Unendlichkeit
Unendlichkeit ist für Cantor kein bloßer Grenzbegriff des Endlichen und auch kein unabschließbarer Prozess, sondern eine aktuelle, vollständig bestimmte Seinsweise mathematischer Gegenstände. Unendliche Mengen existieren ebenso legitim wie endliche, unabhängig davon, ob sie anschaulich vorstellbar sind. Entscheidend ist, dass Unendlichkeit denk- und behandlungsfähig wird, ohne auf das Endliche reduziert zu werden. Cantor unterscheidet dabei strikt zwischen der mathematischen Unendlichkeit (dem Transfiniten) und dem Absoluten, das er dem Göttlichen vorbehält. Philosophisch bedeutet dies: Das Denken ist nicht an Endlichkeit gebunden. Es kann konsistente Strukturen jenseits aller empirischen Erfahrung erfassen, ohne in Widerspruch oder Mystik abzugleiten.
Mächtigkeit
Mächtigkeit bezeichnet bei Cantor das Maß der Größe einer Menge, unabhängig von ihrer Natur oder Ordnung. Zwei Mengen sind gleich mächtig, wenn ihre Elemente paarweise eindeutig zugeordnet werden können. Dieser Gedanke löst den Größenbegriff von Zählbarkeit im endlichen Sinn und macht ihn relational. Für die Unendlichkeit ist dies entscheidend: Erst über Mächtigkeit wird sichtbar, dass es verschiedene Größen von Unendlichkeit gibt. Eine Teilmenge kann dieselbe Mächtigkeit haben wie das Ganze, ohne Widerspruch. Philosophisch markiert Mächtigkeit einen Übergang von substanziellem zu strukturellem Denken: Größe ist keine Eigenschaft der Dinge selbst, sondern der Beziehungen zwischen ihnen.
Ordnung
Ordnung betrifft nicht das Wie-viele, sondern das Wie-nacheinander. Ordinalzahlen erfassen die Struktur einer Menge hinsichtlich Anfang, Nachfolge und Stufenfolge. Auch im Unendlichen gibt es für Cantor ein „erstes“, ein „nächstes“, ein „darüber hinaus“. Diese Ordnung ist nicht zeitlich, sondern logisch. Sie macht sichtbar, dass Unendlichkeit intern differenziert ist und nicht als homogenes Ganzes verstanden werden darf. Während Mächtigkeit Unendlich-keiten vergleicht, artikuliert Ordnung ihre innere Gestalt. Philosophisch zeigt sich hier: Unendlichkeit ist nicht Chaos oder bloßes Mehr, sondern eine geordnete, schrittweise erweiterbare Struktur des Denkens.
Bandmann, H. (1992). Die Unendlichkeit des Seins – Cantors transfinite Mengenlehre und ihre metaphysischen Wurzeln.
Frankfurt am Main, Verlag Peter Lang
Cantor, G. (1882). Grundlagen einer allgemeinen Mannichfaltigkeitslehre – Ein mathematisch-philosophischer Versuch
in der Lehre des Unendlichen. Leipzig, B.Teubner Verlag.
Meschkowsky, H. (1967). Probleme des Unendlichen – Werk und Leben Georg Cantors. Wiesbaden, Springer.
Dabei zeigt es sich, dass das Verhalten der Function in der Nähe des unendlich fernen Punktes genau dieselben Vorkommnisse darbietet, wie an jedem andern, im Endlichen gelegenen Punkte, so dass hieraus die volle Berechtigung dafür gefolgert wird, das Unendliche in diesem Falle in einen ganz bestimmten Punkt verlegt zu denken.
Wenn das Unendliche in solch einer bestimmten Form auftritt, so nenne ich es Eigentlich-Unendliches.
Cantor, G. (1882). Grundlagen einer allgemeinen Mannichfaltigkeitslehre – Ein mathematisch-philosophischer Versuch in der Lehre des Unendlichen Leipzig, B.Teubner Verlag. (S. 2)
