Praxis
Praxis ist kein nachträgliches Handeln innerhalb einer bereits feststehenden Wirklichkeit. Sie ist der Ort, an dem Wirklichkeit überhaupt erst Gestalt annimmt. Erkenntnis, Materie, Bedeutung und Handlung sind nicht getrennte Sphären, sondern verschränkte Vollzüge. Was existiert, wie es existiert und was als relevant gilt, wird in konkreten Praktiken hervorgebracht und stabilisiert. Praxis ist damit ontologisch produktiv: Sie erzeugt Unterscheidungen, Perspektiven und Ordnungen, ohne auf einen letzten Grund oder eine vorgängige Struktur zurückzugreifen. Wahrheit ist in diesem Sinne kein Abbild, sondern ein Gelingen innerhalb situierter Vollzüge. Praxis ist immer lokal, historisch und verantwortlich – sie bindet Denken, Handeln und Sein unauflöslich aneinander.
Intra-Aktion
Intra-Aktion bezeichnet Beziehungen, in denen die beteiligten Elemente nicht vorausgesetzt werden, sondern erst durch die Beziehung selbst entstehen. Im Unterschied zur Interaktion gibt es hier keine bereits fixierten Entitäten, die miteinander in Kontakt treten. Subjekt, Objekt, Instrument, Regel oder Bedeutung sind Ergebnisse konkreter Schnittführungen innerhalb eines Geschehens. Diese Schnitte sind weder rein willkürlich noch vollständig determiniert; sie sind situierte Festlegungen mit realen Konsequenzen. Intra-Aktion macht sichtbar, dass Identitäten nicht stabil gegeben sind, sondern prozessual hervorgebracht werden. Sein ist relational, aber nicht abstrakt-relational, sondern immer an konkrete Konstellationen gebunden. Welt erscheint so als fortlaufende Differenzierung ohne festen Anfangspunkt.
Normativität
Normativität entsteht nicht durch äußere Maßstäbe oder universelle Prinzipien, sondern aus den Effekten konkreter Praktiken. Jede Setzung, jede Unterscheidung, jede Stabilisierung eröffnet bestimmte Möglichkeiten und schließt andere aus. Genau darin liegt ihre normative Dimension. Verantwortung ergibt sich aus der Einsicht, dass diese Schnitte real wirksam sind – materiell, sozial und epistemisch. Normen sind weder bloße Konventionen noch zeitlose Wahrheiten, sondern verkörperte Orientierungen innerhalb historischer Prozesse. Normativität ist damit nicht optional, sondern unvermeidlich: Wo Welt gemacht wird, wird auch gewertet. Zugleich bleibt sie revisierbar, da ihre Geltung an konkrete Kontexte gebunden ist und nicht an letzte Begründungen.
Barad, K. (2007). Meeting the Universe Halfway. Durham & London, Duke University Press.
Barad, K. (2012). What is the measure of nothingness? Infinity, virtuality, justice /
Was ist das Maß des Nichts? Unendlichkeit, Virtualität, Gerechtigkeit (dOCUMENTA (13):
100 Notes – 100 Thoughts / 100 Notizen – 100 Gedanken, Nº099). Kassel, Hatje Cantz.
There isn’t one set of material practices that makes science, and another disjunct set that makes social relations; one kind of matter on the inside, and another on the outside. The social and the scientific are co-constituted. They are made together—but neither is just made up. Rather, they are ongoing, open-ended, entangled material practices.
Barad, K. (2007). Meeting the Universe Halfway. Durham & London, Duke University Press.
(Kindle Edition, Location 3715).
The notion of intra-action recognizes that distinct agencies do not precede, but rather emerge through, their intra-action. It is important to note that the “distinct” agencies are only distinct in a relational, not an absolute, sense, that is, agencies are only distinct in relation to their mutual entanglement; they don’t exist as individual elements.
Barad, K. (2007). Meeting the Universe Halfway. Durham & London, Duke University Press.
(Kindle Edition, Location 838).
The possibilities for justice-to-come reside in every morsel of finitude.
Barad, K. (2012). What is the measure of nothingness? Infinity, virtuality, justice / Was ist das Maß des Nichts? Unendlichkeit, Virtualität, Gerechtigkeit (dOCUMENTA (13): 100 Notes – 100 Thoughts / 100 Notizen – 100 Gedanken, Nº099). Kassel, Hatje Cantz. (p. 17).
