Gelebte Dauer
Für Henri Bergson ist Zeit nicht primär eine objektiv messbare Größe, sondern gelebte Dauer (durée). Dauer bezeichnet den kontinuierlichen, qualitativen Zusammenhang innerer Zustände, in dem Vergangenheit im Gegenwärtigen fortwirkt. Sie ist nicht in identische Einheiten zerlegbar und entzieht sich räumlicher Darstellung. Die gewöhnliche Zeitmessung entsteht nach Bergson durch eine räumliche Projektion, die Bewegung in diskrete Punkte zerlegt. Diese Abstraktion ist für praktische Zwecke nützlich, verfehlt jedoch das Wesen des zeitlichen Erlebens. Wirklichkeit ist für Bergson wesentlich zeitlich, aber diese Zeit ist ein Prozess innerer Veränderung, kein neutrales Medium. Dauer beschreibt daher das grundlegende Sein des Bewusstseins als fortlaufende, irreversible und qualitative Veränderung.
Schöpferisches Werden
Bergson versteht Wirklichkeit als schöpferisches Werden (évolution créatrice), das nicht vollständig durch mechanische Kausalität erklärbar ist. Prozesse der Natur sind für ihn nicht bloße Wiederholungen oder Entfaltungen vorgegebener Möglichkeiten, sondern bringen genuine Neuheit hervor. Das Werden ist offen und nicht vollständig berechenbar. Gegen teleologische wie deterministische Modelle betont Bergson, dass Zukunft nicht im Voraus festgelegt ist.
Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge erklären für ihn nur begrenzt die Entstehung neuer Formen. Das Leben ist Ausdruck eines dynamischen Prinzips, das sich in vielfältigen, nicht linearen Entwicklungen manifestiert. Schöpferisches Werden bezeichnet daher eine ontologische Grundstruktur, in der Realität nicht als fertiges System, sondern als fortlaufender Prozess der Hervorbringung zu verstehen ist.
Intuitiver Vollzug
Bergson unterscheidet zwischen analytischer Erkenntnis und Intuition als eigenständiger Erkenntnisweise. Analyse zerlegt ihren Gegenstand in feste Begriffe und eignet sich vor allem für unbewegte oder räumlich darstellbare Strukturen. Intuition hingegen ist ein unmittelbares Erfassen von Bewegung, Dauer und Veränderung, indem das erkennende Bewusstsein sich dem Prozess selbst angleicht. Sie ist kein subjektives Gefühl, sondern eine methodische Annäherung an das Werdende als solches. Nach Bergson kann das zeitliche Sein nur intuitiv angemessen erkannt werden, da begriffliche Fixierungen es notwendig verfälschen. Intuition ermöglicht somit einen Zugang zur Wirklichkeit, der das Fließende nicht stillstellt, sondern in seiner Dynamik erfasst.
Bergson, H. (1896). Materie und Gedächtnis, e-artnow.
Bergson, H. (1912). Schöpferische Entwicklung. Jena, Eugen Diederichs.
Bergson, H. (1922). Dauer und Gleichzeitigkeit. Hamburg, Fundus.
Bergson, H. (1946). Denken und schöpferisches Werden. Hamburg, Europäische Verlagsanstalt.
Denn so flüchtig wir unsere reine Wahrnehmung auch ansetzen, sie nimmt doch eine gewisse konkrete Dauer ein, so daß unsere aufeinanderfolgenden momentanen Wahrnehmungen niemals wirkliche Momente der Dinge sind, wie wir bisher angenommen haben, sondern vielmehr Momente unseres Bewußtseins.
Bergson, H. (1896). Materie und Gedächtnis, e-artnow. (p. 78)
Die Dauer, in der wir uns handeln sehen und wo es nützlich ist, daß wir uns so sehen, ist eine Dauer, deren Elemente sich voneinander abtrennen und nebeneinander stellen; aber die Dauer, in der wir handeln, ist eine Dauer, welcher unsere Zustände ineinander verschmelzen, und in diese Dauer müssen wir uns mit einer Anstrengung des Denkens zurückversetzen in dem einzigen Ausnahmefalle, wo wir über das innerste Wesen der Handlung spekulieren wollen, d.h. bei der Theorie der Freiheit.
Bergson, H. (1896). Materie und Gedächtnis, e-artnow. (p. 223)
…, daß Dasein für ein bewußtes Wesen darin besteht, sich zu wandeln; sich zu wandeln um zu reifen; zu reifen, um sich selbst unendlich zu erschaffen.
Bergson, H. (1912). Schöpferische Entwicklung. Jena, Eugen Diederichs. (S.14)
Das Universum dauert. Je tiefer ins Wesen der Zeit wir eindringen, desto tiefer begreifen wir, daß Dauer Erfindung, Schöpfung von Formen bedeutet, ununterbrochenes Hervortreiben von absolut Neuem.
Bergson, H. (1912). Schöpferische Entwicklung. Jena, Eugen Diederichs. (S.17)
.. aber der Geist, der zur wahren Dauer zurückgeführt worden ist, hat dadurch ohne weiteres teil an der lebendigen Intuition, und seine Kenntnis der Dinge wird dadurch zur Philosophie. Anstelle einer Diskontinuität von Momenten, die in einer unendlich teilbaren Zeit sich nebeneinander setzen, wird er das kontinuierliche Fließen der wirklichen Zeit wahrnehmen, die unteilbar dahinfließt. Anstelle von erstarrten Zuständen an der Oberfläche, die abwechselnd ein indifferentes Ding überdecken und mit ihm in der mysteriösen Beziehung der Erscheinungen zur Substanz stehen sollen, wird er ein und dieselbe Veränderung erfassen, die wie eine Melodie sich entfaltet, in der alles Werden ist, aber in der das Werden, das selber zur Substanz wird, keines Trägers mehr bedarf. Hier gibt es keine starren Zustände mehr, keine toten Dinge, sondern nur noch die reine Beweglichkeit, aus der die Stabilität des Lebens besteht.
Bergson, H. (1946). Denken und schöpferisches Werden. Hamburg, Europäische Verlagsanstalt.
(S. 146-147)
