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1. Dinge mit Eigenschaften
Wir sehen einen Stein, einen Baum oder einen Tisch und haben keine Schwierigkeiten, diese Dinge als eigenständige Gegenstände zu erkennen. Sie erscheinen uns als klar abgegrenzte Einheiten mit bestimmten Eigenschaften. Der Stein ist grau und hart, der Baum ist hoch und grün, der Tisch besitzt eine bestimmte Form und Größe.

Diese Sichtweise auf Objekte prägt nicht nur unseren alltäglichen Umgang mit der Welt, sondern auch unsere Sprache. Wir sprechen von Dingen, die Eigenschaften besitzen. Ein Gegenstand bleibt derselbe, auch wenn sich manche seiner Eigenschaften verändern. Ein Baum wächst, verliert Blätter und verändert seine Gestalt. Trotzdem sprechen wir weiterhin von demselben Baum. Ein Tisch kann neu lackiert werden und erhält dadurch eine andere Farbe, ohne aufzuhören, derselbe Tisch zu sein.

Hinter dieser alltäglichen Selbstverständlichkeit verbirgt sich eine philosophische Frage. Wenn Eigenschaften wechseln können, was genau bleibt dann gleich? Was macht ein Objekt zu dem Objekt, das es ist? Warum betrachten wir eine Ansammlung von Holz als einen Tisch und nicht lediglich als eine Vielzahl einzelner Bestandteile? Was unterscheidet ein Objekt von einer bloßen Sammlung von Eigenschaften? Die Wirklichkeit präsentiert sich uns nicht als ungeordnete Vielfalt einzelner Eindrücke, sondern als eine Welt von Objekten.

Philosophisch betrachtet ist das keinesfalls trivial. Denn die Annahme, dass es Dinge gibt, die Eigenschaften haben, enthält bereits eine bestimmte Vorstellung davon, wie die Welt aufgebaut ist. Sie setzt voraus, dass es etwas gibt, das die Eigenschaften trägt und zusammenhält. Die Eigenschaften allein scheinen nicht auszureichen. Die Röte eines Apfels, seine Form, sein Gewicht und sein Geruch erscheinen als Eigenschaften eines Gegenstandes, nicht als voneinander unabhängige Merkmale.

Die Frage nach dem Objekt beginnt deshalb mit einer einfachen Beobachtung: Wir erfahren die Welt als eine Welt von Dingen mit Eigenschaften. Doch damit ist nicht erklärt, was ein Ding eigentlich ist. Die Antwort auf diese Frage hat die Philosophie seit der Antike beschäftigt und zu sehr unterschiedlichen Auffassungen geführt. Die wohl einflussreichste davon ist die Vorstellung, dass hinter den Eigenschaften eine bleibende Substanz steht, die ihre Einheit und Identität begründet.

 

2. Die Antwort der Substanzontologie
Die klassische Philosophie beantwortet die Frage nach dem Objekt mit dem Begriff der Substanz. Bereits Aristoteles unterschied zwischen den Eigenschaften eines Dinges und dem, was diese Eigenschaften trägt. Ein Objekt besitzt bestimmte Merkmale – Farbe, Form, Gewicht oder Größe –, doch diese Merkmale sind nicht das Objekt selbst. Sie können sich verändern, während das Objekt bestehen bleibt. Die Substanz bildet daher das, was einem Ding seine Einheit und Identität verleiht.

Diese Vorstellung entspricht in vieler Hinsicht unserer alltäglichen Erfahrung. Ein Baum wächst, verliert Äste und verändert sein Aussehen. Dennoch betrachten wir ihn als denselben Baum. Ein Mensch altert, lernt hinzu und verändert seine Gewohnheiten, ohne aufzuhören, dieselbe Person zu sein. Die Annahme einer bleibenden Substanz erklärt, warum wir trotz solcher Veränderungen von einem identischen Objekt sprechen können.

Besonders deutlich wird diese Denkweise bei René Descartes. In seinen Meditationen beschreibt er das berühmte Beispiel eines Stückes Wachs. Das Wachs besitzt zunächst eine bestimmte Form, Farbe, Härte und einen charakteristischen Geruch. Wird es jedoch erhitzt, verändern sich sämtliche dieser Eigenschaften. Die Form zerfließt, die Härte verschwindet, die Farbe verändert sich und auch der Geruch geht verloren. Dennoch erkennen wir weiterhin dasselbe Stück Wachs.

Für Descartes zeigt dieses Beispiel, dass die Identität des Objekts nicht auf seinen sinnlich wahrnehmbaren Eigenschaften beruhen kann. Hinter den wechselnden Merkmalen muss etwas bestehen bleiben, das die Einheit des Gegenstandes begründet. Das Objekt erscheint daher als Träger seiner Eigenschaften, nicht als deren bloße Summe.

Die Substanzontologie liefert damit eine elegante Antwort auf das Problem der Identität. Sie erklärt, warum Objekte trotz Veränderung als dieselben Objekte erscheinen. Eigenschaften können kommen und gehen, während die zugrunde liegende Substanz erhalten bleibt. Die Welt besteht aus Dingen, die Eigenschaften besitzen, aber nicht mit diesen Eigenschaften identisch sind.

Über viele Jahrhunderte bildete diese Vorstellung den selbstverständlichen Hintergrund philosophischen Denkens. Objekte galten als die grundlegenden Bausteine der Wirklichkeit. Beziehungen zwischen Dingen, Prozesse und Veränderungen wurden zwar anerkannt, doch sie wurden als etwas betrachtet, das bereits existierenden Objekten widerfährt. Die Dinge selbst erschienen als das Primäre, ihre Veränderungen als das Sekundäre.

Gerade hierin liegt die Stärke der Substanzontologie. Sie erklärt Beständigkeit durch einen bleibenden Kern.

Allerdings wirft diese Lösung neue Fragen auf: Wenn die Welt, wie moderne Naturwissenschaften und viele philosophische Strömungen nahelegen, durch Prozesse, Wechselwirkungen und fortwährender Veränderung geprägt ist, was wird dann aus dem Begriff des Objekts? Muss die Vorstellung einer bleibenden Substanz aufgegeben werden?
Was sind Identität und Stabilität vor diesem Hintegrund?

 

3. Die Herausforderung durch Prozessontologien
Die Vorstellung, dass Objekte auf einer bleibenden Substanz beruhen, hat eine lange philosophische Tradition. Trotzdem wurde sie im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts zunehmend in Frage gestellt. Sowohl in der Philosophie als auch in den Naturwissenschaften gewann die Auffassung an Bedeutung, dass Veränderung und Prozess grundlegender sein könnten als beständige Dinge.

Schon in der Antike behauptete Heraklit: „Alles ist im Fluss“. Diese Einsicht wurde in der Moderne von Denkern wie Henri Bergson, Alfred North Whitehead und Ilya Prigogine auf unterschiedliche Weise weiterentwickelt. Gemeinsam ist ihren Ansätzen die Überzeugung, dass Wirklichkeit nicht primär aus festen Gegenständen besteht, sondern aus Ereignissen, Prozessen und fortwährenden Veränderungen.

Auch die Naturwissenschaften scheinen eine solche Sichtweise zu unterstützen. Sterne entstehen und vergehen. Kontinente verschieben sich. Lebewesen befinden sich in einem ständigen Stoffwechsel mit ihrer Umwelt. Selbst scheinbar feste Materie erweist sich auf mikroskopischer Ebene als dynamisches Gefüge von Wechselwirkungen. Die Vorstellung einer Welt aus unveränderlichen Dingen erscheint vor diesem Hintergrund zunehmend problematisch.

Besonders deutlich formuliert Whitehead diese Kritik. Nach seiner Auffassung besteht die Wirklichkeit nicht aus Substanzen, die sich verändern, sondern aus Ereignissen, die vorübergehend Stabilität gewinnen. Das Dauerhafte ist nicht der Ausgangspunkt der Welt, sondern etwas, das innerhalb eines fortlaufenden Werdens entsteht. Prozesse sind primär, Objekte sekundär.

Damit verschiebt sich die philosophische Fragestellung. Die Substanzontologie muss erklären, wie Veränderung möglich ist, ohne dass ein Objekt seine Identität verliert. Die Prozessontologie steht vor dem umgekehrten Problem: Wie ist Beständigkeit möglich, wenn alles im Wandel begriffen ist?

Unsere Erfahrung ist von stabilen Objekten geprägt. Wir begegnen Steinen, Bäumen, Organismen, Gebäuden und Menschen als relativ dauerhaften Einheiten. Selbst wenn wir akzeptieren, dass diese Gebilde aus Prozessen hervorgehen, bleibt zu erklären, warum sie überhaupt als zusammenhängende Objekte erscheinen.

Die Herausforderung besteht also nicht nur darin, Substanzen durch Prozesse zu ersetzen. Eine überzeugende Prozessontologie muss auch verständlich machen, wie innerhalb einer sich ständig verändernden Wirklichkeit stabile Formen entstehen können. Andernfalls droht die Welt in einen Strom flüchtiger Ereignisse zu zerfallen, in dem die Einheit von Objekten unerklärlich bleibt.

Wenn Objekte nicht länger als grundlegende Bestandteile der Wirklichkeit verstanden werden können, müssen sie erklärt werden. Sie dürfen nicht einfach vorausgesetzt werden. Die Aufgabe besteht darin, zu verstehen, wie sich innerhalb eines Feldes von Prozessen und Wechselwirkungen jene Stabilitäten herausbilden, die wir als Objekte wahrnehmen.

 

4. Objektbildung als Stabilisierung
Wenn Objekte nicht als grundlegende Bausteine der Wirklichkeit vorausgesetzt werden können, stellt sich die Frage nach ihrer Entstehung. Wie bilden sich innerhalb einer Welt von Prozessen, Wechselwirkungen und Veränderungen jene relativ stabilen Einheiten heraus, die wir als Objekte wahrnehmen?

Ein möglicher Ansatz besteht darin, die Aufmerksamkeit von den Objekten selbst auf die Bedingungen ihrer Stabilität zu richten. Anstatt zu fragen, welche Substanz einem Objekt zugrunde liegt, lässt sich fragen, wodurch bestimmte Muster über längere Zeit erhalten bleiben. Das Objekt erscheint dann nicht mehr als Ausgangspunkt der Erklärung, sondern als deren Ergebnis.

Ein solcher Perspektivwechsel findet sich in unterschiedlichen wissenschaftlichen und philosophischen Zusammenhängen. In der Thermodynamik beschreiben Ilya Prigogine und Isabelle Stengers, wie sich unter geeigneten Bedingungen stabile Strukturen fern vom thermischen Gleichgewicht bilden können. Wirbel in einer Flüssigkeit, Konvektionszellen oder andere geordnete Muster entstehen nicht trotz der zugrunde liegenden Dynamik, sondern gerade durch sie. Die Stabilität der Struktur beruht auf einem fortlaufenden Prozess ihrer Erzeugung.

Ähnliche Überlegungen finden sich in der Theorie der Selbstorganisation. Organismen, Ökosysteme oder soziale Systeme erscheinen hier nicht als starre Gebilde, sondern als dynamische Ordnungen, die sich durch kontinuierliche Wechselwirkungen aufrechterhalten. Ihre Identität besteht nicht in einer unveränderlichen Substanz, sondern in der relativen Stabilität eines Musters.

Besonders aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang die Dekohärenztheorie von Wojciech Zurek. Ausgehend von der Quantenphysik stellt sich hier die Frage, warum wir überhaupt eine Welt stabiler Objekte erfahren. Die quantenmechanische Beschreibung erlaubt eine Vielzahl möglicher Zustände. Dennoch begegnet uns die Welt nicht als unbestimmte Wolke von Möglichkeiten, sondern als eine Welt relativ stabiler Gegenstände mit bestimmten Eigenschaften.

Zureks Antwort lautet vereinfacht, dass bestimmte Zustände gegenüber ihrer Umgebung stabiler sind als andere. Durch die fortwährende Wechselwirkung mit ihrer Umwelt werden manche Möglichkeiten unterdrückt, während andere erhalten bleiben. Die beobachtbare Objektwelt erscheint dadurch nicht als etwas ursprünglich Gegebenes, sondern als das Ergebnis eines Selektionsprozesses. Stabilität muss nicht vorausgesetzt werden; sie entsteht.

Ob in der Selbstorganisation, der Thermodynamik oder der Dekohärenztheorie – immer wieder begegnet uns dieselbe Grundidee: Ein Objekt ist kein unveränderlicher Kern hinter wechselnden Eigenschaften. Es ist ein Muster, das sich innerhalb eines dynamischen Geschehens behauptet. Seine Identität beruht nicht auf Unveränderlichkeit, sondern auf Stabilisierung.

Damit verändert sich auch die Bedeutung des Objektbegriffs. Ein Objekt erscheint nun als eine Form, die gegenüber Störungen, Veränderungen und alternativen Möglichkeiten eine gewisse Beständigkeit gewinnt. Es besitzt keine absolute Stabilität. Vielmehr existiert es, solange die Prozesse, die seine Gestalt hervorbringen und erhalten, wirksam bleiben.

Diese Einsicht erklärt allerdings nicht, warum bestimmte Muster entstehen und andere nicht. Sie beschreibt die Stabilisierung von Objekten, setzt aber bereits ein Feld von Möglichkeiten voraus, innerhalb dessen sich solche Stabilisierungen vollziehen. Die Frage verschiebt sich also noch weiter: Wenn Objekte als stabile Muster verstanden werden können, worin besteht dann der Zusammenhang, innerhalb dessen solche Muster entstehen?

 

5. Warum Relationen allein nicht genügen
Die Vorstellung, dass Objekte als stabile Muster entstehen, führt beinahe zwangsläufig zu einem relationalen Verständnis der Wirklichkeit. Wenn ein Objekt nicht auf einer bleibenden Substanz beruht, dann scheint seine Identität aus den Beziehungen hervorzugehen, die seine Bestandteile miteinander und mit ihrer Umgebung verbinden. Viele moderne Prozess- und Relationstheorien gehen daher davon aus, dass nicht Dinge, sondern Relationen die eigentlichen Grundelemente der Wirklichkeit sind.

Diese Perspektive besitzt große Erklärungskraft. Sie macht verständlich, warum Objekte nicht isoliert existieren können. Ein Organismus ist nur im Zusammenhang mit seiner Umwelt lebensfähig. Ein Wirbel entsteht nur innerhalb einer strömenden Flüssigkeit. Selbst ein Stein verdankt seine Stabilität einem Gefüge von Wechselwirkungen, das seine Gestalt aufrechterhält. Was wir als Objekt wahrnehmen, erscheint aus dieser Sicht als ein Knotenpunkt von Relationen.

Relationen beschreiben Verbindungen, Wechselwirkungen oder Abhängigkeiten. Sie erklären, wie verschiedene Elemente miteinander verknüpft sind. Weniger offensichtlich ist jedoch, wie solche Verknüpfungen überhaupt möglich werden und warum sie gerade diese Formen annehmen.

Die Aussage, dass alles aus Relationen besteht, beantwortet nicht automatisch die Frage nach der Entstehung von Neuem. Sie beschreibt eine Struktur, erklärt aber noch nicht die Offenheit, innerhalb derer sich diese Struktur bildet und verändert. Warum entstehen bestimmte Relationen und nicht andere? Warum bilden sich manche Muster heraus, während unzählige andere Möglichkeiten unausgeschöpft bleiben?

Diese Frage wird besonders deutlich, wenn man die Entwicklung komplexer Systeme betrachtet. Die Geschichte des Universums ist nicht lediglich eine Geschichte bestehender Relationen. Sie ist zugleich eine Geschichte der Entstehung neuer Relationen. Atome bilden Moleküle. Moleküle organisieren sich zu Zellen. Zellen werden Teil von Organismen. Organismen schaffen ökologische und soziale Zusammenhänge. Auf jeder Ebene entstehen neue Formen der Verknüpfung, die zuvor nicht existierten.

Eine relationale Beschreibung kann diese entstandenen Strukturen erfassen. Doch sie sagt noch wenig darüber aus, warum die Wirklichkeit überhaupt in der Lage ist, solche neuen Strukturen hervorzubringen. Die Relationen erscheinen dann als bereits vorhandene Elemente einer Ordnung, während die Dynamik ihrer Entstehung in den Hintergrund tritt.

Damit zeigt sich eine Grenze rein relationaler Beschreibungen. Sie machen verständlich, dass Objekte nicht unabhängig von ihren Beziehungen existieren. Sie erklären aber nicht vollständig den offenen Charakter einer Wirklichkeit, in der ständig neue Beziehungen, neue Muster und neue Formen von Stabilität entstehen können.

Für die Frage nach dem Objekt ist dieser Punkt entscheidend. Ein Objekt erscheint nicht nur als ein Geflecht bestehender Relationen. Es ist zugleich das Ergebnis eines Prozesses, in dem aus vielen Möglichkeiten bestimmte Relationen Wirklichkeit werden, während andere unausgeführt bleiben. Objektbildung setzt daher mehr voraus als bloße Verknüpfung. Sie setzt einen Zusammenhang voraus, innerhalb dessen Relationen entstehen, sich verändern und neue Formen annehmen können.

 

6. Spiel als ontologische Bedingung
Wenn Objekte als stabile Muster verstanden werden können und diese Muster aus Relationen hervorgehen, bleibt dennoch eine Frage offen. Was ermöglicht die Entstehung neuer Relationen, neuer Muster und neuer Formen von Stabilität? Weder der Begriff der Substanz noch der Begriff der Relation scheint diese Dynamik vollständig zu erfassen.

An dieser Stelle wird der Begriff des Spiels relevant.

Dabei ist mit Spiel weder Unterhaltung noch eine besondere menschliche Tätigkeit gemeint. Der Begriff bezeichnet vielmehr eine grundlegende Struktur der Wirklichkeit selbst. Spiel meint die Dynamik, die Möglichkeiten begrenzt und dadurch zugleich neue Spielräume eröffnet.

Diese Bestimmung mag zunächst paradox erscheinen. Gewöhnlich betrachten wir Begrenzungen als Einschränkungen von Freiheit und Möglichkeit. Doch viele Prozesse in Natur und Kultur zeigen das Gegenteil. Die Regeln eines Schachspiels begrenzen die möglichen Züge der Figuren. Gerade dadurch entsteht jedoch ein Raum strategischer Möglichkeiten. Ein Flussbett begrenzt die Bewegung des Wassers. Gerade dadurch wird ein gerichteter Strom möglich. Die Struktur eines Moleküls schränkt bestimmte chemische Reaktionen ein und eröffnet zugleich neue. Begrenzungen wirken daher nicht nur einschränkend. Sie strukturieren Möglichkeiten und schaffen neue Handlungsspielräume.

Spiel bezeichnet genau diese Wechselwirkung von Möglichkeiten und strukturierenden Begrenzungen.

Aus dieser Perspektive erscheint die Wirklichkeit weder als vollkommen determiniert noch als grenzenlos offen. Eine vollständig festgelegte Welt ließe keine Neuheit zu. Eine völlig unbegrenzte Welt besäße keine stabilen Formen. In beiden Fällen gäbe es keine Objekte, keine Entwicklung und keine Geschichte. Neuheit entsteht vielmehr dort, wo Möglichkeiten auf strukturierende Begrenzungen treffen und dadurch neue Möglichkeiten hervorbringen.

Der Begriff des Spiels verweist auf eine Dynamik, die tiefer liegt als einzelne Prozesse oder Relationen. Relationen verbinden bereits vorhandene Elemente. Das Spiel bezeichnet den Zusammenhang, innerhalb dessen neue Relationen überhaupt entstehen können. Es beschreibt nicht eine bestimmte Ordnung der Wirklichkeit, sondern die fortwährende Hervorbringung und Veränderung von Ordnungen.

Damit verändert sich auch die Bedeutung von Stabilität. Stabilität erscheint nun nicht als Gegensatz zum Spiel, sondern als dessen Ergebnis. Jedes Objekt begrenzt bestimmte Möglichkeiten und eröffnet zugleich neue. Ein Atom schafft die Voraussetzungen für Moleküle. Moleküle eröffnen neue Möglichkeiten für Zellen. Zellen schaffen die Bedingungen für Organismen. Organismen eröffnen ökologische, soziale und kulturelle Spielräume. Die Geschichte der Wirklichkeit kann so als eine fortlaufende Entstehung neuer Spielräume verstanden werden.

Objekte sind daher nicht nur Produkte des Spiels. Sie werden selbst zu strukturierenden Begrenzungen innerhalb des Spiels. Indem sie bestimmte Möglichkeiten stabilisieren, schaffen sie die Voraussetzungen für weitere Entwicklungen. Jede Stabilisierung begrenzt und eröffnet zugleich. Sie schließt manche Möglichkeiten aus und macht andere erst realisierbar.

Spiel bezeichnet also weder ein Objekt noch einen Prozess unter anderen. Es ist auch keine verborgene Substanz hinter den Erscheinungen. Spiel bezeichnet die ontologische Bedingung, unter der Möglichkeiten wirksam werden, strukturierende Begrenzungen entstehen und neue Formen der Wirklichkeit hervorgebracht werden können.

Vor diesem Hintergrund erscheinen Prozesse, Relationen und Objekte als verschiedene Aspekte desselben Geschehens. Prozesse bilden die Dynamik des Spiels. Relationen sind seine Verknüpfungen. Objekte sind jene relativ stabilen Muster, die innerhalb des Spiels entstehen und neue Spielräume eröffnen.

 

7. Was ist ein Objekt?
Die Ausgangsfrage dieses Aufsatzes lautete: Was ist ein Objekt? Die klassische Substanzontologie beantwortet diese Frage, indem sie Objekte als Träger von Eigenschaften versteht. Hinter den wechselnden Merkmalen eines Gegenstandes steht demnach eine bleibende Substanz, die seine Identität gewährleistet. Prozessontologien stellen diese Vorstellung in Frage und begreifen die Wirklichkeit stattdessen als ein Geschehen fortwährender Veränderung. Dadurch entsteht jedoch die Aufgabe zu erklären, wie innerhalb dieses Wandels stabile Formen entstehen können.

Die Betrachtung von Selbstorganisation, Dekohärenz und anderen Formen der Musterbildung legt nahe, dass Objekte nicht als unveränderliche Kerne verstanden werden müssen. Vielmehr erscheinen sie als relativ stabile Ordnungen innerhalb dynamischer Prozesse. Ihre Identität beruht nicht auf Unveränderlichkeit, sondern auf der Fähigkeit, ihre Gestalt über eine gewisse Zeit aufrechtzuerhalten.

Gleichzeitig zeigte sich, dass eine rein relationale Beschreibung nicht ausreicht. Relationen erklären Verknüpfungen, setzen aber bereits einen Zusammenhang voraus, innerhalb dessen neue Verknüpfungen entstehen können. Dieser Zusammenhang wurde hier als Spiel bezeichnet. Spiel ist die Dynamik, die Möglichkeiten begrenzt und dadurch zugleich neue Spielräume eröffnet.

Vor diesem Hintergrund lässt sich das Objekt nun wie folgt definieren:

„Ein Objekt ist ein relativ stabiles Muster, das innerhalb des Spiels der Wirklichkeit entsteht und über eine gewisse Zeit bestehen bleibt.“

Die Stabilität eines Objekts beruht nicht auf einer unveränderlichen Substanz. Sie entsteht dadurch, dass bestimmte Möglichkeiten stabilisiert werden, während andere ausgeschlossen bleiben. Jedes Objekt stellt somit eine strukturierende Begrenzung innerhalb des Spiels dar.

Diese Definition verbindet Stabilität und Wandel. Ein Objekt ist stabil genug, um als Einheit erkennbar zu sein, aber nicht so stabil, dass es von Veränderung unabhängig wäre. Seine Identität besteht nicht in einem unveränderlichen Wesen, sondern in der Kontinuität eines Musters.

Zugleich besitzt ein Objekt eine produktive Funktion. Es ist nicht lediglich das Ergebnis vorausgehender Prozesse, sondern wird selbst zu einer strukturierenden Begrenzung innerhalb des Spiels. Indem ein Objekt bestimmte Möglichkeiten stabilisiert, schließt es andere aus und eröffnet zugleich neue Möglichkeiten. Es begrenzt und ermöglicht in einem einzigen Vorgang.

Ein Atom stabilisiert eine bestimmte Ordnung von Materie und eröffnet dadurch die Möglichkeit von Molekülen. Moleküle schaffen neue Spielräume für die Entstehung von Zellen. Zellen eröffnen neue Möglichkeiten für Organismen. Organismen schaffen ökologische, soziale und kulturelle Spielräume. Auf jeder Ebene entstehen neue Objekte, die ihrerseits Bedingungen für weitere Formen der Objektbildung hervorbringen.

Objekte sind daher nicht bloß Dinge, die innerhalb der Welt existieren. Sie wirken an der fortlaufenden Gestaltung der Welt mit. Jedes Objekt verändert den Raum der Möglichkeiten, innerhalb dessen zukünftige Entwicklungen stattfinden können. Es ist Ergebnis einer Geschichte und zugleich Ausgangspunkt weiterer Geschichte.

Aus dieser Perspektive erscheint die Wirklichkeit nicht als Ansammlung fertiger Dinge. Sie erscheint als ein fortlaufender Prozess der Objektbildung. Neue Muster entstehen, stabilisieren sich und werden selbst zu strukturierenden Begrenzungen, die weitere Muster ermöglichen. Die Geschichte des Universums lässt sich daher als eine Geschichte sich erweiternder Spielräume verstehen.

Objekte besitzen in diesem Zusammenhang keine absolute Identität. Sie entstehen, verändern sich und vergehen. Ihre Grenzen sind häufig nicht scharf gezogen, sondern graduell. Manche Objekte existieren für Bruchteile einer Sekunde, andere über Milliarden von Jahren. Gemeinsam ist ihnen, dass sie relativ stabile Formen innerhalb eines offenen und zugleich strukturierten Spiels darstellen.

Das Objekt ist also weder eine Substanz noch eine bloße Ansammlung von Eigenschaften. Es ist eine Stabilisierung innerhalb des Spiels der Wirklichkeit, die neue Spielräume eröffnet. Was wir als Dinge erfahren, sind die relativ beständigen Formen, durch die sich die Möglichkeiten der Welt strukturieren und weiterentwickeln.

 

8. Konsequenzen
Die hier entwickelte Auffassung des Objekts verändert nicht nur die Antwort auf eine einzelne philosophische Frage. Sie verändert die Art und Weise, wie wir die Wirklichkeit insgesamt verstehen.

Wenn Objekte keine Substanzen sind, sondern relativ stabile Muster innerhalb des Spiels der Wirklichkeit, dann wird Beständigkeit zu etwas, das erklärt werden muss, anstatt als selbstverständlich vorausgesetzt zu werden. Die Identität eines Objekts beruht nicht auf einem unveränderlichen Kern, sondern auf der Stabilität einer Form. Ein Objekt bleibt dasselbe, solange sich das Muster erhält, das seine Gestalt ausmacht.

Dadurch erscheint Identität nicht mehr als etwas Absolutes, sondern als etwas Graduelles. Manche Objekte sind außerordentlich stabil und verändern sich nur langsam. Andere existieren nur für kurze Zeit. Zwischen einem Elementarteilchen, einem Wirbel im Wasser, einem Organismus oder einer Institution bestehen erhebliche Unterschiede hinsichtlich ihrer Dauer, ihrer Komplexität und ihrer Stabilität. Gemeinsam ist ihnen jedoch, dass sie als relativ beständige Muster verstanden werden können.

Auch die Grenze zwischen belebter und unbelebter Natur erscheint aus dieser Perspektive in einem neuen Licht. Lebewesen sind keine grundsätzlich andere Art von Entitäten als Steine, Flüsse oder Sterne. Sie unterscheiden sich vor allem durch die Art und Weise, wie sie ihre Stabilität aufrechterhalten. Während ein Stein seine Form vergleichsweise passiv bewahrt, erhalten Organismen ihre Identität durch einen fortlaufenden Prozess der Selbstorganisation und Erneuerung.

Dies gilt auch für das menschliche Selbst. Wenn Objekte nicht als Substanzen verstanden werden müssen, dann gilt dies ebenso für Personen. Das Selbst erscheint nicht als unveränderlicher Wesenskern hinter unseren Erfahrungen. Es kann vielmehr als ein besonders komplexes und dynamisches Muster verstanden werden, das sich im Verlauf eines Lebens entwickelt, stabilisiert und verändert. Persönliche Identität beruht dann nicht auf einer unveränderlichen Substanz, sondern auf der Kontinuität eines sich wandelnden Musters.

Auch unser Verständnis von Erkenntnis verändert sich. Erkenntnis bedeutet nicht, unveränderliche Dinge hinter den Erscheinungen zu entdecken. Sie besteht vielmehr darin, stabile Muster innerhalb einer sich wandelnden Wirklichkeit zu erkennen und zu beschreiben. Wissenschaft wird damit zu dem Versuch, die Formen der Stabilisierung zu verstehen, durch die sich die Welt organisiert.

Schließlich verändert sich auch das Bild der Wirklichkeit als Ganzes. Die Welt erscheint nicht länger als Ansammlung fertiger Dinge, die miteinander in Beziehung treten. Sie erscheint als ein fortlaufender Prozess der Objektbildung. Neue Muster entstehen, stabilisieren sich und vergehen wieder. Jedes Objekt trägt zur Strukturierung der Möglichkeiten bei, innerhalb derer weitere Objekte entstehen können. Die Geschichte des Universums wird so zu einer Geschichte wachsender Komplexität und sich erweiternder Spielräume.

Aus dieser Perspektive sind Objekte nicht die grundlegenden Bausteine der Wirklichkeit. Sie sind die relativ beständigen Formen, die das Spiel der Wirklichkeit hervorbringt. Die Welt besteht nicht aus Dingen, die gelegentlich Veränderungen durchlaufen. Sie besteht aus einem fortwährenden Geschehen, in dem sich stabile Dinge bilden.

Die Frage „Was ist ein Objekt?“ führt damit zu einer umfassenderen Einsicht. Objekte sind weder unveränderliche Substanzen noch bloße Ansammlungen von Eigenschaften. Sie sind zeitweilige Stabilitäten innerhalb eines offenen und zugleich strukturierten Spiels.

 

Literatur

Bergson, H. (1912). Schöpferische Entwicklung. Jena: Eugen Diederichs.

Descartes, R. (1641/2009). Meditationen über die Erste Philosophie. Hamburg: Meiner.

Deutsch, D. (2011). The Beginning of Infinity. London: Allen Lane.

Kauffman, S. A. (1993). The Origins of Order: Self-Organization and Selection in Evolution. New York: Oxford University Press.

Prigogine, I., & Stengers, I. (1984). Order Out of Chaos: Man’s New Dialogue with Nature. New York: Bantam Books.

Walker, S. I. (2024). Life as No One Knows It: The Physics of Life’s Emergence. New York: Riverhead Books.

Whitehead, A. N. (1929/1978). Process and Reality. New York: Free Press.

Zurek, W. H. (2003). „Decoherence, einselection, and the quantum origins of the classical.“ Reviews of Modern Physics, 75(3), 715–775.