Jahre


1. Prozesse im Alltag
Unser Alltag vollzieht sich in einem Strom von Geschehnissen. Am Morgen erwachen wir aus dem Schlaf. Gedanken tauchen auf. Erinnerungen verbinden sich mit Erwartungen. Der Tag beginnt nicht an einem festen Punkt, sondern entwickelt sich aus dem, was ihm vorausging. Während wir frühstücken, sprechen, lesen oder arbeiten, verändert sich fortwährend etwas. Eindrücke kommen hinzu, Aufmerksamkeit verlagert sich, Stimmungen wandeln sich. Das Leben ereignet sich.

Eine Melodie entfaltet sich Ton für Ton. Ihr Zusammenhang entsteht im Verlauf ihres Erklingens. Frühere Töne wirken in den späteren nach, Erwartungen werden aufgebaut und erfüllt oder enttäuscht. Die Musik lebt von ihrer Bewegung.

Ein Gespräch entwickelt seine eigene Dynamik. Gedanken greifen ineinander, Fragen führen zu Antworten, neue Themen entstehen. Oft lässt sich nicht vorhersagen, wohin ein Gespräch führen wird. Sein Sinn entsteht Schritt für Schritt aus dem gemeinsamen Vollzug.

Auch das Wetter zeigt sich als fortlaufendes Geschehen. Wolken ziehen auf, Winde verändern ihre Richtung, Regen setzt ein und hört wieder auf. Der Himmel befindet sich in ständigem Wandel. Keine einzelne Momentaufnahme erfasst, was das Wetter ist. Sein Wesen liegt in seiner Entwicklung.

Ähnlich verhält es sich mit dem Leben eines Menschen. Erfahrungen hinterlassen Spuren, Gewohnheiten bilden sich heraus, Erinnerungen verändern ihre Bedeutung im Licht neuer Erlebnisse. Biografien entfalten sich über Jahre und Jahrzehnte hinweg. Jeder Augenblick trägt etwas von den vorherigen in sich und eröffnet zugleich neue Möglichkeiten.

Überall begegnen uns Muster, die sich erhalten, indem sie sich verändern. Ein Fluss fließt unaufhörlich. Ein Wald wächst, stirbt teilweise ab und erneuert sich. Eine Sprache entwickelt sich über Generationen hinweg und bleibt dennoch erkennbar. Stabilität erscheint dabei nicht als Stillstand, sondern als eine besondere Form von Kontinuität innerhalb eines fortdauernden Geschehens.

Der französische Philosoph Henri Bergson bezeichnete diesen Grundzug der Erfahrung als Dauer (Bergson, 1912). Damit meinte er keine bloße Abfolge einzelner Momente, sondern einen lebendigen Zusammenhang, in dem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander verwoben sind. Das Leben vollzieht sich nicht in isolierten Augenblicken. Jeder Moment geht aus vorherigen hervor und wirkt auf kommende zurück.

Wer auf diese Weise auf die Welt blickt, entdeckt eine Wirklichkeit voller Übergänge, Entwicklungen und Entfaltungen. Prozesse durchziehen die Natur ebenso wie das menschliche Leben. Sie verbinden Vergangenheit und Zukunft, schaffen Kontinuität und bringen immer wieder Neues hervor.

Die Erfahrung des Werdens begleitet uns auf Schritt und Tritt. Sie bildet den Hintergrund unseres Denkens, Handelns und Erlebens.

 

2. Die Welt als Ereignis

Betrifft dieses allgegenwärtige „Werden“ nur unsere Alltagserfahrung, oder beschreibt Werden vielleicht auch ganz prinzipiell das Wesen der Welt selbst?

Der englische Philosoph Alfred North Whitehead zog aus dieser Frage weitreichende Konsequenzen (Whitehead, 1929). Er schlug vor, die Wirklichkeit nicht von bleibenden Entitäten her zu verstehen, sondern von Ereignissen. Was wir als Welt erfahren, ist nach Whitehead kein Gefüge fertiger Bestandteile, sondern ein fortlaufendes Geschehen, in dem sich immer neue Momente bilden, miteinander verknüpfen und wieder vergehen.

Jedes Ereignis entsteht aus einem Zusammenhang vorhergehender Ereignisse. Es nimmt deren Wirkungen auf, verarbeitet sie auf seine eigene Weise und gibt sie in veränderter Form an zukünftige Ereignisse weiter. Die Welt erscheint dadurch als ein ununterbrochener Prozess gegenseitiger Hervorbringung. Nichts steht für sich allein. Jeder Augenblick trägt die Spuren einer Vergangenheit in sich und wirkt zugleich an der Entstehung einer Zukunft mit.

Whitehead bezeichnete die grundlegenden Einheiten der Wirklichkeit als „actual occasions“, als wirkliche Ereignisse oder Geschehnisse. Er beschreibt damit die elementaren Momente, aus denen sich die Wirklichkeit fortwährend aufbaut. Ein Ereignis ist kein fertiger Baustein, sondern ein Vorgang des Werdens. Es entsteht, erreicht eine gewisse Bestimmtheit und geht schließlich in neue Ereignisse über.

Die Welt gleicht in diesem Bild keinem Gebäude, das aus unveränderlichen Elementen zusammengesetzt ist. Eher ähnelt sie einer unendlichen Folge von Augenblicken kreativer Entfaltung. Jeder Moment nimmt die Welt auf, wie sie geworden ist, und trägt dazu bei, wie sie weiter wird.

Dabei spielt Kreativität eine zentrale Rolle. Für Whitehead wiederholt die Welt nicht einfach immer wieder das Gleiche. Jeder neue Augenblick bringt eine eigene Perspektive auf die Vergangenheit hervor. Etwas wird bewahrt, etwas verändert sich, und etwas Neues tritt hinzu. Die Wirklichkeit ist also kein starres System, sondern ein schöpferischer Prozess.

Diese Sichtweise eröffnet einen neuen Blick auf die Kontinuität der Welt. Was wir als beständige Strukturen erleben – Organismen, Gesellschaften, Ökosysteme oder sogar Galaxien –, erscheint aus dieser Perspektive als die fortlaufende Organisation zahlloser Ereignisse. Ihre Stabilität beruht auf der Wiederaufnahme und Erneuerung bestimmter Muster. Diese Muster bestehen, indem sie sich fortsetzen.

Whitehead spricht deshalb von einer Welt, die sich in jedem Augenblick selbst hervorbringt. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind nicht voneinander getrennt. Sie bilden ein zusammenhängendes Geflecht von Ereignissen, in dem jeder Moment aus anderen hervorgeht und neue Möglichkeiten eröffnet. Damit wird das Werden zum Grundzug der Wirklichkeit selbst. Die Welt ist ein Geschehen.

Aus dieser Sichtweise erhält auch die Frage nach Identität eine neue Bedeutung. Wenn die Wirklichkeit aus Ereignissen besteht, dann stellt sich die Frage, wie innerhalb eines fortlaufenden Werdens überhaupt Kontinuität und Wiedererkennbarkeit entstehen können. Wie kommt es, dass sich aus dem Strom der Ereignisse stabile Muster herausbilden, die wir als dieselben erkennen?

3. Das Werden vor dem Sein

Im Alltag erkennen wir Menschen, Tiere, Pflanzen oder Orte wieder. Wir geben ihnen Namen und sprechen von ihnen, als besäßen sie eine fortdauernde Identität. Diese Fähigkeit zur Wiedererkennung gehört zu den grundlegenden Leistungen unseres Denkens. Sie ermöglicht Orientierung und Verständigung. Doch wie entsteht diese Wiedererkennbarkeit?

Der französische Philosoph Gilles Deleuze schlägt vor, diese Frage aus einer ungewohnten Perspektive zu betrachten (Deleuze, 1968). Anstatt Identität an den Anfang zu stellen, setzt er das Werden an die erste Stelle. Nicht das Sein erzeugt Veränderung. Vielmehr entstehen die Formen des Seins innerhalb fortwährender Prozesse des Werdens.

Für Deleuze ist die Wirklichkeit von schöpferischer Differenz durchzogen. Jeder Augenblick bringt neue Unterschiede hervor. Nichts wiederholt sich vollkommen. Selbst dort, wo wir Beständigkeit wahrnehmen, vollziehen sich fortlaufende Veränderungen. Das Leben entwickelt sich, Gedanken verändern sich, Beziehungen wandeln sich, Kulturen entstehen und transformieren sich. Die Welt befindet sich in einer ständigen Bewegung der Hervorbringung.

Dennoch versinkt sie nicht im Chaos. Im Strom des Werdens bilden sich Muster heraus. Bestimmte Abläufe stabilisieren sich, bestimmte Strukturen erhalten sich über längere Zeiträume. Dadurch entstehen Formen der Kontinuität, die Orientierung ermöglichen. Wir erkennen einen Menschen wieder, obwohl sich sein Körper, seine Erfahrungen und seine Gedanken fortwährend verändern. Wir erkennen einen Fluss wieder, obwohl sein Wasser ständig weiterfließt. Wiedererkennbarkeit entsteht durch die Fortsetzung eines Musters, nicht durch das Ausbleiben von Veränderung.

Deleuze beschreibt die Wirklichkeit daher als einen Prozess der fortwährenden Differenzierung. Neues entsteht nicht dadurch, dass bereits Vorhandenes lediglich umgeordnet wird. Vielmehr bringt das Werden immer wieder neue Möglichkeiten hervor. Jede Entwicklung eröffnet Wege, die zuvor noch nicht existierten. Die Zukunft ist nicht vollständig in der Vergangenheit enthalten. Sie entsteht Schritt für Schritt im Vollzug der Welt selbst.

Dabei kommt dem Begriff des Werdens eine besondere Bedeutung zu. Werden bezeichnet nicht einfach den Übergang von einem Zustand in einen anderen. Es ist der kreative Prozess, durch den sich überhaupt erst neue Formen, Eigenschaften und Möglichkeiten herausbilden. Das Werden ist produktiv. Es erschafft Verbindungen, Unterschiede und Ordnungen.

Aus dieser Sicht erscheint Identität nicht als Ausgangspunkt der Wirklichkeit, sondern als ihre Leistung. Sie entsteht dort, wo sich bestimmte Muster über die Zeit hinweg fortsetzen und stabilisieren. Was wir als ein Seiendes wahrnehmen, kann als die vorübergehende Verdichtung eines fortlaufenden Werdens verstanden werden.

Die Wirklichkeit besteht nicht aus fertigen Formen, die anschließend in Bewegung geraten. Vielmehr entstehen Formen innerhalb von Bewegungen, Kontinuitäten innerhalb von Veränderungen und Ordnungen innerhalb schöpferischer Prozesse. Das Werden geht dem Sein voraus.

 

4. Relationen und Relata

Wenn sich Wirklichkeit als ein fortlaufender Prozess des Werdens verstehen lässt, stellt sich die Frage, wie innerhalb dieses Werdens so etwas wie Bestimmtheit entsteht. Wie bilden sich die Muster heraus, die Kontinuität ermöglichen? Wie entstehen die Zusammenhänge, durch die sich Ereignisse aufeinander beziehen und Entwicklungen einen Verlauf gewinnen?

In unserem Alltag begegnen wir unzähligen Beziehungsgeflechten. Ein Gespräch entsteht zwischen Menschen, die einander zuhören und aufeinander reagieren. Eine Melodie entfaltet sich aus den Beziehungen ihrer Töne. Ein Ökosystem lebt von den Wechselwirkungen seiner Organismen. Auch das Leben eines Menschen entwickelt sich in Beziehungen – zu anderen Menschen, zu seiner Umwelt, zu seiner Geschichte und zu seinen Möglichkeiten.

Diese Relationalität bezeichnet mehr als bloße Verbindung. Sie verweist auf die Weise, in der sich Zusammenhänge bilden und erhalten. Beziehungen sind nicht etwas Äußerliches, das zu einem bereits bestehenden Geschehen hinzutritt. Sie gehören zum Geschehen selbst. Sie sind die Bahnen, entlang derer Wirkungen weitergegeben, Unterschiede hervorgebracht und neue Möglichkeiten eröffnet werden.

Die Physikerin und Philosophin Karen Barad hat diesen Gedanken auf radikale Weise weiterentwickelt (Barad, 2007). Nach ihrer Auffassung entstehen die Beteiligten einer Beziehung nicht unabhängig voneinander, um anschließend miteinander in Kontakt zu treten. Vielmehr bilden sie sich innerhalb der Beziehung selbst heraus. Barad spricht deshalb von „Intra-Aktion“, um deutlich zu machen, dass die beteiligten Pole eines Geschehens erst im Vollzug ihrer Beziehung Gestalt gewinnen.

Dieser Gedanke lässt sich an vielen alltäglichen Beispielen veranschaulichen. Die Bedeutung eines Wortes entsteht innerhalb einer Sprache. Die Rolle eines Menschen entwickelt sich innerhalb sozialer Zusammenhänge. Die Identität eines Lebewesens bildet sich im Austausch mit seiner Umwelt. Überall entstehen Bestimmtheiten innerhalb von Beziehungen, nicht außerhalb von ihnen.

Damit erhält auch der Begriff des Relatums eine neue Bedeutung. Als Relata bezeichnet man gewöhnlich die Pole einer Relation, also das, was miteinander in Beziehung steht. Aus einer relationalen Perspektive erscheinen Relata jedoch nicht als feste Ausgangspunkte. Sie bilden sich innerhalb relationaler Prozesse heraus. Was in einer Beziehung als bestimmter Pol hervortritt, verdankt seine Gestalt den Zusammenhängen, in denen es steht.

Relationen und Relata lassen sich daher nicht unabhängig voneinander verstehen. Beziehungen bringen Bestimmtheiten hervor, und diese Bestimmtheiten gehen wiederum neue Beziehungen ein. Aus diesem fortlaufenden Wechselspiel entstehen die Muster, die den Verlauf der Welt prägen.

Relationalität durchzieht dabei alle Ebenen der Wirklichkeit. Sie verbindet Ereignisse mit Ereignissen, Organismen mit ihrer Umwelt, Menschen mit ihren Gemeinschaften, Gedanken mit Erinnerungen und Erwartungen. Überall zeigt sich ein Geflecht gegenseitiger Hervorbringung. Entwicklungen entstehen nicht isoliert, sondern innerhalb von Zusammenhängen, die selbst fortwährend in Bewegung sind.

Die Welt erscheint damit als ein Netzwerk sich überlagernder Prozesse, in denen Beziehungen und relationale Knotenpunkte gemeinsam hervorgebracht werden. Kontinuität entsteht durch die Stabilisierung bestimmter Beziehungsmuster. Veränderung entsteht durch ihre Weiterentwicklung. Das Werden vollzieht sich als Relationalität.

 

5. Die Leere
Wenn sich die Wirklichkeit als ein Geflecht von Ereignissen, Prozessen und Relationen verstehen lässt, stellt sich eine naheliegende Frage: Gibt es hinter diesem Geflecht einen letzten Grund? Besitzt irgendetwas ein eigenständiges Wesen, das unabhängig von seinen Beziehungen, seiner Geschichte und seinen Bedingungen existiert?

Der buddhistische Philosoph Nagarjuna stellte diese Frage mit besonderer Konsequenz (Nagarjuna, 200 n.Chr.). Seine Antwort führte ihn zu einem Begriff, der bis heute leicht missverstanden wird: der Leere.

Mit Leere ist nicht gemeint, dass nichts existiert. Ebenso wenig bezeichnet sie eine verborgene Wirklichkeit hinter den Erscheinungen. Nagarjuna verwendet den Begriff vielmehr, um auf etwas hinzuweisen, das allen Dingen gemeinsam ist: Sie existieren nicht aus sich selbst heraus.

Alles, was existiert, entsteht in Abhängigkeit von Bedingungen. Eine Pflanze wächst aus einem Samen, benötigt Wasser, Licht und Nährstoffe. Eine Sprache entwickelt sich innerhalb einer Gemeinschaft von Sprechenden. Gedanken entstehen vor dem Hintergrund früherer Erfahrungen. Ein Mensch wird durch Beziehungen, Erinnerungen, Gewohnheiten und kulturelle Zusammenhänge geprägt. Nichts erscheint unabhängig von den Bedingungen, die es hervorbringen und erhalten.

Gerade deshalb besitzt nichts ein unveränderliches Eigenwesen. Was wir vorfinden, sind nicht isolierte Existenzen, sondern Knotenpunkte innerhalb eines umfassenden Netzes wechselseitiger Abhängigkeiten. Jedes Ereignis verweist auf andere Ereignisse. Jede Entwicklung geht aus vorhergehenden Entwicklungen hervor.
Jede Form verdankt ihre Existenz einem Zusammenhang, der über sie hinausreicht.

Nagarjuna richtet diesen Gedanken nicht nur auf die Dinge der Welt. Er wendet ihn auch auf unsere Begriffe an. Sobald wir versuchen, etwas als vollkommen eigenständig zu denken, zeigt sich, dass dieses Denken bereits auf Voraussetzungen beruht. Bedeutung entsteht durch Unterschiede. Identität entsteht durch Abgrenzungen. Bestimmungen erhalten ihren Sinn innerhalb eines Zusammenhangs anderer Bestimmungen. Selbst unsere Vorstellungen von Einheit, Vielheit, Ursache oder Wirkung sind in Beziehungsgeflechte eingebunden.

Die Leere bezeichnet deshalb nicht einen Mangel an Wirklichkeit, sondern die Abwesenheit eines unabhängigen Eigenwesens. Sie verweist auf die Offenheit aller Erscheinungen gegenüber den Bedingungen, aus denen sie hervorgehen. Gerade weil nichts aus sich selbst heraus existiert, kann sich alles verändern, entwickeln und neue Formen annehmen.

Aus dieser Perspektive erscheinen auch Relationen und Relata in einem neuen Licht. Die Relata besitzen kein von ihren Beziehungen unabhängiges Wesen. Doch ebenso wenig existieren Relationen aus sich selbst heraus. Beziehungen entstehen innerhalb von Prozessen, die wiederum neue Beziehungen hervorbringen. Weder auf der Seite der Relata noch auf der Seite der Relationen findet sich ein letzter, unveränderlicher Grund.

Die Suche nach einem endgültigen Fundament führt daher nicht zu einem verborgenen Kern der Wirklichkeit. Sie führt zurück in das Netz gegenseitiger Hervorbringung. Was wir finden, sind immer weitere Bedingungen, weitere Zusammenhänge, weitere Prozesse.

Die Leere ist die Einsicht in diese Fundamentlosigkeit. Sie bedeutet nicht, dass die Welt grundlos wäre. Vielmehr zeigt sie, dass ihre Wirklichkeit im Zusammenhang selbst liegt. Die Welt trägt sich nicht durch einen letzten festen Grund. Sie entfaltet sich durch das unaufhörliche Zusammenspiel ihrer Bedingungen.

Damit eröffnet sich eine neue Sicht auf die Wirklichkeit. Wenn weder Ereignisse noch Relationen noch ihre jeweiligen Knotenpunkte auf einem unabhängigen Fundament beruhen, dann erscheint die Welt als ein offener Prozess ohne letzten Ursprung und ohne abschließenden Endpunkt. Sie ist ein Geschehen, das sich fortwährend aus seinen eigenen Verflechtungen heraus erneuert.

 

6. Der unendliche Prozess
Die bisherigen Überlegungen führten von den Prozessen des Alltags über Ereignisse, Werden, Relationalität und Leere zu einem Bild der Wirklichkeit, in dem nichts isoliert für sich selbst existiert. Alles entsteht in Zusammenhängen, entwickelt sich aus vorhergehenden Bedingungen und wirkt auf zukünftige Entwicklungen zurück.
Die Welt erscheint als ein Geflecht gegenseitiger Hervorbringung.

Doch wie lässt sich dieses Geflecht als Ganzes verstehen?

Eine Möglichkeit besteht darin, die Wirklichkeit als einen unendlichen Prozess zu begreifen. Damit ist nicht gemeint, dass die Welt lediglich sehr lange andauert oder dass ihre Entwicklung zeitlich kein Ende findet. Der Gedanke reicht tiefer. Er besagt, dass es keinen Punkt gibt, an dem das Werden auf etwas stößt, das selbst nicht mehr geworden ist. Jeder Zusammenhang verweist auf weitere Zusammenhänge. Jede Bedingung entsteht aus anderen Bedingungen. Jede Form geht aus vorhergehenden Prozessen hervor und wird selbst Teil neuer Prozesse.

Der Versuch, einen letzten Grund zu finden, gleicht in diesem Bild dem Versuch, den Anfang eines Kreises zu bestimmen. Wo immer man ansetzt, findet man bereits ein Geflecht von Beziehungen, Ereignissen und Entwicklungen vor. Die Wirklichkeit besitzt keinen absoluten Ausgangspunkt außerhalb ihrer selbst. Sie ist ein fortwährender Prozess der Selbstentfaltung.

Dabei handelt es sich nicht um eine geschlossene Wiederholung des Immergleichen. Jeder Augenblick bringt Neues hervor. Möglichkeiten werden verwirklicht, andere bleiben unausgeführt. Entwicklungen verzweigen sich, Muster verändern sich, unerwartete Strukturen entstehen. Die Zukunft ist offen. Sie wird nicht einfach aus der Vergangenheit abgeleitet, sondern entsteht im fortlaufenden Vollzug des Werdens.

Der unendliche Prozess ist daher zugleich Kontinuität und Kreativität. Kontinuität, weil jeder Moment aus vorausgehenden Momenten hervorgeht und mit ihnen verbunden bleibt. Kreativität, weil jeder Moment die Möglichkeit neuer Entwicklungen in sich trägt. Die Wirklichkeit bewahrt ihre Geschichte, ohne auf sie festgelegt zu sein.

Innerhalb dieses Prozesses bilden sich immer wieder relativ stabile Muster heraus. Galaxien entstehen, Sterne formieren sich, Planeten entwickeln sich. Auf der Erde entstehen Lebensformen, Ökosysteme und Kulturen. Gedanken verbinden sich zu Theorien, Erfahrungen zu Erinnerungen, Klänge zu Melodien. Überall erscheinen Ordnungen, die Bestand gewinnen, ohne jemals vollständig vom Strom des Werdens getrennt zu sein.

Diese Muster besitzen keine Existenz außerhalb der Prozesse, aus denen sie hervorgehen. Ihre Beständigkeit beruht auf ihrer fortlaufenden Erneuerung. Sie dauern an, indem sie sich verändern. Ihre Identität besteht nicht in Unveränderlichkeit, sondern in der Kontinuität ihrer Entwicklung.

Die Wirklichkeit gleicht deshalb weniger einem Bauwerk als einem Strom. In einem Strom gibt es Strudel, Wirbel und wiederkehrende Bewegungen. Manche bleiben über längere Zeit erhalten, andere lösen sich rasch auf. Doch keine dieser Formen existiert unabhängig vom Fließen selbst. Sie sind Ausdruck seiner Dynamik.

Ähnlich verhält es sich mit allem, was uns in der Welt begegnet. Menschen, Gesellschaften, Sprachen, Ökosysteme und Sterne können als Momente eines umfassenden Werdens verstanden werden. Sie erscheinen als Verdichtungen innerhalb eines unendlichen Prozesses, der keine endgültige Grundlage benötigt,
um wirklich zu sein.

Der Gedanke des unendlichen Prozesses verbindet die Einsichten der vorangegangenen Kapitel. Die Dauer Bergsons, die Ereignisse Whiteheads, das Werden Deleuzes, die Relationalität Barads und die Leere Nagarjunas weisen jeweils auf eine Wirklichkeit hin, deren Wesen nicht im Verharren, sondern in der Hervorbringung liegt. Sie beschreiben unterschiedliche Aspekte eines Geschehens, das sich fortwährend selbst erneuert und niemals vollständig abgeschlossen ist (Bergson, 1912;Whitehead, 1929;Deleuze, 1968;Barad, 2007; Nagarjuna,200 n.Chr.).

Die Welt erscheint so als ein offener Horizont des Werdens. Sie besitzt keinen letzten Grund außerhalb ihrer Prozesse und kein endgültiges Ziel, auf das alles zuläuft. Ihr Reichtum liegt gerade in ihrer Fähigkeit, immer neue Formen hervorzubringen und immer neue Möglichkeiten zu eröffnen.

 

 

7. Fazit

Der Ausgangspunkt dieses Aufsatzes war eine einfache Beobachtung: Unser Alltag vollzieht sich in Prozessen. Melodien erklingen, Gespräche entwickeln sich, Menschen lernen, Organismen wachsen, Wolken ziehen über den Himmel. Überall begegnet uns ein Geschehen, das sich in der Zeit entfaltet und fortwährend verändert.

Von dieser Erfahrung aus führte der Weg über verschiedene philosophische Ansätze, die das Werden nicht als Randerscheinung, sondern als Grundzug der Wirklichkeit verstehen. Bergson beschrieb die Welt als Dauer, als einen kontinuierlichen Strom des Geschehens. Whitehead deutete die Wirklichkeit als ein Geflecht von Ereignissen, die sich gegenseitig hervorbringen. Deleuze zeigte, wie Identität aus Prozessen des Werdens hervorgeht. Barad machte deutlich, dass Bestimmtheit innerhalb von Relationen entsteht. Nagarjuna schließlich führte die Einsicht weiter, dass weder Dinge noch Beziehungen ein unabhängiges Eigenwesen besitzen.

Trotz ihrer unterschiedlichen Herkunft weisen diese Ansätze in eine gemeinsame Richtung. Sie beschreiben eine Wirklichkeit, die sich nicht auf einen letzten festen Grund zurückführen lässt. Was existiert, erscheint als Teil eines umfassenden Zusammenhangs von Ereignissen, Beziehungen und Hervorbringungen. Die Welt zeigt sich als ein offener Prozess, in dem sich Kontinuität und Veränderung, Stabilität und Kreativität untrennbar miteinander verbinden.

An diesem Punkt wird auch deutlich, worin sich eine prozessontologische Sichtweise von einer substanzontologischen Sichtweise unterscheidet.

Die Substanzontologie geht von bleibenden Entitäten aus. Veränderung erscheint hier als etwas, das diesen Entitäten widerfährt oder an ihnen beobachtet werden kann. Das Sein besitzt ontologischen Vorrang; das Werden wird als Veränderung von etwas bereits Seiendem verstanden.

Die Prozessontologie kehrt diese Perspektive um. Sie beginnt nicht mit dem Sein, sondern mit dem Werden. Nicht Veränderung bedarf der Erklärung, sondern die Entstehung von Kontinuität. Nicht die Dynamik erscheint als Sonderfall der Stabilität, sondern Stabilität als Sonderfall der Dynamik. Was wir als beständige Formen erleben, wird als relativ dauerhafte Organisation von Prozessen verständlich.

Damit verschiebt sich auch die Bedeutung von Identität. Identität bezeichnet nicht länger die unveränderliche Grundlage eines Seienden. Sie beschreibt die Kontinuität eines Entwicklungspfades. Ein Mensch bleibt derselbe Mensch, nicht weil er sich nicht verändert, sondern weil seine Veränderungen in einem zusammenhängenden Lebensprozess miteinander verbunden sind. Ein Fluss bleibt derselbe Fluss, weil sich sein Muster fortsetzt. Eine Sprache bleibt dieselbe Sprache, weil sie sich durch ihre Wandlungen hindurch weiterentwickelt.

Aus prozessontologischer Sicht erscheint die Welt daher weniger als ein Universum von Dingen als vielmehr als ein Universum von Geschehnissen. Was wir gewöhnlich als Dinge bezeichnen, kann als relativ stabile Verdichtung innerhalb fortlaufender Prozesse verstanden werden. Diese Verdichtungen besitzen Realität, doch ihre Realität liegt nicht in einem zeitlosen Kern, sondern in der Kontinuität ihrer Hervorbringung.

Eine solche Perspektive bietet zugleich einen natürlichen Zugang zu vielen Erkenntnissen der modernen Wissenschaften. Evolution beschreibt die Entstehung biologischer Formen als geschichtlichen Prozess. Die Entwicklungsbiologie untersucht die fortlaufende Selbstorganisation lebender Systeme. Die Ökologie betrachtet Organismen innerhalb ihrer Beziehungen zu anderen Organismen und ihrer Umwelt. Die Kosmologie erzählt die Geschichte eines sich entwickelnden Universums. In all diesen Bereichen tritt eine Wirklichkeit hervor, die sich durch Dynamik, Wechselwirkung und Entfaltung auszeichnet.

Die Prozessontologie erhebt dabei nicht den Anspruch, alle Fragen abschließend zu beantworten. Sie bietet vielmehr einen anderen Ausgangspunkt für das Denken. Sie lädt dazu ein, die Welt nicht primär unter dem Gesichtspunkt des Beharrens, sondern unter dem Gesichtspunkt des Werdens zu betrachten.

Vielleicht liegt gerade darin ihre größte Stärke. Sie macht verständlich, wie Neues entstehen kann, ohne auf ein Außen der Welt zurückzugreifen. Sie erklärt Kontinuität, ohne Veränderung zu verdrängen. Sie beschreibt Relationen, ohne die Beteiligten aus dem Zusammenhang zu lösen. Und sie eröffnet ein Bild der Wirklichkeit, in dem Kreativität, Entwicklung und Offenheit keine Ausnahmen darstellen, sondern zum Grundcharakter der Welt gehören.

Die Welt erscheint dann als ein unendlicher Prozess von Hervorbringungen
– ein Geflecht von Ereignissen, Relationen und Möglichkeiten, das sich in jedem Augenblick erneuert. In diesem fortdauernden Werden finden wir keinen letzten festen Grund. Wir finden eine Wirklichkeit, deren Beständigkeit gerade darin besteht,
niemals stillzustehen.

 

 

 

 

Quellen:
Barad, K. (2007). Meeting the Universe Halfway. Durham & London,
Duke University Press.
Bergson, H. (1912). Schöpferische Entwicklung. Jena, Eugen Diederichs.
Deleuze, G. (1968). Difference and Repetition. New York, Bloomsbury Academic.
Deutsch, D. (2011). The Beginning of Infinity. London, Penguin – Random House UK.
Nagarjuna (200 n.Chr.). Die Lehre von der Mitte. Hamburg, Meiner – 2010.
Walker, S. I. (2024). Life as no one knows it. New York, Riverhead Books.
Westerhoff, J. (2009). Nāgārjuna’s Madhyamaka. Oxford, Oxford University Press.

Whitehead, A. N. (1929). Process and Reality. New York, The Free Press – 1978.

Anmerkung:
Die Jahreszahlen in den Literaturangaben geben – abweichend vom üblichen APA-Style – das Jahr der Erstveröffentlichung, oder in historischen Quellen, das geschätzte Entstehungsjahr an, um die Texte auch Ad hoc historisch leicht einordnen zu können.