Gottfried Wilhelm Leibniz

 

Monaden
Die Wirklichkeit besteht aus einfachen, nicht-materiellen Einheiten („Monaden“), die keine kausale Wechselwirkung haben, sondern jeweils ihre eigene innere Perspektive auf das Ganze entfalten.

Prästabilierte Harmonie
Obwohl Monaden nicht interagieren, stimmen ihre Zustände perfekt überein – weil Gott sie von Anfang an so aufeinander abgestimmt hat. Weltordnung ohne direkte Kausalverknüpfung.

Bestmögliche Welt
Gott hat aus allen logisch möglichen Welten jene realisiert, die insgesamt die größte Vollkommenheit besitzt – trotz lokaler Übel und Unvollkommenheiten.

Perspektivität

Für Gottfried Wilhelm Leibniz ist Perspektivität ein Grundzug der Wirklichkeit selbst. Die Welt besteht aus einer Vielzahl einfacher Einheiten, von denen jede das Ganze auf ihre eigene Weise ausdrückt. Es gibt kein neutrales Außen und keine vollständige Übersichtsperspektive; jede Erkenntnis ist an einen bestimmten Standpunkt gebunden. Dennoch führt diese Vielfalt nicht zu Beliebigkeit oder Chaos. Die unterschiedlichen Perspektiven sind strukturell aufeinander bezogen und bilden eine geordnete Vielheit. Wahrheit erscheint nicht als identische Kopie einer objektiven Welt, sondern als je eigene, partielle Entfaltung eines gemeinsamen Zusammenhangs. Wirklichkeit ist daher nicht eine einheitliche Darstellung, sondern ein Geflecht miteinander korrespondierender Sichtweisen, deren Ordnung nicht aus direkter Wechselwirkung, sondern aus ihrer inneren Stimmigkeit hervorgeht.

 

Ordnung ohne Wechselwirkung

Für Leibniz ist Ordnung nicht das Ergebnis direkter kausaler Wechselwirkungen zwischen den grundlegenden Einheiten der Wirklichkeit. Die einzelnen Monaden beeinflussen einander nicht, sondern entfalten ihre Zustände aus inneren Prinzipien. Dennoch entsteht eine hochgradig kohärente Welt, weil diese inneren Entwicklungen von Anfang an aufeinander abgestimmt sind. Ordnung beruht somit nicht auf Austausch, Durchgriff oder Steuerung, sondern auf struktureller Koordination. Ereignisse erscheinen wechselseitig sinnvoll aufeinander bezogen, obwohl keine reale Interaktion zwischen den Trägern dieser Ereignisse stattfindet. Die Einheit der Welt ergibt sich aus der Übereinstimmung vieler autonomer Entwicklungen, nicht aus ihrer Vermischung. Ordnung ist daher kein Produkt äußerer Regelung, sondern Ausdruck einer im Voraus gegebenen Passung der Perspektiven und Prozesse.

Möglichkeitsräume

Für Leibniz ist die Wirklichkeit aus einem Raum von Möglichkeiten hervorgegangen, der logisch reichhaltiger ist als das tatsächlich Existierende. Unzählige mögliche Welten sind denkbar, doch nur eine wird verwirklicht. Diese Auswahl ist weder zufällig noch notwendig, sondern erfolgt nach Prinzipien von Kohärenz, Vollständigkeit und Ordnung. Möglichkeit bezeichnet bei Leibniz keine bloße Vorstellung, sondern reale Strukturierbarkeit: Möglichkeiten stehen in systematischen Beziehungen zueinander und bilden konsistente Gefüge. Das Wirkliche ist daher nicht das einzig Mögliche, sondern das Resultat einer Auswahl innerhalb geordneter Möglichkeiten. Kontingenz bedeutet hier nicht Beliebigkeit, sondern Realisierung unter Bedingungen. Die bestehende Welt bleibt auf alternative Ausformungen bezogen, die unausgeführt bleiben, aber den Sinn und die Struktur des Wirklichen mitbestimmen.

Clarke, S. (1990). Der Briefwechsel mit G.W.Leibniz von 1715/1716. Hamburg, Meiner Verlag.
Leibniz, G. W. (1714). Monadologie. Norderstedt, BoD.

Diese Verknüpfung nun oder Anpassung aller geschaffenen Dinge untereinander und die Verbindung somit jedes einzelnen von ihnen zum ganzen Rest ergibt, dass jede einfache Substanz beziehungsweise alle anderen bedeutet und infolgedessen ein dauerhaft lebendiger Spiegel der Welt ist. Gott hat die Monaden in ein solches Verhältnis gesetzt, dass ihre Entfaltung die beste aller Welten bewirkt. Daran ist jede Einheit der Schöpfung beteiligt. Jede bedeutet und spiegelt dadurch die Mitwirkung aller anderen.

Leibniz, G. W. (1714). Monadologie. Norderstedt, Books on Demand – 2022.
(p. 70)

Leibniz, 1714

Perspektivität

Und wie ein und dieselbe Stadt, aus unterschiedlichen Winkeln betrachtet, unentwegt anders anmutet, sozusagen perspektivisch vermehrt, so gibt es – ganz ähnlich – gemäß der Vielfalt einfacher Substanzen zahlreiche verschiedene Welten, die jedoch nichts weiter als Ansichten desselben Universums sind aus den Warten seiner einzelnen Monaden. Jedes Foto von Venedig ist anders. Weil es von einer anderen Stelle aufgenommen wurde. Aber alle Fotos zeigen dieselbe Stadt. Ebenso ist jede Monade anders. Aber alle vergegenwärtigen dasselbe Universum. Jede gemäß ihrer Rolle im Schöpfungsplan Gottes.

Leibniz, G. W. (1714). Monadologie. Norderstedt, Books on Demand – 2022.
(p. 71)

Leibniz, 1714

Perspektivität

Ich sage keineswegs, daß die Materie und der Raum ein und dieselbe Sache sind; ich sage lediglich, daß es keinerlei Raum gibt, wo es keinerlei Materie gibt; und daß der Raum für sich selbst durchaus keine absolute Wirklichkeit hat. Der Raum und die Materie unterscheiden sich wie die Zeit und die Bewegung. Diese Dinge sind, wenngleich voneinander verschieden, doch nicht voneinander zu trennen.

Clarke, S. (1990). Der Briefwechsel mit G.W.Leibniz von 1715/1716. Hamburg, Meiner Verlag.
(§62, S.86).

Leibniz, 1716

Perspektivität