Epoché
Bei Edmund Husserl bezeichnet die Epoché eine methodische Enthaltung: Die natürliche Einstellung, in der die Existenz der Welt als selbstverständlich gilt, wird nicht bestritten, sondern bewusst eingeklammert. Dadurch richtet sich die Aufmerksamkeit nicht mehr auf das Was der Dinge, sondern auf das Wie ihres Erscheinens. Die Epoché eröffnet einen reflexiven Raum, in dem Sinn, Bedeutung und Geltung als Vollzüge sichtbar werden, statt als fertige Eigenschaften. Entscheidend ist, dass diese Haltung kein theoretischer Skeptizismus ist, sondern eine praktische Umstellung des Bezugs zur Welt. Sie erlaubt, Regeln, Zwecke und Selbstverständlichkeiten vorübergehend zu suspendieren, ohne Orientierung oder Verbindlichkeit aufzugeben. Auf diese Weise wird erfahrbar, dass Sinn nicht entdeckt, sondern im Vollzug hervorgebracht und stabilisiert wird.
Intentionalität
Für Edmund Husserl ist Intentionalität die Grundstruktur des Bewusstseins: Jedes Bewusstsein ist stets Bewusstsein von etwas. Damit ist Bewusstsein kein in sich geschlossener Innenraum, sondern ein gerichteter Vollzug, in dem sich Gegenstände, Bedeutungen und Werte erst konstituieren. Entscheidend ist, dass Intentionalität nicht auf mentale Repräsentationen reduziert wird, sondern die relationale Struktur des Erscheinens bezeichnet. Wahrnehmen, Erinnern, Urteilen oder Phantasieren sind jeweils spezifische Weisen, in denen sich etwas zeigt. Sinn ist daher kein fertiges Objekt, sondern entsteht im Zusammenspiel von intentionalem Akt und Gegebenheitsweise. Husserl macht damit verständlich, dass Bedeutung weder rein subjektiv noch objektiv vorliegt, sondern sich im lebendigen Vollzug stabilisiert und verändert.
Lebenswelt
Bei Edmund Husserl bezeichnet die Lebenswelt den vor-theoretischen Horizont aller Erfahrung, der jedem wissenschaftlichen, philosophischen oder alltäglichen Urteil bereits vorausliegt. Sie ist die Welt, wie sie im praktischen Handeln, Wahrnehmen und Miteinander-Sein selbstverständlich gegeben ist, lange bevor sie begrifflich erfasst oder erklärt wird. Husserl betont, dass auch die exaktesten Wissenschaften ihre Sinn- und Geltungsgrundlage aus dieser ursprünglichen Erfahrungswelt beziehen, ohne sie vollständig einholen zu können. Die Lebenswelt ist dabei kein statischer Hintergrund, sondern ein dynamischer Sinnzusammenhang, der sich historisch, kulturell und intersubjektiv ausbildet. Sinn entsteht hier nicht durch abstrakte Theorien, sondern durch gelebte Praxis, Gewohnheit und geteilte Orientierung in einer gemeinsamen Welt.
Husserl, E. (1901). Logische Untersuchungen. Hamburg, Meiner – 2013.
Husserl, E. (1907). Die Idee der Phänomenologie. Hamburg, Meiner – 1986.
Husserl, E. (1929). Cartesianische Meditationen. Hamburg, Meiner – 2012.
Husserl, E. (1936). Die Krisis der europäischen Wissenschaften
und die transzendentale Phänomenologie. Hamburg, Meiner – 2012.
Bei jeder erkenntnistheoretischen Untersuchung, sei es dieses oder jenes Erkenntnistypus, ist die erkenntnistheoretische
R e d u k t i o n zu vollziehen, d.h. alle dabei mitspielende Transzendenz mit dem Index der Ausschaltung zu behaften, oder mit dem Index der Gleichgiltigkeit, der erkenntnis-theoretischen Nullität, mit einem Index, der da sagt: die Existenz aller dieser Transzendenzen, ob ich sie glauben mag oder nicht, geht mich hier nichts an, hier ist nicht der Ort, darüber zu urteilen, das bleibt ganz außer Spiel.
Husserl, E. (1907). Die Idee der Phänomenologie. Hamburg, Meiner – 1986. (2. Vorlesung, p.39)
Erst durch eine Reduktion, die wir auch schon
p h ä n o m e n o l o g i s c h e
R e d u k t i o n nennen wollen, gewinne ich eine absolute Gegebenheit, die nichts von Transzendenz mehr bietet. Stelle ich Ich und Welt und Icherlebnis als solches in Frage, so ergibt die einfach schauende Reflexion auf das Gegebene in der Apperzeption des betreffenden Erlebnisses, auf mein Ich, das P h ä n o m e n dieser Apperzeption: das Phänomen etwa „Wahrnehmung aufgefaßt als meine Wahrnehmung“.
Husserl, E. (1907). Die Idee der Phänomenologie. Hamburg,
Meiner – 1986. (3. Vorlesung, p.44)
Mit der Epoché bezeichnet Edmund Husserl die methodische Enthaltung vom Urteil über die Existenz der Welt.
Die alltägliche Geltung von Dingen, Personen und Zusammenhängen wird dabei nicht bestritten, sondern bewusst „eingeklammert“, um sie für die Untersuchung außer Spiel zu setzen. Diese erkenntnistheoretische Reduktion richtet den Blick auf das Wie des Gegebenseins von Erfahrung. In der phänomenologischen Reduktion wird so nicht der Gegenstand aufgehoben, sondern der Vollzug thematisch, in dem er erscheint:
Wahrnehmung, Denken oder Urteilen werden als je eigene Erlebnisweisen explizit gemacht. Die Epoché eröffnet damit einen reflexiven Raum, in dem Sinn nicht vorausgesetzt, sondern in seinem Entstehen sichtbar wird.
Jedes cogito, jedes Bewußtseinserlebnis, so sagen wir auch, meint irgend etwas und trägt in dieser Weise des Gemeinten in sich selbst sein jeweiliges cogitatum, und jedes tut das in seiner Weise.
Husserl, E. (1929). Cartesianische Meditationen. Hamburg, Meiner – 2012. (p. 34).
Die Lebenswelt ist erschließbar als ein Reich „anonym“ gebliebener subjektiver Phänomene
Husserl, E. (1936). Die Krisis der europäischen Wissenschaften und die transzendentale Phänomenologie. Hamburg, Meiner – 2012. (p. 120).
Sowie wir, mit Kant philosophierend, anstatt von seinem Anfang und auf seinen Wegen vorwärts zu schreiten, auf solche Selbstverständlichkeiten zurückfragen (von denen das Kantische Denken wie jedermanns Denken als fraglos bereiten Selbstverständlichkeiten Gebrauch macht), sowie wir ihrer als „Voraussetzungen“ bewußt werden und sie eines eigenen universalen und theoretischen Interesses würdigen, erschließt sich uns mit wachsendem Staunen eine Unendlichkeit von immer neuen Phänomenen einer neuen Dimension, nur ans Licht kommend durch konsequentes Eindringen in die Sinn- und Geltungsimplikationen jener Selbstverständlichkeiten; eine Unendlichkeit, weil sich im fortgesetzten Eindringen zeigt, daß jedes in dieser Sinnentfaltung erreichte und zunächst lebensweltlich als selbstverständlich seiend gegebene Phänomen selbst schon Sinn- und Geltungsimplikationen in sich trägt.
Husserl, E. (1936). Die Krisis der europäischen Wissenschaften und die transzendentale Phänomenologie. Hamburg, Meiner – 2012. (p. 120)
