res extensa). Der Geist ist immateriell, unteilbar und unmittelbar gewiss; die äußere Welt besteht aus räumlichen Dingen, die nur vermittelt über Wahrnehmung erkannt werden.

Das Problem dieser Trennung ist, dass sie eine Kluft erzeugt, die kaum noch überbrückbar ist. Wenn das Subjekt grundsätzlich von der Welt getrennt ist, bleibt unklar, wie verlässlicher Kontakt zwischen beiden möglich sein soll. Wahrnehmung erscheint dann als bloßes internes Bild statt als Weltbezug. Viele moderne Philosophien – etwa phänomenologische oder pragmatistische Ansätze – kritisieren deshalb, dass Descartes eine künstliche Distanz zwischen Mensch und Welt konstruiert, die unserer tatsächlichen Praxis des Handelns und Wahrnehmens nicht entspricht.

 

 

Validierung von Wissen

Descartes sucht nach einem absolut sicheren Fundament des Wissens. Der Ausgangspunkt ist das berühmte *cogito*: Weil ich denke, muss ich existieren. Von diesem unbezweifelbaren Punkt aus sollen weitere Wahrheiten durch klare und deutliche Einsicht begründet werden. Letztlich garantiert Gott die Zuverlässigkeit dieser Einsichten und damit auch die Wahrheit unserer Erkenntnisse über die Welt.

Das philosophische Problem liegt darin, dass diese Begründungsstrategie stark foundationalistisch ist: Wissen soll auf wenigen absolut sicheren Prinzipien ruhen. Kritiker wenden ein, dass ein solcher absoluter Startpunkt schwer zu rechtfertigen ist. Zudem entsteht ein Zirkelproblem: Die Verlässlichkeit klarer und deutlicher Ideen wird durch Gottes Existenz garantiert, während Gottes Existenz wiederum durch solche Ideen bewiesen werden soll.

Zweifel

Descartes verwendet den methodischen Zweifel als radikales philosophisches Werkzeug. Alles, was auch nur minimal unsicher ist – Sinneswahrnehmungen, Traditionen, sogar mathematische Überzeugungen – wird zunächst in Frage gestellt. Erst was diesen Zweifel übersteht, kann als sicheres Wissen gelten. Der Zweifel dient also dazu, einen absolut festen Ausgangspunkt zu finden.

Das Problem besteht darin, dass dieser radikale Zweifel eine künstliche Situation erzeugt. In unserem tatsächlichen Leben beginnen Erkenntnisprozesse nicht mit totalem Misstrauen gegenüber allem, sondern mit einem Netz von vorausgesetzten Praktiken, Fähigkeiten und Überzeugungen. Wenn man versucht, alles zugleich zu bezweifeln, fehlen genau die Voraussetzungen, die Zweifel überhaupt sinnvoll machen. Deshalb sehen viele Philosophen im cartesianischen Zweifel weniger eine realistische Methode als eine problematische gedankliche Konstruktion.

 

Descartes, R. (1641). Meditationen. Hamburg, Meiner – 2009.

Denn da mir nunmehr bekannt ist, daß die Körper selbst nicht eigentlich durch die Sinne oder durch das Vorstellungsvermögen, sondern durch den Verstand allein erfaßt werden, und daß sie nicht dadurch erfaßt werden, daß sie berührt oder gesehen werden, sondern allein dadurch, daß sie eingesehen werden, so erkenne ich sehr genau, daß nichts leichter oder auch evidenter von mir erfaßt werden kann als mein Geist.

Descartes, R. (1641). Meditationen. Hamburg, Meiner – 2009. (S. 37)

Descartes, 1641

Cogito

Zwischen dem Geist und dem Körper besteht ein großer Unterschied darin, daß der Körper von seiner Natur her stets teilbar ist, der Geist aber völlig unteilbar. Denn wenn ich den Geist, bzw. mich selbst betrachte, insofern ich lediglich ein denkendes Ding bin, kann ich tatsächlich in mir keine Teile unterscheiden, sondern ich sehe ein, daß ich ein durchaus einziges und vollständiges Ding bin. Und obwohl der gesamte Geist mit dem gesamten Körper vereint zu sein scheint,1 erkenne ich, daß auch dann dem Geist nichts entzogen ist, wenn ein Fuß, ein Arm oder ein beliebiger anderer Teil des Körpers abgetrennt ist. Auch kann man das Vermögen des Wollens, das Vermögen der Empfindung, das Einsichtsvermögen usw. nicht als seine Teile ansprechen, weil es ein und derselbe Geist ist, der will, der sinnlich wahrnimmt, der einsieht. Dagegen kann ich mir aber kein körperliches, bzw. ausgedehntes Ding denken, das ich nicht leicht im Denken in Teile teilen könnte. Eben dadurch aber sehe ich ein, daß es teilbar ist. Dies allein würde ausreichen, mich zu lehren, daß der Geist vom Körper völlig verschieden ist, wenn ich dies nicht bereits von woandersher hinlänglich wüßte.

Descartes, R. (1641). Meditationen. Hamburg, Meiner – 2009. (S. 92)

Descartes, 1641

Subjekt - Objekt

Denn ich werde tatsächlich die Wahrheit erlangen, wenn ich nur das, was ich vollkommen einsehe, genügend berücksichtige und es von allem übrigen trenne, das ich verworrener und dunkler auffasse. Genau um diese Sache werde ich mich künftig bemühen. 

Descartes, R. (1641). Meditationen. Hamburg, Meiner – 2009. (S. 68)

Descartes, 1641

Beweisbgründe

Welchen Beweisgrund auch immer ich letztlich verwenden mag, stets läuft es darauf hinaus, daß allein das mich völlig überzeugt, was ich klar und deutlich erfasse. Wenn sich auch von dem, was ich in dieser Weise erfasse, etliches jederman geradezu aufdrängt, wird etliches andere jedoch nur von denen aufgedeckt, die genauer in es hineinblicken und es sorgfältiger untersuchen. Nachdem es jedoch aufgedeckt ist, sind alle der Ansicht, daß letzteres nicht weniger sicher ist als jenes.

Descartes, R. (1641). Meditationen. Hamburg, Meiner – 2009. (S. 74)

Descartes, 1641

Beweisbgründe

Da ich weiß, daß alle sinnlichen Wahrnehmungen in bezug auf das, was den Vorteil für den Körper betrifft, sehr viel häufiger das Wahre als das Falsche anzeigen, und ich fast immer mehrere sinnliche Wahrnehmungen verwenden kann, um dasselbe Ding zu prüfen, und darüber hinaus auch das Gedächtnis, das das Gegenwärtige mit dem Vorhergehenden verknüpft, sowie den Verstand, der nunmehr alle Ursachen des Irrens durchschaut hat: so muß ich mich nicht länger mit Bedenklichkeiten herumplagen, ob etwa das, was mir täglich durch sinnliche Wahrnehmungen dargestellt wird, falsch sei.

Descartes, R. (1641). Meditationen. Hamburg, Meiner – 2009. (S. 96)

Descartes, 1641

Beweisbgründe

Ich will daher voraussetzen, nicht der wohlmeinendste Gott, die Quelle der Wahrheit, sondern irgendein boshafter Genius, ebenso allmächtig wie verschlagen, setze all seine Hartnäckigkeit darein, mich zu täuschen: ich werde meinen, der Himmel, die Luft, die Erde, die Farben, die Gestalten, die Töne und die Gesamtheit alles Äußeren seien nichts anderes als Gaukeleien der Träume, durch die er meiner Leichtgläubigkeit eine Falle gestellt hat.7 Ich werde mich selbst betrachten als ob ich keine Hände, keine Augen, kein Fleisch, kein Blut, noch irgendeinen Sinn hätte, sondern als ob ich nur fälschlich vermutete, dies alles zu besitzen. Ich werde hartnäckig in dieser Meditation verharren, und wenn es dann auch außerhalb meines Einflusses liegt, irgendetwas Wahres zu erkennen, so liegt es anderseits doch wohl innerhalb meines Einflusses, dem Falschen nicht zuzustimmen, und wenn ich mich mit standhaftem Geist davor hüte, kann mir jener Betrüger nichts eingeben, und sei er noch so mächtig und verschlagen.

Descartes, R. (1641). Meditationen. Hamburg, Meiner – 2009. (S. 24)

Descartes, 1641

Zweifel