Jahre

Die begriffliche Architektur von
Process and Reality

Dieser Beitrag ist die deutschsprachige Fassung meines englischen Aufsatzes „Reconstructing Whitehead: Understanding the Conceptual Architecture of Process and Reality“, der auf meiner englischsprachigen Research-Seite veröffentlicht wurde. Inhaltlich entsprechen sich beide Fassungen; die deutsche Version richtet sich an die Leserinnen und Leser meines Blogs Spuren.

1. Einleitung

Alfred North Whiteheads Process and Reality gilt als eines der originellsten und einflussreichsten philosophischen Werke des 20. Jahrhunderts. Seine Wirkung reicht weit über die Philosophie hinaus und erstreckt sich auf Theologie, Ökologie, Systemtheorie und die Prozessphilosophie insgesamt. Zugleich zählt das Werk zu den anspruchsvollsten philosophischen Texten überhaupt. Seine hochgradig technische Terminologie, die nichtlineare Gliederung und die ständigen Übergänge zwischen Ontologie, Metaphysik, Kosmologie und Theologie erschweren es selbst erfahrenen Leserinnen und Lesern, den eigentlichen Gedankengang des Werkes zu erkennen.

Viele Einführungen in Whiteheads Philosophie konzentrieren sich deshalb darauf, seine Terminologie zu erläutern oder einzelne Kapitel zu kommentieren. Solche Arbeiten sind für das historische Verständnis unverzichtbar. Sie vermitteln jedoch häufig eher ein Mosaik einzelner Begriffe als einen Blick auf den inneren Aufbau des Werkes. Die begriffliche Architektur von Process and Reality – also die Abfolge der Gedanken, aus der sich Whiteheads System entwickelt – bleibt hinter der Komplexität seiner Darstellung oft verborgen.

Dieser Aufsatz verfolgt daher ein anderes Ziel. Er versteht sich weder als weiterer Kommentar zu Whiteheads Text noch als umfassende historische Interpretation. Sein Anliegen besteht vielmehr darin, den philosophischen Kern von Process and Reality zu rekonstruieren, indem die zentralen ontologischen Ideen in einer logisch nachvollziehbaren und systematisch geordneten Form dargestellt werden. Anstelle der Reihenfolge des Originals folgt die Darstellung den begrifflichen Abhängigkeiten zwischen Whiteheads Schlüsselgedanken. Ziel ist es, die argumentative Struktur sichtbar zu machen, die dem Werk zugrunde liegt.

Die Rekonstruktion beginnt mit der philosophischen Frage, von der Whiteheads Denken ausgeht: Wie kann eine Welt, die sich fortwährend verändert, dennoch dauerhafte Formen der Stabilität hervorbringen? Von dort aus wird Whiteheads grundlegender Übergang von einer substanzorientierten zu einer prozessorientierten Ontologie nachgezeichnet und die daraus entstehende begriffliche Architektur Schritt für Schritt rekonstruiert. Erst auf dieser Grundlage werden Whiteheads technische Begriffe eingeführt und in den Zusammenhang des Gesamtsystems eingeordnet.

Ein weiteres Anliegen dieses Aufsatzes besteht darin, den ontologischen Kern von Whiteheads Philosophie von den metaphysischen und theologischen Annahmen zu unterscheiden, die sein ausgereiftes System ebenfalls umfasst. Whitehead verbindet beide zu einer umfassenden Kosmologie. Die vorliegende Untersuchung verfolgt jedoch eine bewusst engere philosophische Fragestellung: Welche begrifflichen Elemente sind für das Verständnis seiner Prozessontologie unverzichtbar, und welche stellen darüber hinausgehende metaphysische Erweiterungen dar? Diese Unterscheidung soll die Bedeutung von Whiteheads umfassender Vision keineswegs schmälern. Sie dient vielmehr dazu, die logische Struktur seines ontologischen Entwurfs deutlicher hervortreten zu lassen.

2. Methodisches Vorgehen

Dieser Aufsatz verfolgt einen rekonstruktiven und keinen exegetischen Ansatz. Sein Ziel besteht weder darin, Process and Reality Kapitel für Kapitel zu kommentieren noch eine historische Interpretation von Whiteheads Werk vorzulegen. Im Mittelpunkt steht vielmehr die Rekonstruktion der begrifflichen Architektur, auf der seine Prozessontologie beruht. Daher richtet sich der Blick nicht auf die Reihenfolge der Darstellung im Originaltext, sondern auf die logischen Beziehungen zwischen Whiteheads zentralen Gedanken.

Whitehead entwickelt seine Philosophie als dichtes Geflecht miteinander verbundener Begriffe und kehrt im Verlauf des Werkes immer wieder aus unterschiedlichen Perspektiven zu seinen Grundideen zurück. Definitionen, Argumente, Beispiele und weiterführende metaphysische Überlegungen sind dabei eng miteinander verwoben. Dadurch wird es oft schwierig, den Gedankengang zu erkennen, der das System im Inneren zusammenhält. Die Gliederung seines Werkes entspricht daher nicht immer der logischen Struktur des philosophischen Arguments.

Die vorliegende Rekonstruktion folgt deshalb einem anderen Ordnungsprinzip. Sie beginnt mit dem philosophischen Problem, auf das Whiteheads Ontologie eine Antwort gibt. Von dort führt sie zu seinem grundlegenden Übergang von einer substanzorientierten zu einer prozessorientierten Sicht der Wirklichkeit und rekonstruiert anschließend den begrifflichen Zusammenhang, der sich aus diesem Perspektivwechsel ergibt. Erst nachdem dieses Fundament gelegt ist, werden Whiteheads technische Begriffe eingeführt – nicht als Ausgangspunkt der Erklärung, sondern als begrifflicher Ausdruck bereits entwickelter Zusammenhänge. Das Verständnis geht somit der Terminologie voraus und nicht umgekehrt.

Ein zweites methodisches Prinzip betrifft das Verhältnis von Ontologie und Theologie. In Process and Reality erscheinen beide als Bestandteile eines umfassenden metaphysischen Systems. Der vorliegende Aufsatz verfolgt jedoch weder das Ziel, Whiteheads theologische Annahmen zu bewerten, noch sie neu zu interpretieren. Stattdessen geht er der Frage nach, ob sich die Grundstruktur seiner Prozessontologie auch unabhängig von diesen Annahmen verstehen lässt. Deshalb wird zunächst das ontologische Argument rekonstruiert, während die theologischen Aspekte erst später und im Zusammenhang ihrer Funktion innerhalb des Gesamtsystems behandelt werden.

3. Das philosophische Problem

Jede Ontologie beginnt mit einer grundlegenden Frage nach der Natur der Wirklichkeit. Über weite Strecken der abendländischen Philosophie wurde diese Frage dadurch beantwortet, dass man untersuchte, welche Dinge existieren und welche Eigenschaften ihnen zukommen. Seit Aristoteles gelten Substanzen häufig als die grundlegenden Bausteine der Wirklichkeit, während Veränderung als etwas verstanden wird, das sich an bleibenden Entitäten vollzieht. So unterschiedlich die einzelnen philosophischen Systeme auch sind, teilen sie trotzdem oft eine gemeinsame Annahme: Beständigkeit ist ontologisch grundlegender als das Werden.

Gerade diese Annahme führt allerdings zu einem grundlegenden Problem. Die Welt, der wir tatsächlich begegnen, ist nicht statisch, sondern in ständiger Veränderung begriffen. Lebewesen entwickeln sich, Gesellschaften wandeln sich, Flüsse fließen, Sterne entstehen und vergehen, und selbst die stabilsten Gegenstände unterliegen fortwährend physikalischen Veränderungen. Wandel ist keine gelegentliche Eigenschaft der Wirklichkeit, sondern eines ihrer grundlegendsten Merkmale. Eine Ontologie, die Stabilität zur primären Kategorie erhebt, muss deshalb erklären, wie Veränderung überhaupt möglich ist. Umgekehrt muss eine Ontologie, die beim Werden ansetzt, erklären, wie aus fortwährender Veränderung stabile Strukturen hervorgehen können.

Diese Spannung zwischen Werden und Beständigkeit prägt das philosophische Denken seit der Antike. Heraklit betonte den unaufhörlichen Wandel der Wirklichkeit, während Parmenides den Vorrang des unveränderlichen Seins verteidigte. Ein großer Teil der späteren Philosophie lässt sich als der Versuch verstehen, diese beiden Perspektiven miteinander zu verbinden und sowohl Kontinuität als auch Veränderung innerhalb eines gemeinsamen begrifflichen Rahmens zu erklären.

Whiteheads Philosophie steht in dieser Tradition, geht das Problem jedoch von einer grundsätzlich anderen Seite an. Er fragt nicht mehr, wie sich stabile Dinge verändern, sondern wie innerhalb einer Welt, deren grundlegender Charakter Prozess ist, überhaupt relativ stabile Dinge entstehen können. Damit kehrt sich die traditionelle Reihenfolge der Erklärung um. Stabilität bildet nicht länger den Ausgangspunkt, von dem aus Veränderung verständlich gemacht werden muss. Stattdessen wird das Werden zur primären ontologischen Kategorie, während stabile Strukturen selbst erklärungsbedürftig werden.

Das zentrale philosophische Problem von Process and Reality lässt sich daher in einer einzigen Frage zusammenfassen:

Wie kann eine Welt des fortwährenden Werdens stabile Formen des Seins hervorbringen, ohne den Vorrang des Prozesses aufzugeben?

Diese Frage hat weitreichende Konsequenzen. Wenn Wirklichkeit ihrem Wesen nach dynamisch ist, können Objekte nicht länger als in sich abgeschlossene Substanzen verstanden werden, die unabhängig von ihren Beziehungen existieren. Ihre scheinbare Beständigkeit muss vielmehr als Ergebnis fortdauernder Prozesse begriffen werden. Ebenso können Relationen nicht mehr als nachträgliche Verbindungen zwischen bereits bestehenden Dingen aufgefasst werden. Sie gehören vielmehr zur Konstitution der Dinge selbst.

4. Whiteheads ontologischer Perspektivwechsel

Whiteheads Antwort auf das im vorherigen Kapitel formulierte philosophische Problem beginnt mit einer grundlegenden Abkehr von der traditionellen Substanzmetaphysik. Die zentrale Neuerung seiner Philosophie beschreibt er selbst mit den Worten:

„The result is that the ‘substance-quality’ concept is avoided;
and that morphological description is replaced by description of dynamic process.“
(Process and Reality, p. 7)

Dieser kurze Satz bringt den grundlegenden Perspektivwechsel auf den Punkt, der Process and Reality zugrunde liegt. Whitehead modifiziert den traditionellen Substanzbegriff nicht, sondern entzieht ihm seine erklärende Vorrangstellung. Wirklichkeit wird nicht länger als Gesamtheit dauerhafter Dinge verstanden, die sich gelegentlich verändern. Sie erscheint vielmehr als ein fortwährender Prozess, in dem sich relativ stabile Formen aus den fortlaufenden Mustern des Werdens herausbilden.

Dieser Perspektivwechsel ist weit mehr als eine neue Terminologie. Er verändert die Logik ontologischer Erklärung. In substanzorientierten Ontologien gilt Beständigkeit als das Primäre, während Veränderung als Eigenschaft bereits bestehender Dinge erklärt werden muss. Whitehead kehrt dieses Verhältnis um. Das Werden wird zur primären ontologischen Kategorie, während Beständigkeit selbst erklärungsbedürftig wird. Stabilität wird nicht mehr vorausgesetzt, sondern als Ergebnis von Prozessen verstanden.

Whiteheads Kritik richtet sich dabei nicht allein gegen den Begriff der Substanz, sondern gegen das klassische Substanz-Eigenschafts-Modell, in dem bleibende Dinge als Träger von Eigenschaften aufgefasst werden. Indem er dieses Denkmodell aufgibt, eröffnet er die Möglichkeit, Wirklichkeit nicht länger als statische Konstitution, sondern als dynamische Organisation zu beschreiben.

Mit diesem Perspektivwechsel verändert sich zugleich die Bedeutung von Relationen. In der klassischen Substanzmetaphysik gelten Beziehungen im Allgemeinen als etwas Nachgeordnetes. Zunächst existiert ein Ding für sich; erst danach kann es mit anderen Dingen in Beziehung treten. Whitehead weist diese Reihenfolge zurück. Wenn Wirklichkeit ihrem Wesen nach prozesshaft ist, können Relationen nicht lediglich unabhängig bestehende Dinge miteinander verbinden. Sie wirken an der Konstitution dieser Dinge selbst mit. Existenz ist daher von Grund auf relational und nicht in sich abgeschlossen.

Aus dieser Perspektive erhält auch die Unterscheidung zwischen Prozess und Objekt eine neue Bedeutung. Objekte werden keineswegs aus der Wirklichkeit verbannt oder als bloße Erscheinungen betrachtet. Sie werden vielmehr als relativ stabile Muster innerhalb fortdauernder Prozesse verstanden. Ihre scheinbare Beständigkeit beruht nicht auf einer unveränderlichen Substanz, sondern auf der Kontinuität einer dynamischen Organisation. Was uns als stabiles Objekt erscheint, ist Ausdruck einer Ordnung, die sich im fortwährenden Werden immer wieder neu erhält.

Dieselbe Umkehrung gilt auch für den Begriff der Identität. Innerhalb einer Substanzontologie wird Identität gewöhnlich als numerische Selbigkeit durch die Zeit verstanden: Ein Ding bleibt trotz zufälliger Veränderungen dasselbe. Whitehead dagegen versteht Identität als Kontinuität eines Prozesses. Nicht ein unveränderlicher Kern sichert das Fortbestehen, sondern die fortlaufende Organisation des Werdens. An die Stelle der Unveränderlichkeit tritt die Kontinuität des Prozesses als Grundlage des Beharrens.

Dieser ontologische Perspektivwechsel hat schließlich auch weitreichende Folgen für das Verständnis von Kausalität. Wenn Wirklichkeit ihrem Wesen nach prozesshaft ist, können kausale Beziehungen nicht mehr als Wechselwirkungen vollständig unabhängiger Substanzen verstanden werden. Jedes Ereignis entsteht innerhalb eines Netzes vorausgehender Ereignisse, aus denen es Bedingungen übernimmt und zu denen es zugleich einen eigenen Beitrag leistet. Kausalität ist damit kein äußerliches Verhältnis zwischen fertigen Dingen, sondern gehört zum inneren Vollzug der Wirklichkeit selbst.

Whiteheads Prozessontologie ersetzt also das statische Bild der Wirklichkeit durch ein dynamisches. Sie bestreitet nicht die Existenz dauerhafter Strukturen, erklärt sie jedoch auf eine grundlegend andere Weise. Stabilität, Identität und Ordnung erscheinen nicht länger als ursprüngliche Eigenschaften der Welt, sondern als Phänomene, die aus der fortwährenden Dynamik des Werdens hervorgehen.

Diese Umkehrung der ontologischen Erklärung bildet das philosophische Fundament von Process and Reality. Sobald das Werden als grundlegende Kategorie der Ontologie verstanden wird, lassen sich die weiteren Elemente von Whiteheads System als der Versuch begreifen, die innere Struktur einer Wirklichkeit zu beschreiben, deren fundamentale Existenzweise Prozess ist.

5. Die Grundstruktur der Prozessontologie

Whiteheads Ontologie lässt sich auf eine kleine Zahl miteinander verbundener Grundprinzipien zurückführen. Gemeinsam erklären sie, wie eine Welt des fortwährenden Werdens dennoch Stabilität, Identität und Neuheit hervorbringen kann. Die technischen Begriffe, die Whitehead später in Process and Reality entwickelt, dienen dazu, diese Prinzipien genauer zu beschreiben. Die begriffliche Grundstruktur seiner Prozessontologie lässt sich aber bereits verstehen, ohne seine spezielle Terminologie vorauszusetzen.

5.1 Wirklichkeit besteht aus Ereignissen statt aus Dingen

Whiteheads Ausgangspunkt ist die konsequente Umkehrung der traditionellen Substanzontologie:

„The actual world is a process, and that the process is the becoming of actual entities.“ (Process and Reality, p. 22)

Die Wirklichkeit besteht demnach nicht aus bleibenden Substanzen, an denen sich Veränderung lediglich vollzieht. Sie besteht vielmehr aus Ereignissen, deren eigentliche Existenzweise das Werden ist. Was wir im Alltag als stabile Dinge wahrnehmen, sind daher nicht die grundlegenden Bausteine der Welt, sondern Muster, die sich innerhalb fortdauernder Prozesse herausbilden. Die Welt lässt sich deshalb besser als ein fortwährender Vollzug verstehen denn als eine Ansammlung unabhängig existierender Objekte.

5.2 Jedes Ereignis entsteht aus Relationen

Wenn Wirklichkeit ihrem Wesen nach prozesshaft ist, kann kein Ereignis vollständig isoliert entstehen. Whitehead beschreibt diesen relationalen Charakter der Wirklichkeit mit dem von ihm sogenannten Prinzip der Relativität:

„Every item in its universe is involved in each concrescence. In other words, it belongs to the nature of a ‚being‘ that it is a potential for every ‚becoming.‘ This is the ‚principle of relativity‘.“ (Process and Reality, pp. 22–23)

Dieses Prinzip reicht weit über die gewöhnliche Vorstellung kausaler Wechselwirkungen hinaus. Jeder Akt des Werdens setzt eine bereits vorhandene Welt voraus. Jedes Ereignis übernimmt Aspekte der vorausgegangenen Wirklichkeit und trägt zugleich etwas Neues zur weiteren Entwicklung der Welt bei. Relationen sind deshalb nicht äußere Verbindungen zwischen unabhängig bestehenden Dingen. Sie bilden vielmehr die Bedingungen, unter denen Ereignisse überhaupt entstehen können.

5.3 Werden ist die grundlegende Existenzweise

Wenn jedes Ereignis aus Relationen hervorgeht, muss das Werden selbst als ein schöpferischer Prozess verstanden werden. Whitehead bringt diesen Gedanken mit seiner Charakterisierung der concrescence zum Ausdruck:

„Thus the ‚production of novel togetherness‘ is the ultimate notion embodied in the term ‚concrescence‘.“ (Process and Reality, pp. 21–22)

Werden ist daher nicht bloß der Übergang von einem Zustand in einen anderen. Jedes Ereignis ist ein schöpferischer Akt, in dem eine Vielzahl übernommener Bedingungen zu einer neuen Einheit zusammengeführt wird. Wirklichkeit entsteht fortwährend neu, indem immer neue Einheiten hervorgebracht werden. Nicht die Beharrlichkeit unveränderlicher Substanzen, sondern die kontinuierliche Hervorbringung neuer Zusammenhänge bildet ihre eigentliche Dynamik.

5.4 Stabilität entsteht aus Prozessen

Wenn Wirklichkeit aus vergänglichen Ereignissen besteht, bedarf die Beständigkeit der vertrauten Objekte einer Erklärung. Whitehead weist die Vorstellung zurück, dauerhafte Dinge seien grundlegende Substanzen. Stattdessen schreibt er:

„An ordinary physical object, which has temporal endurance, is a society… Actual entities perish, but do not change; they are what they are.“ (Process and Reality, p. 35)

Stabile Objekte bilden somit keine Ausnahme vom Prozessgeschehen, sondern stellen organisierte Kontinuitäten innerhalb dieses Geschehens dar. Ihre Beständigkeit beruht darauf, dass charakteristische Muster in einer Folge von Ereignissen immer wieder neu hervorgebracht werden. Stabilität steht daher nicht im Gegensatz zum Werden, sondern geht aus ihm hervor. Objekte bestehen fort, weil Prozesse ihre charakteristischen Formen über die Zeit hinweg aufrechterhalten.

5.5 Kreativität ist die Quelle des Neuen

Eine Prozessontologie muss schließlich erklären, weshalb in der Welt tatsächlich Neues entstehen kann und nicht lediglich Bekanntes wiederholt wird. Whitehead führt diese Möglichkeit auf das Prinzip der Kreativität zurück:

„Creativity is the principle of novelty. An actual occasion is a novel entity diverse from any entity in the ‚many‘ which it unifies.“ (Process and Reality, p. 21)

Jedes Ereignis übernimmt eine bereits bestehende Welt und bringt zugleich etwas hervor, das zuvor nicht existierte. Neuheit ist deshalb weder ein Zufall noch etwas, das der Wirklichkeit von außen hinzugefügt wird. Sie gehört vielmehr zu ihrer grundlegenden Struktur. Kreativität ist keine zusätzliche Kraft, die auf die Welt einwirkt, sondern das ontologische Prinzip, das die fortwährende Entstehung neuer Formen überhaupt erst ermöglicht.

Diese fünf Prinzipien bilden zusammen den begrifflichen Kern von Whiteheads Prozessontologie. Wirklichkeit ist ihrem Wesen nach prozesshaft und nicht substanzhaft; Relationen sind konstitutiv und nicht bloß äußerlich; Werden ist schöpferisch und nicht abgeleitet; Stabilität entsteht aus organisierter Kontinuität; und Kreativität macht echte Neuheit möglich. Whiteheads technische Begriffe dienen dazu, diese Architektur genauer auszuarbeiten, ersetzen sie jedoch nicht. Sie bilden das Vokabular einer philosophischen Sichtweise, deren zentrale Einsicht lautet: Nicht das statische Sein, sondern das Werden ist die grundlegende Existenzweise der Wirklichkeit.

6. Whiteheads Begriffsapparat

Nachdem die begriffliche Grundstruktur von Whiteheads Prozessontologie rekonstruiert wurde, können wir uns nun den Begriffen zuwenden, mit denen er sie beschreibt. Die in Process and Reality eingeführte Terminologie bildet keine eigenständige Theorie neben der zuvor entwickelten Ontologie. Vielmehr handelt es sich um technische Begriffe, mit denen Whitehead die im vorherigen Kapitel dargestellten ontologischen Prinzipien präzisiert. Ihre Funktion zu verstehen, macht zugleich verständlich, weshalb Whitehead einen so ungewöhnlichen philosophischen Begriffsapparat entwickelt.

6.1 Actual Occasions

Die grundlegenden Bausteine der Wirklichkeit bezeichnet Whitehead als actual entities oder – gleichbedeutend – als actual occasions. Gemeint sind keine Substanzen oder dauerhaften Dinge, sondern elementare Ereignisse des Werdens.

Wie Whitehead schreibt:

„Actual entities—also termed ‚actual occasions’—are the final real things of which the world is made up. There is no going behind actual entities to find anything more real.“ (Process and Reality, p. 18)

Mit dieser Aussage bestimmt Whitehead die actual occasions als die letzten Bestandteile der Wirklichkeit. Sie sind weder Erscheinungsformen einer tiefer liegenden Substanz noch Ausdruck eines materiellen Grundsubstrats. Vielmehr bilden sie die ontologischen Grundeinheiten, aus denen sich alle größeren Strukturen der Wirklichkeit zusammensetzen. Die Welt besteht somit nicht aus Dingen, die Veränderungen durchlaufen, sondern aus Ereignissen, deren Existenz selbst ein Akt des Werdens ist.

6.2 Prehensions

Wenn actual occasions die elementaren Bestandteile der Wirklichkeit sind, dann beschreiben prehensions, wie diese Ereignisse von Grund auf miteinander verbunden sind. Eine prehension ist keine äußere Beziehung zwischen bereits bestehenden Entitäten, sondern ein konstitutiver Bestandteil jedes Werdens.

Whitehead führt den Begriff folgendermaßen ein:

„With the purpose of obtaining a one-substance cosmology, ‚prehensions‘ are a generalization from Descartes‘ mental ‚cogitations,‘ and from Locke’s ‚ideas,‘ to express the most concrete mode of analysis applicable to every grade of individual actuality.“ (Process and Reality, p. 19)

Der Begriff reicht damit weit über Wahrnehmung, Erkenntnis oder Bewusstsein hinaus. Er bezeichnet die grundlegendste Weise, in der actual occasions Aspekte anderer actual occasions in ihren eigenen Werdensprozess aufnehmen. Whitehead betont ausdrücklich:

„Consciousness is not necessarily involved in the subjective forms of either type of prehension.“ (Process and Reality, p. 23)

Prehension ist daher kein psychologischer, sondern ein ontologischer Begriff. Er bezeichnet jene konstitutive Bezogenheit, durch die Wirklichkeit zu einem zusammenhängenden Prozess wird.

6.3 Concrescence

Der Prozess, in dem aus einer Vielzahl von Relationen eine einzelne actual occasion hervorgeht, heißt bei Whitehead concrescence. Dieser Begriff verleiht dem schöpferischen Charakter des Werdens, der im vorherigen Kapitel rekonstruiert wurde, seinen technischen Ausdruck.

Whitehead beschreibt zunächst die systematische Funktion dieses Begriffs:

„The coherence, which the system seeks to preserve, is the discovery that the process, or concrescence, of any one actual entity involves the other actual entities among its components. In this way the obvious solidarity of the world receives its explanation.“ (Process and Reality, p. 7)

Anschließend charakterisiert er seine eigentliche Bedeutung:

„Thus the ‚production of novel togetherness‘ is the ultimate notion embodied in the term ‚concrescence‘.“ (Process and Reality, pp. 21–22)

Concrescence bezeichnet somit nicht einfach die zeitliche Abfolge von Ereignissen, sondern den schöpferischen Vorgang, in dem eine Vielzahl übernommener Bedingungen zu einer neuen konkreten Einheit zusammengeführt wird. Durch diesen Prozess bringt die relationale Struktur der Wirklichkeit fortwährend neue actual occasions hervor.

6.4 Nexus und Societies

Einzelne actual occasions existieren niemals völlig isoliert. Durch ihre wechselseitigen prehensions bilden sie zusammenhängende Gefüge, die Whitehead als nexus bezeichnet.

Er definiert diesen Begriff folgendermaßen:

„A nexus is a set of actual entities in the unity of the relatedness constituted by their prehensions of each other.“ (Process and Reality, pp. 23–24)

Manche dieser nexus weisen eine stabile Ordnung auf, die sich über viele aufeinanderfolgende actual occasions hinweg erhält. Solche organisierten Kontinuitäten nennt Whitehead societies:

„An ordinary physical object, which has temporal endurance, is a society… Actual entities perish, but do not change; they are what they are.“ (Process and Reality, p. 35)

Eine society ist demnach keine bleibende Substanz, sondern ein historisch kontinuierliches Muster, das sich durch die Abfolge vieler actual occasions erhält. Die Stabilität der vertrauten Objekte beruht daher nicht auf einer unveränderlichen Substanz, sondern auf der Beständigkeit ihrer relationalen Organisation.

6.5 Creativity

Unter Whiteheads Kategorien nimmt creativity eine besondere Stellung ein. Im Unterschied zu actual occasions, prehensions oder societies bezeichnet sie weder ein Ding noch einen Vorgang innerhalb der Welt. Sie ist vielmehr das grundlegende metaphysische Prinzip, das jeden Prozess des Werdens überhaupt erst ermöglicht.

Whitehead schreibt:

„‚Creativity‘ is the universal of universals characterizing ultimate matter of fact. It is that ultimate principle by which the many, which are the universe disjunctively, become the one actual occasion, which is the universe conjunctively… ‚Creativity‘ is the principle of novelty.“ (Process and Reality, p. 21)

Creativity bringt die grundsätzliche Offenheit der Wirklichkeit zum Ausdruck. Jede actual occasion übernimmt eine Vielzahl vorausgehender Bedingungen und bildet daraus zugleich eine neue Einheit. Creativity ist daher weder eine äußere Kraft noch ein übernatürliches Wirkprinzip. Sie ist das ontologische Prinzip, durch das die Welt ihren bisherigen Zustand fortwährend überschreitet und Neues hervorbringt.

6.6 Eternal Objects

Die letzte große Kategorie bilden die eternal objects. Im Unterschied zu den actual occasions gehören sie nicht zu den aktualen Bestandteilen der Wirklichkeit. Sie bezeichnen Möglichkeiten, die innerhalb von Prozessen des Werdens verwirklicht werden können.

Whitehead beschreibt sie knapp mit den Worten:

„An eternal object can be described only in terms of its potentiality for ‚ingression‘ into the becoming of actual entities… It is a pure potential.“ (Process and Reality, p. 23)

Eternal objects existieren daher nicht als selbständige Entitäten neben den actual occasions. Ihre Bedeutung liegt vielmehr in ihrem Potential, den Werdensprozess zu bestimmen. Sie stellen reine Möglichkeiten der Bestimmtheit dar, die sich in konkreten Prozessen verwirklichen können, ohne selbst zu aktualen Entitäten zu werden.

Zusammengenommen bilden diese Begriffe den technischen Begriffsapparat, mit dem Whitehead seine Prozessontologie entfaltet. Actual occasions sind die grundlegenden Wirklichkeiten; prehensions beschreiben ihre konstitutive Bezogenheit; concrescence bezeichnet die Entstehung neuer Einheiten; nexus und societies erklären die Organisation stabiler Muster; creativity steht für das Prinzip der Neuheit; und eternal objects eröffnen den Bereich reiner Möglichkeiten, durch den Wirklichkeit bestimmte Formen annehmen kann. Diese Begriffe führen keine voneinander unabhängigen Lehren ein. Sie beleuchten vielmehr unterschiedliche Aspekte einer einzigen ontologischen Grundidee: einer Welt, deren Wirklichkeit von Grund auf relational, prozesshaft und schöpferisch ist.

7. Rekonstruktion des ontologischen Kerns

Die vorangegangenen Kapitel haben die Grundstruktur von Whiteheads Prozessontologie rekonstruiert und den Begriffsapparat eingeführt, mit dem er sie entfaltet. Nun stellt sich die Frage, ob all diese Begriffe innerhalb seines Systems dieselbe Funktion erfüllen. Die hier vorgeschlagene Rekonstruktion geht davon aus, dass dies nicht der Fall ist.

Whitehead selbst beschreibt das grundlegende Anliegen von Process and Reality mit den Worten:

„The positive doctrine of these lectures is concerned with the becoming, the being, and the relatedness of ‚actual entities‘.“ (Process and Reality, Preface)

Diese Aussage liefert einen wichtigen Hinweis für die Unterscheidung zwischen dem ontologischen Kern von Whiteheads Philosophie und ihrer weiterreichenden metaphysischen Ausarbeitung. Die vorliegende Rekonstruktion unterscheidet deshalb zwischen Begriffen, die den Prozess des Werdens unmittelbar erklären, und solchen, die Whiteheads umfassendes metaphysisches System vervollständigen.

7.1 Der ontologische Kern

Zur ersten Gruppe gehören diejenigen Kategorien, die unverzichtbar sind, um Wirklichkeit als Prozess zu verstehen.

Im Zentrum stehen die actual entities, die Whitehead als die letzten Bestandteile der Wirklichkeit bestimmt:

„‚Actual entities’— also termed ‚actual occasions’— are the final real things of which the world is made up. There is no going behind actual entities to find anything more real.“ (Process and Reality, p. 18)

Wenn actual entities die grundlegenden Wirklichkeiten bilden, dann erklären prehensions, wie sie miteinander verbunden sind. Concrescence beschreibt die Entstehung jeder neuen actual occasion, während nexus und societies die Organisation stabiler Muster verständlich machen. Zusammen ergeben diese Begriffe ein kohärentes Bild der Wirklichkeit als eines zusammenhängenden Prozesses des Werdens.

Über diesen Kategorien steht das Prinzip der creativity, das Whitehead ausdrücklich der von ihm sogenannten Category of the Ultimate zuordnet:

„The Category of the Ultimate expresses the general principle presupposed in the three more special categories. The Category of the Ultimate —’Creativity,‘ ‚many,‘ ‚one‘ — are the ultimate notions involved in the meaning of the synonymous terms ‚thing,‘ ‚being,‘ ‚entity.‘ These three notions complete the Category of the Ultimate and are presupposed in all the more special categories.“ (Process and Reality, pp. 20–21)

Die Bedeutung dieser Passage kann kaum überschätzt werden. Creativity ist nicht einfach ein weiterer Bestandteil der Wirklichkeit, sondern das allgemeinste ontologische Prinzip, das jedem Prozess des Werdens zugrunde liegt. Whitehead unterstreicht dies, indem er seine eigene Position ausdrücklich der klassischen Substanzontologie gegenüberstellt:

„This Category of the Ultimate replaces Aristotle’s category of ‚primary substance.‘ Thus the ‚production of novel togetherness‘ is the ultimate notion embodied in the term ‚concrescence‘.“ (Process and Reality, p. 21)

Aus der Perspektive der hier vorgeschlagenen Rekonstruktion bilden actual entities, prehensions, concrescence, nexus, societies und creativity den funktionalen Kern von Whiteheads Prozessontologie. Gemeinsam erklären sie, wie Wirklichkeit sich durch relationale Prozesse des Werdens fortwährend selbst hervorbringt.

7.2 Die metaphysische Erweiterung

Whiteheads vollständiges philosophisches System geht jedoch über diesen ontologischen Kern hinaus. Eine besondere Stellung nehmen dabei die eternal objects ein.

Whitehead schreibt:

„Among these eight categories of existence, actual entities and eternal objects stand out with a certain extreme finality.“ (Process and Reality, p. 22)

Diese Aussage zeigt, dass Whitehead den eternal objects innerhalb seines metaphysischen Gesamtsystems selbst eine grundlegende Bedeutung zuschreibt. Ihre systematische Funktion unterscheidet sich jedoch deutlich von der der actual entities. Während diese die konkrete Wirklichkeit bilden, beschreibt Whitehead die eternal objects als reine Möglichkeiten:

„An eternal object can be described only in terms of its potentiality for ‚ingression‘ into the becoming of actual entities… It is a pure potential.“ (Process and Reality, p. 23)

Die hier vorgeschlagene Unterscheidung verläuft daher nicht zwischen grundlegenden und weniger grundlegenden Begriffen, sondern zwischen unterschiedlichen Erklärungsfunktionen. Die bisher behandelten Kategorien erklären, wie konkrete Prozesse des Werdens entstehen. Eternal objects erklären dagegen, wie innerhalb dieser Prozesse bestimmte Formen überhaupt möglich werden. Sie gehören damit zu Whiteheads weiterreichender Metaphysik der Möglichkeiten und nicht unmittelbar zur Ontologie des Werdens selbst.

Diese Unterscheidung tritt in Whiteheads Behandlung Gottes noch deutlicher hervor. Dessen ursprüngliche Natur (primordial nature) bildet innerhalb seines vollständigen metaphysischen Systems das Prinzip, das die eternal objects ordnet. Diese theologische Dimension spielt für Process and Reality zweifellos eine wichtige Rolle. Für die Rekonstruktion der relationalen Ontologie des Werdens, wie sie in den vorangegangenen Kapiteln entwickelt wurde, ist sie jedoch nicht erforderlich.

7.3 Eine Schichtenstruktur von Process and Reality

Die hier vorgeschlagene Unterscheidung versteht sich nicht als Korrektur von Whiteheads Philosophie, sondern als analytische Rekonstruktion ihrer inneren Architektur. Whitehead selbst präsentiert alle genannten Kategorien als Bestandteile eines einheitlichen metaphysischen Systems. Die vorliegende Interpretation legt jedoch nahe, dieses System auf verschiedenen Erklärungsebenen zu lesen.

Auf der ersten Ebene steht die Ontologie des Werdens. Actual entities, prehensions, concrescence, nexus, societies und creativity erklären gemeinsam, wie Wirklichkeit sich durch relationale Prozesse fortwährend selbst hervorbringt.

Auf der zweiten Ebene erläutern die eternal objects den Bereich reiner Möglichkeiten, durch den actual occasions bestimmte Gestalt annehmen können.

Erst auf einer dritten Ebene führt Whitehead Gott als das Prinzip ein, durch das diese Möglichkeiten innerhalb seines vollständigen metaphysischen Entwurfs ihre ursprüngliche Ordnung erhalten.

In dieser schichtenweisen Lesart wird Process and Reality als ein Werk verständlich, dessen ontologischer Kern unabhängig von seinen weiterreichenden metaphysischen und theologischen Voraussetzungen erschlossen werden kann. Eine solche Rekonstruktion schmälert weder den Reichtum noch die philosophische Tiefe von Whiteheads Denken. Sie macht vielmehr deutlich, welche Elemente für das Verständnis seiner Prozessontologie unverzichtbar sind und welche zu dem umfassenderen spekulativen Rahmen gehören, in den Whitehead sie schließlich einordnet.

8. Ontologie, Metaphysik
und die Rolle Gottes

Die im vorherigen Kapitel entwickelte Schichtenstruktur wirft eine wichtige Frage auf: Welche Funktion kommt Whiteheads Gottesbegriff innerhalb der Gesamtarchitektur von Process and Reality zu? Da Whiteheads Philosophie häufig vor allem aus der Perspektive der Prozesstheologie interpretiert wurde, ist es wichtig zu klären, welche systematische Rolle Gott im Verhältnis zu seiner Prozessontologie spielt.

Die hier vorgeschlagene Rekonstruktion stellt die Bedeutung Gottes innerhalb von Whiteheads vollständigem metaphysischem System keineswegs in Frage. Sie geht jedoch davon aus, dass sich seine Ontologie des Werdens zunächst aus sich selbst heraus verstehen lässt, bevor die theologische Erweiterung betrachtet wird, mit der Whitehead seine spekulative Philosophie vollendet.

8.1 Gott in Whiteheads metaphysischem System

Whitehead entwickelt einen außerordentlich differenzierten Gottesbegriff. Er unterscheidet zwischen der ursprünglichen (primordial), der konsekutiven (consequent) und der superjektiven (superjective) Natur Gottes. Diese Unterscheidungen werden nicht als theologische Lehren im traditionellen Sinn eingeführt, sondern als systematische Bestandteile seiner spekulativen Metaphysik.

Die Funktion Gottes fasst Whitehead selbst in einem einzigen Satz zusammen:

„This is the conception of God, according to which he is considered as the outcome of creativity, as the foundation of order, and as the goad towards novelty.“ (Process and Reality, pp. 87–88)

Diese knappe Formulierung macht die besondere Stellung deutlich, die Gott innerhalb seines Systems einnimmt. Gott erscheint nicht als Schöpfer der Welt im klassischen theologischen Sinn. Vielmehr fungiert er als das Prinzip, durch das Ordnung, Bedeutsamkeit und die fortwährende Ausrichtung auf Neues in den schöpferischen Fortgang der Wirklichkeit eingebunden werden. Im Mittelpunkt steht nicht göttliches Eingreifen, sondern die metaphysischen Bedingungen eines geordneten und zugleich offenen Weltprozesses.

8.2 Creativity und Gott

Eine der bemerkenswertesten Einsichten von Whiteheads Philosophie besteht darin, dass Gott das Prinzip der creativity nicht ersetzt.

Whitehead formuliert dies unmissverständlich:

„Every actual entity, including God, is a creature transcended by the creativity which it qualifies.“ (Process and Reality, p. 88)

Dieser Satz hat weitreichende Konsequenzen für das Verständnis seiner Philosophie. Gott ist selbst eine actual entity und damit Teil derselben metaphysischen Grundstruktur, die für jede Wirklichkeit gilt. Creativity bleibt das allgemeinere ontologische Prinzip. Gott steht weder außerhalb noch oberhalb der creativity, sondern verkörpert eine besondere Weise, in der schöpferische Offenheit innerhalb des sich entwickelnden Universums Ordnung gewinnt und wirksam wird.

Gerade darin unterscheidet sich Whitehead grundlegend von der klassischen theistischen Metaphysik. Während diese Gott gewöhnlich als den letzten Ursprung allen Seins versteht, weist Whitehead der creativity den höchsten ontologischen Rang zu und verleiht Gott eine spezifische Funktion innerhalb dieser schöpferischen Ordnung.

8.3 Eine naturalisierte Lesart der Prozessontologie

Aus der Perspektive der hier entwickelten Rekonstruktion eröffnet diese Unterscheidung die Möglichkeit einer naturalisierten Lesart von Whiteheads Prozessontologie. Die in den Kapiteln 5 bis 7 rekonstruierten Begriffe – actual occasions, prehensions, concrescence, nexus, societies und creativity – bilden bereits ein in sich geschlossenes Modell einer relationalen und sich fortwährend entwickelnden Wirklichkeit. Sie erklären, wie Neuheit entsteht, wie Stabilität hervorgebracht wird und wie relationale Organisation dauerhafte Strukturen ermöglicht.

Whiteheads Gottesbegriff erweitert diese Ontologie zu einer umfassenderen metaphysischen Perspektive, in der Ordnung, Wert und die systematische Bedeutung von Möglichkeiten thematisiert werden. Wer Whiteheads theologische Voraussetzungen teilt, wird Gott daher als unverzichtbaren Bestandteil seines vollständigen spekulativen Systems verstehen. Wer diese Voraussetzungen nicht teilt, kann dennoch die Prozessontologie selbst als philosophisch tragfähig ansehen, ohne ihre theologische Erweiterung übernehmen zu müssen.

Diese Unterscheidung trennt nicht zwei miteinander unvereinbare Philosophien. Sie beschreibt vielmehr zwei verschiedene Erklärungsebenen innerhalb desselben begrifflichen Rahmens. Whiteheads Ontologie des Werdens erklärt die dynamische Struktur der Wirklichkeit. Seine Metaphysik geht einen Schritt weiter und fragt, weshalb diese Struktur zugleich Ordnung, Richtung und sinnvolle Neuheit hervorbringt.

Die in diesem Aufsatz vorgeschlagene Rekonstruktion verwirft Whiteheads Theologie daher weder noch deutet sie sie um. Sie unterscheidet vielmehr zwischen dem ontologischen Rahmen, der seine Prozessphilosophie verständlich macht, und der umfassenderen spekulativen Perspektive, in die Whitehead diesen Rahmen schließlich einordnet. In dieser Lesart erweist sich Process and Reality zugleich als eine kraftvolle relationale Ontologie und als ein umfassendes metaphysisches System, dessen theologische Dimension gewürdigt werden kann, ohne für das Verständnis seiner Prozessontologie vorausgesetzt zu werden.

9. Warum Whitehead
heute noch wichtig ist

Obwohl Process and Reality vor beinahe einem Jahrhundert erschienen ist, haben die philosophischen Fragen, denen Whitehead nachgeht, bis heute nichts von ihrer Aktualität verloren. Diskussionen über Emergenz, Komplexität, Relationalität, Selbstorganisation und den dynamischen Charakter der Wirklichkeit stellen substanzorientierte Weltbilder weiterhin vor grundlegende Herausforderungen. Vor diesem Hintergrund besitzt Whiteheads Prozessphilosophie weit mehr als nur historischen Wert. Sie bietet einen begrifflichen Rahmen, der geeignet ist, zentrale Probleme der gegenwärtigen Philosophie und Wissenschaft zu beleuchten.

Ein Grund für Whiteheads anhaltende Aktualität liegt in seiner Abkehr von der Vorstellung, dauerhafte Substanzen bildeten die eigentliche Wirklichkeit. Stattdessen versteht er stabile Objekte als Ergebnisse fortlaufender Prozesse des Werdens. Mit dieser Umkehrung der Perspektive nimmt er viele heutige Ansätze vorweg, die Beständigkeit, Organisation und Identität nicht als Eigenschaften unabhängig existierender Dinge, sondern als Leistungen dynamischer Systeme begreifen. Auch wenn sich diese Ansätze innerhalb unterschiedlicher wissenschaftlicher und philosophischer Traditionen entwickelt haben, stellt Whiteheads Ontologie einen bemerkenswert kohärenten philosophischen Begriffsrahmen bereit, um solche prozesshaften Phänomene zu beschreiben.

Ebenso bedeutsam ist Whiteheads konsequent relationale Auffassung der Wirklichkeit. Relationen sind für ihn keine äußeren Verbindungen zwischen unabhängig existierenden Entitäten, sondern konstitutive Bestandteile der Entitäten selbst. Jede actual occasion entsteht aus ihren Beziehungen zu anderen actual occasions, und jede stabile Struktur geht aus fortdauernden Mustern relationaler Organisation hervor. Diese Sichtweise weist zahlreiche Berührungspunkte mit gegenwärtigen Entwicklungen in der Prozessphilosophie, der Systemtheorie, dem Enaktivismus, der ökologischen Philosophie und der Komplexitätsforschung auf. All diese Ansätze betonen zunehmend die wechselseitige Abhängigkeit anstelle isolierter Substanzen.

Von besonderer Bedeutung ist außerdem Whiteheads Verständnis von Neuheit. Indem er creativity in das Zentrum seiner Ontologie stellt, erklärt er, wie tatsächlich Neues entstehen kann, ohne den Zusammenhang kausaler Entwicklungen aufzugeben. Wirklichkeit erscheint weder als starre Ordnung noch als bloße Folge voneinander unabhängiger Ereignisse. Jeder Prozess des Werdens integriert vielmehr übernommene Bedingungen zu einer neuen konkreten Einheit. Damit eröffnet Whitehead eine Alternative sowohl zu streng deterministischen als auch zu radikal indeterministischen Vorstellungen von Veränderung. Kontinuität und echte Innovation schließen sich nicht aus, sondern bedingen einander.

Die in diesem Aufsatz entwickelte Rekonstruktion legt nahe, dass diese ontologischen Einsichten unabhängig von Whiteheads weiterreichenden metaphysischen und theologischen Annahmen verstanden werden können. Wer seine spekulative Metaphysik teilt, wird die Ontologie des Werdens als Bestandteil eines umfassenden philosophischen Systems betrachten. Wer diese Voraussetzungen nicht übernimmt, kann denselben ontologischen Rahmen dennoch als eigenständigen philosophischen Beitrag würdigen. Gerade darin liegt eine besondere Stärke von Whiteheads Denken: Es bleibt über unterschiedliche philosophische Traditionen und weltanschauliche Positionen hinweg anschlussfähig.

Für die heutige Prozessphilosophie könnte diese Unterscheidung von besonderem Wert sein. Wird die Ontologie des Werdens von ihrer weiterreichenden metaphysischen Ausarbeitung unterschieden, können Whiteheads zentrale Einsichten unmittelbar in aktuelle philosophische Debatten eingebracht werden, ohne dass zugleich sein gesamtes spekulatives System übernommen werden muss. Eine solche Lesart schmälert Whiteheads Philosophie nicht und verändert sie auch nicht. Sie macht vielmehr die anhaltende Erklärungskraft seiner Prozessontologie sichtbar und verdeutlicht ihren Beitrag zu gegenwärtigen Diskussionen über Wirklichkeit, Emergenz und Relationalität.

Whitehead ist auch heute noch aktuell, weil er die Philosophie dazu einlädt, über Substanzen hinauszudenken, ohne auf systematische Erklärung zu verzichten. Seine Vorstellung einer relationalen, prozesshaften und schöpferischen Wirklichkeit gehört zu den umfassendsten Alternativen zur klassischen Substanzontologie, die die Philosophie hervorgebracht hat.

10. Fazit

Dieser Aufsatz hat eine rekonstruktive Lesart von Alfred North Whiteheads Process and Reality vorgeschlagen. Ziel war es nicht, einen umfassenden Kommentar zu seiner spekulativen Philosophie vorzulegen, sondern die begriffliche Architektur seiner Prozessontologie freizulegen und ihre verschiedenen Erklärungsebenen voneinander zu unterscheiden.

Die Rekonstruktion hat gezeigt, dass Whiteheads entscheidende philosophische Innovation darin besteht, den Prozess an die Stelle der Substanz als grundlegende Existenzweise der Wirklichkeit zu setzen. Actual occasions bilden die elementaren Bestandteile der Welt, während prehensions, concrescence, nexus, societies und creativity gemeinsam erklären, wie relationale Prozesse Stabilität, Kontinuität und echte Neuheit hervorbringen. Als zusammenhängender Begriffsrahmen verstanden, bilden diese Kategorien eine kohärente Ontologie des Werdens, in der Wirklichkeit nicht als statisch gegeben, sondern als fortwährender Prozess der Selbstorganisation erscheint.

Die Analyse hat darüber hinaus deutlich gemacht, dass Whiteheads vollständiges philosophisches System diesen ontologischen Kern durch die Einführung der eternal objects und schließlich Gottes erweitert. Diese Begriffe werden hier weder als entbehrliche Ergänzungen noch als Korrekturen der zuvor entwickelten Ontologie verstanden. Vielmehr erfüllen sie innerhalb von Whiteheads umfassender spekulativer Philosophie eigenständige metaphysische Funktionen. Sie erklären, wie bestimmte Formen, Ordnung und Wert möglich werden. Die hier vorgenommene Unterscheidung der verschiedenen Erklärungsebenen versteht sich deshalb nicht als Revision von Whiteheads Philosophie, sondern als analytische Rekonstruktion ihrer inneren Struktur.

Eine wichtige Konsequenz dieser Rekonstruktion betrifft die Rolle der creativity. Whitehead beschreibt sie durchgängig als das allgemeinste ontologische Prinzip, das jedem Prozess des Werdens zugrunde liegt. Selbst Gott bleibt – trotz seiner unverzichtbaren Stellung innerhalb von Whiteheads vollständigem metaphysischen System – eine actual entity, die am schöpferischen Fortgang der Wirklichkeit teilhat, anstatt außerhalb oder oberhalb dieses Prozesses zu stehen. Damit erweist sich creativity als das tiefste Ordnungsprinzip seiner Ontologie und zugleich als der Punkt, an dem sich Whiteheads Denken am deutlichsten von der klassischen Substanzontologie entfernt.

Die hier vorgeschlagene Rekonstruktion will Whiteheads Philosophie weder ersetzen noch vereinfachen. Ihr Anliegen besteht vielmehr darin, jene ontologische Struktur sichtbar zu machen, die seinem spekulativen System zugrunde liegt, und zu zeigen, dass sie auch unabhängig von dessen metaphysischer und theologischer Erweiterung philosophisch verständlich und fruchtbar ist. Eine solche Lesart bewahrt den Reichtum von Whiteheads Metaphysik und erleichtert zugleich den Zugang zu ihren zentralen ontologischen Einsichten.

In dieser Perspektive erscheint Process and Reality nicht nur als eines der großen spekulativen Werke der Philosophie des 20. Jahrhunderts, sondern zugleich als eine tiefgreifende Untersuchung des Werdens selbst. Whiteheads bleibender Beitrag besteht darin zu zeigen, dass sich Wirklichkeit als relational, prozesshaft und schöpferisch verstehen lässt, ohne auf systematische Erklärung zu verzichten. Gerade darin liegt die anhaltende Aktualität seiner Prozessontologie. Sie gehört bis heute zu den überzeugendsten Alternativen zur klassischen Substanzontologie und bietet einen philosophischen Bezugsrahmen, der auch gegenwärtige Diskussionen über Prozess, Relationalität und Emergenz bereichern kann.

Quellenangaben:

Whitehead, A. N. (1929/1978). Process and Reality: An Essay in Cosmology. Corrected Edition. Edited by David Ray Griffin and Donald W. Sherburne. New York: The Free Press.