Kausalität
Reichenbach versteht Kausalität nicht als metaphysische Notwendigkeit, sondern als strukturelles Ordnungsprinzip der Erfahrung. Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge sind für ihn keine apriorischen Wahrheiten, sondern methodische Regeln, mit denen wir Ereignisse probabilistisch ordnen. Entscheidend ist dabei sein *Common Cause Principle*: Wenn zwei Ereignisse statistisch korreliert sind, ohne direkt kausal verbunden zu sein, ist ein gemeinsamer Ursprung anzunehmen. Kausalität wird somit eng mit Wahrscheinlichkei verknüpft und dient der Erklärung und Prognose, nicht der ontologischen Absicherung der Welt. Sie ist ein Instrument der Wissenschaft, das sich in der Praxis bewährt, aber stets fallibel bleibt.
Zeit
Für Reichenbach ist Zeit keine eigenständige metaphysische Größe, sondern ergibt sich aus der Ordnung kausaler Beziehungen. Wenn er Zeit als den „Pfad der Kausalität“ beschreibt, meint er, dass die zeitliche Struktur der Welt durch Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge konstituiert wird. Ein Ereignis gilt als früher, wenn es Ursache eines anderen ist, und als später, wenn es dessen Wirkung darstellt. Die Richtung der Zeit entsteht dabei aus der Asymmetrie kausaler Prozesse, insbesondere aus irreversiblen, statistisch beschreibbaren Vorgängen wie der Entropiezunahme. Zeit „fließt“ nicht aus sich selbst heraus, sondern folgt der gerichteten Struktur kausaler Verknüpfungen. Psychologisches Zeiterleben ist demgegenüber abgeleitet. Objektive Zeit ist für Reichenbach diejenige Ordnung, die wissenschaftliche Erklärung, Prognose und empirische Erkenntnis überhaupt erst möglich macht.
Raumzeit
Reichenbach interpretiert die Raumzeit im Sinne der Relativitätstheorie als geometrisch strukturierte physikalische Ordnung, nicht als anschaulichen Hintergrund. Geometrie ist für ihn konventionell: Welche Geometrie wir der Raumzeit zuschreiben, hängt von Koordinationsdefinitionen und Messkonventionen ab. Dennoch ist diese Konventionalität nicht beliebig, da sie empirisch eingeschränkt wird. Raumzeit ist somit kein apriorischer Rahmen, sondern ein theorieabhängiges Konstrukt, das sich in der erfolgreichen Beschreibung physikalischer Zusammenhänge bewährt. Ihre Realität liegt in ihrer funktionalen Rolle innerhalb empirischer Theorien, nicht in einer unabhängigen metaphysischen Existenz.
Reichenbach, H. (1928). Philosophie der Raum-Zeit-Lehre. Berlin – Leipzig, Walter de Gruyter & Co.
Nur der reale Ablauf kausaler Prozesse hat den Charakter einer Zeitfolge; irreale Folgen erhalten ihre Zeitordnung nur als Ausfluß eines im System definierten Zeitvergleichs.
Reichenbach, H. (1928). Philosophie der Raum-Zeit-Lehre. Berlin – Leipzig, Walter de Gruyter & Co. (S. 183)
Jeder Zeitablauf ist für uns an ein Geschehen geknüpft; anders wäre er gar nicht wahrnehmbar. Die Zeitmessung beruht deshalb auf einer Annahme über den Ablauf gewisser realer Mechanismen.
Reichenbach, H. (1928). Philosophie der Raum-Zeit-Lehre. Berlin – Leipzig, Walter de Gruyter & Co. (S. 146)
