Begriffsgeschichte
Für Max Jammer sind grundlegende wissenschaftliche Begriffe keine zeitlosen Abbilder der Wirklichkeit, sondern historisch entstandene Orientierungsleistungen. Begriffe wie Raum, Zeit oder Masse verändern ihre Bedeutung mit neuen Theorien, Experimenten und mathematischen Formen. Diese Veränderungen sind nicht bloß sprachliche Verschiebungen, sondern betreffen die Art, wie Wirklichkeit überhaupt erfahrbar und beschreibbar wird. Erkenntnis entsteht daher nicht durch direkten Zugriff auf das Seiende, sondern durch die fortlaufende Revision begrifflicher Rahmen. Wer nach den Bedingungen von Erkenntnis fragt, muss die Geschichte dieser Begriffe rekonstruieren, nicht hinter sie zurückgehen. Ontologische Annahmen sind somit immer schon in begriffliche Praktiken eingelassen und können nur im Kontext ihrer Verwendung verstanden werden.
Gebundener Realismus
Jammer vertritt einen Realismus, der sich bewusst von naiven Abbildtheorien distanziert. Die physikalische Welt existiert unabhängig vom erkennenden Subjekt, doch sie ist niemals unabhängig von den theoretischen und begrifflichen Strukturen zugänglich, mit denen sie beschrieben wird. Realität zeigt sich nur innerhalb bestimmter Beschreibungsweisen, Messpraktiken und formaler Rahmen. Diese Bindung bedeutet keine Relativierung ins Beliebige, sondern markiert die Bedingtheit jeder ontologischen Aussage. Was als wirklich gilt, ist nicht frei wählbar, aber immer an bestimmte epistemische Konstellationen gebunden. Der Realismus bleibt erhalten, wird jedoch als situiert, historisch und strukturell vermittelt verstanden – ohne Anspruch auf einen letzten, begriffsunabhängigen Zugriff.
Welt und Beschreibung
Für Jammer besteht kein strikter Dualismus zwischen Welt und ihrer Beschreibung. Wissenschaftliche Theorien stellen die Welt nicht einfach dar, sondern strukturieren die Weise, in der Phänomene unterschieden, stabilisiert und erklärbar werden. Beschreibung ist kein nachträglicher Akt, sondern ein konstitutiver Bestandteil dessen, was als Gegenstand erscheint. Zugleich ist Beschreibung nicht frei erfunden: Sie stößt auf Widerstände, Anomalien und empirische Grenzen. Welt und Beschreibung stehen daher in einem dynamischen Verhältnis gegenseitiger Anpassung. Ontologische Strukturen sind nicht vorgängig gegeben, sondern emergieren im Zusammenspiel von theoretischer Form, experimenteller Praxis und historischer Situation. Erkenntnis ist damit ein offener Prozess, nicht die Enthüllung eines fertigen Weltbaus.
Jammer, M. (1954). Concepts of Space: The History of Theories of Space in Physics:
Third Enlarged Edition. Mineola, New York, Dover Publications, Inc. – 1993.
Jammer, M. (1960). Das Problem des Raumes. Darmstadt,
Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt.
Es ist klar, wie der Begriff des Raumes keineswegs durch das Denken erzeugt werden kann, sondern demselben stets als ein Gegebenes gegenübertritt. Wer das Gegenteil behaupten wollte, müsste sich der Aufgabe unterziehen, die Notwendigkeit der drei Dimensionen des Raumes aus den reinen Denkgesetzen abzuleiten, eine Aufgabe, deren Lösung sich sogleich als unmöglich darstellt.
Jammer, M. (1960). Das Problem des Raumes. Darmstadt, Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt.(S.208)
Graßmann, H. (1878). Die Ausdehnungslehre. Leipzig. Verlag von Otto Wiegand
The space aspect of real things is then completely represented by a field, which depends on four coordinate-parameters; it is a quality of this field. If we think of the field as being removed, there is no “space” which remains, since space does not have an independent existence.
Jammer, M. (1954). Concepts of Space: The History of Theories of Space in Physics: Third Enlarged Edition. Mineola, New York, Dover Publications,Inc. – 1993. (p.174)
