Entsubjektivierung
Für Gadamer ist das Spiel kein Akt souveräner Subjekte, sondern ein Geschehen, das die Spielenden ergreift. „Das eigentliche Subjekt des Spiels ist nicht der Spieler, sondern das Spiel selbst.“ Damit wird das moderne Primat des Bewusstseins relativiert. Wer spielt, geht in eine Bewegungsstruktur ein, die ihn trägt und leitet. Das Hin und Her des Spiels – seine Eigendynamik – ist nicht bloß psychologisch erklärbar, sondern ontologisch bedeutsam: Sein ereignet sich im Vollzug, nicht im inneren Erleben. Diese Entsubjektivierung öffnet den Blick für ein Verständnis von Wahrheit als Teilnahme an einem Geschehen, das größer ist als individuelle Intentionalität.
Prozessualität
Spiel ist für Gadamer wesentlich Bewegung. Es besitzt kein äußeres Ziel, sondern erfüllt sich im Vollzug selbst. Diese Selbstbewegung – das rhythmische Hin und Her – ist nicht bloß zeitlicher Ablauf, sondern Ausdruck einer Seinsweise. Sein zeigt sich als Ereignis, nicht als statische Substanz. In diesem Sinne ist Spiel paradigmatisch für hermeneutisches Verstehen: Auch Verstehen ist kein technisches Anwenden von Methoden, sondern ein lebendiger Prozess, der sich zwischen den Beteiligten entfaltet. Wahrheit geschieht im dialogischen Vollzug. Ontologisch heißt das: Wirklichkeit ist nicht primär Dinghaftigkeit, sondern sich vollziehende Beziehung.
Strukturwerdung
Obwohl Spiel Prozess ist, bleibt es nicht form- oder gestaltlos. Gadamer spricht von der „Verwandlung ins Gebilde“: Im Vollzug gewinnt das Spiel eine objektive Form. Besonders im Kunstwerk wird diese Struktur sichtbar – es ist nicht bloß Erlebnis, sondern ein sinnhaftes Ganzes mit eigener Ordnung. Diese Struktur überdauert den einzelnen Akt und macht das Spiel wiederholbar und verstehbar. Ontologisch bedeutet das: Das Ereignis sedimentiert sich zur Form. Spiel bringt eine Sinnstruktur hervor, die Bestand hat und erneut aktualisiert werden kann. So verbindet Gadamer Prozess und Gestalt – Bewegung und Form sind keine Gegensätze, sondern Momente desselben Seinsgeschehens.
Gadamer, H.-G. (1960). Wahrheit und Methode. Tübingen 2010, Mohr-Siebeck.
Gadamer, H.-G. (1977). Die Aktualität des Schönen. Stuttgart, Reclam.
Denn das Spiel hat ein eigenes Wesen, unabhängig von dem Bewusstsein derer, die spielen. Spiel ist auch dort, ja eigentlich dort, wo kein Fürsichsein der Subjektivität den thematischen Horizont begrenzt und wo es keine Subjekte gibt, die sich spielend verhalten. Das Subjekt des Spiels sind nicht die Spieler, sondern das Spiel kommt durch die Spielenden lediglich zur Darstellung.
Gadamer, H.-G. (1960). Wahrheit und Methode. Tübingen 2010, Mohr-Siebeck. (S. 108)
Es ist das Spiel, das gespielt wird oder sich abspielt – es ist kein Subjekt dabei festgehalten, das da spielt. Das Spiel ist Vollzug der Bewegung als solcher.
Gadamer, H.-G. (1960). Wahrheit und Methode. Tübingen 2010, Mohr-Siebeck. (S. 109)
Die Seinsweise des Spieles ist also nicht von der Art, daß ein Subjekt da sein muß, das sich spielend verhält, so daß das Spiel gespielt wird. Vielmehr ist der ursprünglichste Sinn von Spielen der mediale Sinn.
Gadamer, H.-G. (1960). Wahrheit und Methode. Tübingen 2010, Mohr-Siebeck. (S. 109)
Für die Sprache ist das eigentliche Subjekt des Spieles offenbar nicht die Subjektivität dessen, der unter anderen Betätigungen auch spielt, sondern das Spiel selbst.
Gadamer, H.-G. (1960). Wahrheit und Methode. Tübingen 2010, Mohr-Siebeck. (S. 110)
Betrachten wir den Wortgebrauch von Spiel, indem wir die sogenannten übertragenen Bedeutungen bevorzugen, so ergibt sich: Wir reden vom Spiel des Lichtes, vom Spiel der Wellen, vom Spiel des Maschinenteils in einem Kugellager, vom Zusammenspiel der Glieder, vom Spiel der Kräfte, vom Spiel der Mücken, ja sogar vom Wortspiel. Immer ist da das Hin und Her einer Bewegung gemeint, die an keinem Ziele festgemacht ist, an dem sie endet.
Gadamer, H.-G. (1960). Wahrheit und Methode. Tübingen 2010, Mohr-Siebeck. (S. 109)
Die Bewegung, die Spiel ist, hat kein Ziel, in dem sie endet, sondern erneuert sich in beständiger Wiederholung.
Gadamer, H.-G. (1960). Wahrheit und Methode. Tübingen 2010, Mohr-Siebeck. (S. 109)
Vielmehr können wir umgekehrt vom Menschen sagen, daß auch er spielt. Auch sein Spiel ist ein Naturvorgang. Auch der Sinn seines Spielens ist, gerade weil er und soweit er Natur ist, ein reines Sichselbstdarstellen.
Gadamer, H.-G. (1960). Wahrheit und Methode. Tübingen 2010, Mohr-Siebeck. (S. 111)
Das Spiel stellt offenbar eine Ordnung dar, in der sich das Hin und Her der Spielbewegung wie von selbst ergibt.
Gadamer, H.-G. (1960). Wahrheit und Methode. Tübingen 2010, Mohr-Siebeck. (S. 110)
Die Regeln und Ordnungen, die die Ausfüllung des Spielraums vorschreiben, machen das Wesen des Spiels aus. Das gilt in aller Allgemeinheit dort, wo überhaupt Spiel vorliegt.
Gadamer, H.-G. (1960). Wahrheit und Methode. Tübingen 2010, Mohr-Siebeck. (S. 112)
Ich nenne diese Wendung, in der das menschliche Spiel seine eigentliche Vollendung, Kunst zu sein, „Verwandlung ins Gebilde“. Erst drch diese Wendung gewinnt das Spiel seine Idealität, so daß es als dasselbe gemeint und verstanden werden kann. Erst jetzt zeigt es sich wie abgelöst von dem darstellenden Tun der Spieler und besteht in der reinen Erscheinung dessen, was sie spielen. Als solche ist das Spiel – auch das Unvorhergesehene der Improvisation – prinzipiell wiederholbar und insofern bleibend. Es hat den Charakter des Werkes, des „Ergon“ und nicht nur der „Energeia“. In diesem Sinne nenne ich es ein Gebilde.
Gadamer, H.-G. (1960). Wahrheit und Methode. Tübingen 2010, Mohr-Siebeck. (S. 116)
