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1. Die Unschärfe des Prozessbegriffs

Die Prozessphilosophie ist aus einer berechtigten Kritik hervorgegangen: der Kritik an der Substanzontologie. Die Vorstellung, dass die Wirklichkeit aus stabilen, in sich abgeschlossenen Einheiten besteht, erweist sich bei näherem Hinsehen als unhaltbar. Was wir vorfinden, ist kein Gefüge von Dingen, sondern ein Gefüge von Veränderungen. Identitäten erscheinen nicht als Ausgangspunkt, sondern als Resultat von Dynamiken.

Der Begriff des Prozesses trägt dieser Einsicht Rechnung. Er verschiebt den ontologischen Fokus vom Sein auf das Werden, vom Objekt auf das Ereignis, von der Stabilität auf die Veränderung. In diesem Sinne steht er für einen entscheidenden Fortschritt. Wirklichkeit wird nicht länger als statische Ordnung gedacht, sondern als fortlaufende Hervorbringung.

Doch so überzeugend diese Verschiebung ist, so unbestimmt bleibt häufig der Begriff, der sie trägt. Der Ausdruck „Prozess“ bezeichnet zunächst nicht mehr als die Tatsache, dass etwas geschieht. Er sagt, dass es Veränderung gibt, aber nicht, wie diese Veränderung strukturiert ist. Ein Prozess kann ebenso gut mechanisch wie kreativ, deterministisch wie offen, linear wie komplex sein. Der Begriff selbst unterscheidet diese Möglichkeiten nicht. Er fasst sie unter einem gemeinsamen Nenner zusammen, ohne ihre Differenzen zu klären.

Damit entsteht eine eigentümliche Spannung. Einerseits wird der Prozessbegriff verwendet, um die Dynamik der Wirklichkeit zu erfassen.
Andererseits bleibt gerade diese Dynamik in ihrer konkreten Gestalt unterbestimmt.
Es wird gesagt, dass Wirklichkeit ein Werden ist, aber nicht hinreichend präzise, welcher Art dieses Werden ist.

Diese Unschärfe zeigt sich besonders dort, wo Prozesse mehr leisten sollen als bloße Veränderung. Sobald von Kreativität, von Neuheit oder von emergenten Strukturen die Rede ist, reicht der allgemeine Prozessbegriff nicht mehr aus. Denn er erklärt nicht, wie aus einem Geschehen tatsächlich etwas Neues hervorgeht, wie sich stabile Muster bilden oder wie unterschiedliche Formen von Dynamik voneinander unterschieden werden können.

In vielen prozessphilosophischen Ansätzen wird diese Lücke implizit geschlossen, etwa durch zusätzliche Begriffe, durch strukturierende Prinzipien oder durch Annahmen über die Organisation des Werdens. Doch gerade dadurch wird sichtbar, dass der Begriff des Prozesses allein nicht trägt. Er bedarf einer Präzisierung, die über die bloße Feststellung von Veränderung hinausgeht.

Der folgende Abschnitt nimmt diese Präzisierungen in den Blick. Anhand zentraler Varianten des Prozessdenkens lässt sich zeigen, wie unterschiedlich der Versuch ausfällt, dem Werden eine bestimmtere Form zu geben.

 

2. Drei Varianten des Werdens

Die Diagnose einer grundlegenden Dynamik der Wirklichkeit ist innerhalb der Prozessphilosophie weithin geteilt. Doch was genau unter „Werden“ zu verstehen ist, variiert erheblich. Der Begriff des Prozesses erhält seine Kontur erst durch die unterschiedlichen Weisen, in denen dieses Werden bestimmt wird. Drei einflussreiche Varianten lassen sich exemplarisch herausgreifen: bei Henri Bergson, Alfred North Whitehead und Gilles Deleuze.

Bei Bergson erscheint das Werden primär als „Dauer“ (durée). Zeit ist hier nicht eine Abfolge diskreter Momente, sondern ein kontinuierlicher, qualitativer Fluss. Das Wirkliche entfaltet sich als ununterbrochene Bewegung, in der Vergangenes im Gegenwärtigen fortwirkt und Neues nicht durch Kombination gegebener Elemente entsteht, sondern als genuine Hervorbringung. Bergsons Begriff des Werdens ist damit zutiefst kreativ. Er richtet sich gegen jede Verräumlichung der Zeit und gegen jede Vorstellung, die Veränderung als bloße Umordnung von bereits Vorhandenem versteht. Zugleich bleibt diese Dynamik schwer zu fassen. Die Dauer entzieht sich einer klaren strukturellen Beschreibung; sie kann eher intuitiv erfasst als begrifflich differenziert werden. Das Werden ist hier intensiv, aber nur begrenzt artikulierbar.

Bei Whitehead erhält das Werden eine deutlich ausgeprägtere Form. Die Wirklichkeit besteht aus „actual occasions“, elementaren Ereignissen, die sich in einem Prozess der „concrescence“ konstituieren. Dieser Prozess ist kein bloßer Fluss, sondern eine strukturierte Integration von Einflüssen. Jede Einheit entsteht, indem sie eine Vielzahl von Gegebenheiten aufnimmt, selektiv verarbeitet und zu einer bestimmten Gestalt bringt. Das Werden ist hier zugleich kreativ und organisiert. Es ist gerichtet auf eine Form der Erfüllung („Satisfaction“) und operiert mit einem Raum von Möglichkeiten („Eternal Objects“), die in den Prozess eingehen. Damit gewinnt der Prozessbegriff an Bestimmtheit. Allerdings geschieht dies um den Preis zusätzlicher metaphysischer Annahmen: Das Werden ist nicht nur dynamisch, sondern in eine umfassendere Ordnung eingebettet, die seine Struktur mitbestimmt.

Bei Deleuze verschiebt sich der Fokus erneut. Werden ist hier weder primär ein kontinuierlicher Fluss noch ein auf Erfüllung hin strukturierter Prozess, sondern die Produktion von Differenz. Identitäten gelten nicht als Ausgangspunkt, sondern als Effekt von Wiederholungen, die Differenzen hervorbringen. Prozesse sind nicht durch vorgegebene Formen organisiert, sondern durch Felder von Möglichkeiten, in denen sich unterschiedliche Aktualisierungen vollziehen. Das Werden ist hier radikal immanent und nicht teleologisch ausgerichtet. Es kennt keine vorgegebenen Ziele und keine übergeordneten Ordnungsinstanzen. Zugleich bleibt auch bei Deleuze offen, wie genau diese Dynamiken zu fassen sind. Seine Begriffe – Differenz, Wiederholung, Virtualität – beschreiben Bewegungen, ohne sie in eine klar bestimmbare Struktur zu überführen.

Diese drei Varianten machen deutlich, dass der Prozessbegriff allein keine einheitliche Theorie des Werdens liefert. Vielmehr eröffnet er einen Problemraum, in dem unterschiedliche Antworten möglich sind. Bergson betont die Kontinuität und Kreativität des Flusses, Whitehead die strukturierte Organisation von Ereignissen, Deleuze die immanente Produktion von Differenz. Gemeinsam ist ihnen die Abkehr von statischen Ontologien. Doch gerade in der Bestimmung dessen, was ein Prozess ist, gehen ihre Ansätze auseinander.

Damit bestätigt sich die zuvor formulierte Diagnose: Der Begriff des Prozesses ist kein hinreichend bestimmter Grundbegriff, sondern ein Ausgangspunkt, der nach weiterer Differenzierung verlangt. Die folgenden Überlegungen setzen genau hier an.

 

3. Leistung und Grenze der Prozessphilosophie
Die Prozessphilosophie steht für einen tiefgreifenden Einschnitt im ontologischen Denken. Indem sie das Werden an die Stelle des Seins setzt, unterläuft sie die Grundannahmen der Substanzontologie. Was zuvor als stabile Einheit erschien, wird als Resultat von Prozessen verständlich; Identität erweist sich als Effekt, nicht als Voraussetzung. In diesem Sinn liegt die zentrale Leistung der Prozessphilosophie in einer grundlegenden Umstellung der Perspektive: Wirklichkeit ist nicht, sie geschieht.

Diese Verschiebung ist mehr als terminologisch. Sie erlaubt es, Phänomene zu denken, die innerhalb statischer Ontologien schwer zugänglich bleiben: die Entstehung von Neuheit, die Ausbildung von Mustern, die Abhängigkeit von Strukturen von ihren eigenen Vollzügen. In unterschiedlichen Ausprägungen – bei Henri Bergson, Alfred North Whitehead und Gilles Deleuze – wird deutlich, dass Veränderung nicht als bloße Modifikation von Gegebenem verstanden werden kann, sondern als genuine Hervorbringung. Die Prozessphilosophie erschließt damit einen Begriff von Kreativität, der über mechanische Modelle hinausgeht.

Und es gelingt ihr, Relationalität neu zu fassen. Beziehungen sind nicht länger sekundäre Verknüpfungen zwischen bereits bestehenden Einheiten, sondern konstitutiv für das, was überhaupt als Einheit erscheint. Prozesse sind immer schon Verflechtungen; das Einzelne ist ein Knotenpunkt in einem Gefüge von Einwirkungen. Auch hierin liegt eine wesentliche Leistung: Die Trennung von Innen und Außen, von Subjekt und Objekt, wird zugunsten eines dynamischen Zusammenhangs relativiert.

Gerade an diesem Punkt treten aber auch die Grenzen der Prozessphilosophie hervor. Denn so überzeugend die Abkehr vom Substanzdenken ist, so offen bleibt häufig, wie die Dynamik, auf die sie sich beruft, genauer bestimmt werden kann. Der Begriff des Prozesses gewinnt zwar an inhaltlicher Fülle, doch er bleibt in entscheidenden Hinsichten unterbestimmt.

Eine erste Grenze zeigt sich in der Frage nach der Struktur des Werdens. Prozessphilosophien beschreiben Veränderung, aber sie differenzieren nur begrenzt zwischen unterschiedlichen Formen von Dynamik. Ob ein Geschehen regelhaft, kontingent, rekursiv oder kreativ organisiert ist, wird oft nicht aus dem Prozessbegriff selbst heraus entwickelt, sondern durch zusätzliche Annahmen eingeführt. Damit verschiebt sich das Problem: Die Struktur des Werdens wird nicht aus dem Werden erklärt, sondern ihm gewissermaßen nachträglich hinzugefügt.

Eine zweite Grenze betrifft die Rolle von Teleologie. Insbesondere bei Alfred North Whitehead ist das Werden nicht richtungslos, sondern auf eine Form der Erfüllung hin orientiert. Prozesse laufen auf eine „Satisfaction“ zu; sie sind intern geordnet und zielgerichtet. Auch wenn diese Teleologie nicht im klassischen Sinne als äußere Zwecksetzung verstanden wird, bleibt doch ein Moment der Gerichtetheit erhalten. Das Werden ist nicht nur offen, sondern zugleich auf eine bestimmte Vollendung hin strukturiert. Damit stellt sich die Frage, ob hier nicht erneut ein Ordnungsprinzip eingeführt wird, das dem Anspruch radikaler Immanenz entgegensteht.

Eng damit verbunden ist eine dritte Grenze: die Abhängigkeit von metaphysischen Fundierungen. Um die Struktur des Werdens zu bestimmen, greifen einige Prozessphilosophien auf übergreifende Prinzipien zurück: etwa auf Möglichkeitsräume, die dem Prozess vorausliegen, oder auf Instanzen, die seine Ordnung garantieren. Diese Elemente stabilisieren den Begriff des Prozesses, führen aber zugleich wieder eine Ebene ein, die dem Geschehen nicht vollständig immanent ist.

Schließlich bleibt auch der Status der Einheiten problematisch, aus denen Prozesse bestehen. Selbst dort, wo Substanzen durch Ereignisse ersetzt werden, behalten diese Ereignisse oft den Charakter elementarer Bausteine. Das Werden wird dann als Abfolge oder Verknüpfung solcher Einheiten gedacht. Damit stellt sich die Frage, ob die Logik der Vereinzelung nicht in veränderter Form fortbesteht.

Diese Grenzen relativieren die Leistung der Prozessphilosophie nicht, sondern präzisieren sie. Sie hat entscheidend dazu beigetragen, Wirklichkeit als dynamisch zu begreifen. Doch gerade weil sie diese Dynamik ins Zentrum stellt, wird die Notwendigkeit einer genaueren Bestimmung umso deutlicher. Es reicht nicht aus zu sagen, dass alles im Werden ist; es muss auch geklärt werden, wie dieses Werden organisiert ist, wie es Differenzen hervorbringt und wie sich aus ihm stabile Formen ergeben.

An diesem Punkt setzt die folgende Überlegung an. Sie versucht, den Begriff des Werdens so zu fassen, dass Struktur, Offenheit und Kreativität nicht als zusätzliche Momente erscheinen, sondern aus der Dynamik selbst verständlich werden.

 

4. Das Spiel als ontologische Grundform

Der Vorschlag, der hier gemacht wird, besteht darin, das Werden nicht primär als Prozess, sondern als Spiel zu verstehen. Damit ist keine bloße metaphorische Verschiebung gemeint, sondern die Einführung eines Begriffs, der die Struktur der Dynamik selbst bestimmt.

Der Ausdruck „Spiel“ bezeichnet eine Form von Geschehen, die weder beliebig noch strikt determiniert ist. Spiele sind durch Regeln strukturiert, doch diese Regeln legen den Verlauf nicht fest. Sie eröffnen einen Raum von Möglichkeiten, innerhalb dessen unterschiedliche Züge möglich sind. Das Spiel ist damit weder Chaos noch Mechanismus, sondern eine organisierte Offenheit. Es verbindet Einschränkung und Freiheit, Struktur und Kontingenz.

Überträgt man diese Bestimmung auf die Wirklichkeit, ergibt sich eine spezifische Perspektive: Wirklichkeit ist nicht einfach ein fortlaufender Prozess, sondern ein Gefüge von Spielverläufen. Was geschieht, geschieht nicht nur, weil es kausal determiniert ist, sondern weil es innerhalb eines Möglichkeitsraums als ein bestimmter „Zug“ realisiert wird. Ereignisse sind dann nicht bloß Resultate vorhergehender Zustände, sondern zugleich Aktualisierungen von Möglichkeiten, die im Spiel selbst angelegt sind.

Ein entscheidender Unterschied zu prozessphilosophischen Ansätzen liegt dabei in der Rolle der Struktur. Während dort häufig auf übergreifende Prinzipien zurückgegriffen wird, um die Ordnung des Werdens zu erklären, versteht die Ontologie des Spiels Struktur als immanent. Regeln sind keine externen Vorgaben, sondern Teil des Geschehens selbst. Sie existieren nicht unabhängig vom Spiel, sondern nur in seinem Vollzug. Zugleich sind sie nicht starr: Regeln können sich verschieben, transformieren oder neu entstehen. Das Spiel ist damit nicht nur durch Regeln bestimmt, sondern auch ein Ort ihrer Hervorbringung.

Auch die Frage nach der Teleologie stellt sich unter dieser Perspektive neu. Spiele haben keinen notwendigen Endpunkt, auf den sie zulaufen müssen. Sie können Ziele enthalten, aber diese sind selbst Teil des Spiels und nicht dessen äußerer Sinn. Entscheidend ist nicht die Erfüllung eines vorgegebenen Zwecks, sondern die Fortsetzung des Spiels durch weitere Züge. Das Geschehen ist offen, ohne richtungslos zu sein: Es entwickelt sich entlang der jeweils gegebenen Möglichkeiten, ohne auf eine abschließende Vollendung hin organisiert zu sein.

In diesem Zusammenhang erhält auch der Begriff der Kreativität eine präzisere Bedeutung. Kreativität erscheint nicht als zusätzliches Prinzip, das dem Prozess zugrunde liegt, sondern als Eigenschaft des Spiels selbst. Jeder Zug verändert den Möglichkeitsraum, aus dem weitere Züge hervorgehen. Neuheit entsteht dadurch nicht als Ausnahme, sondern als regulärer Effekt des Spielverlaufs. Das Spiel produziert Differenzen, indem es sich fortsetzt.

Schließlich verschiebt sich auch der Blick auf Einheiten und Identitäten. Wenn Wirklichkeit als Spiel verstanden wird, sind stabile Formen keine grundlegenden Bausteine, sondern temporäre Verdichtungen innerhalb eines dynamischen Gefüges. Sie entsprechen wiederkehrenden Mustern von Spielzügen, die sich stabilisieren, ohne unabhängig vom Spiel zu existieren. Identitäten sind damit nicht aufgehoben, aber sie ergeben sich aus dem Geschehen, statt es zu bestimmen.

Der Begriff des Spiels erlaubt es somit, die Einsichten der Prozessphilosophie aufzunehmen und zugleich weiterzuführen. Er beschreibt Dynamik nicht nur als Veränderung, sondern als strukturiertes, offenes und kreatives Geschehen, in dem Regeln, Möglichkeiten und Differenzen immanent miteinander verflochten sind. In dieser Perspektive erscheint Wirklichkeit nicht nur als Werden, sondern als ein fortlaufendes Spiel, das seine eigene Ordnung im Vollzug hervorbringt.

 

5. Prozess und Spiel

Die Gegenüberstellung von Prozess und Spiel zielt nicht auf eine einfache Alternative, sondern auf eine begriffliche Verschiebung. Beide Perspektiven teilen die Abkehr von statischen Ontologien und verstehen Wirklichkeit als dynamisch. Doch sie unterscheiden sich darin, wie diese Dynamik gefasst wird.

Der Begriff des Prozesses beschreibt zunächst, dass etwas geschieht und sich verändert. Er lenkt den Blick auf Abläufe, Übergänge und Transformationen. In dieser allgemeinen Form bleibt er jedoch weitgehend neutral gegenüber der konkreten Gestalt des Geschehens. Ein Prozess kann streng determiniert verlaufen oder offen sein, linear oder komplex, repetitiv oder kreativ. Der Begriff selbst legt diese Unterschiede nicht fest, sondern lässt sie nebeneinander bestehen.

Der Begriff des Spiels ist in dieser Hinsicht bestimmter. Er bezeichnet nicht jede Form von Veränderung, sondern eine spezifische Weise, in der Veränderung organisiert ist. Ein Spiel ist durch Regeln strukturiert, die einen Raum von Möglichkeiten eröffnen, ohne den Verlauf festzulegen. Was geschieht, ergibt sich aus der Abfolge von Zügen, die innerhalb dieses Rahmens möglich sind. Dynamik erscheint hier nicht als bloßer Ablauf, sondern als Folge von Entscheidungen, Verschiebungen und Reaktionen, die sich gegenseitig beeinflussen.

Damit verschiebt sich auch die Art, wie Offenheit gedacht wird. Im Prozessbegriff bleibt sie häufig unbestimmt: Offenheit kann hier sowohl als Unvorhersagbarkeit wie als bloße Komplexität verstanden werden. Im Spiel hingegen ist Offenheit an Bedingungen gebunden. Nicht alles ist möglich, aber mehr als nur eine einzige Entwicklung. Möglichkeiten sind weder vollständig vorgegeben noch beliebig, sondern entstehen und verändern sich im Verlauf des Spiels.

Ein weiterer Unterschied betrifft die Rolle von Struktur. Prozessphilosophien bemühen sich, die Ordnung des Werdens zu bestimmen, greifen dafür jedoch häufig auf zusätzliche Begriffe oder Prinzipien zurück. Das Spiel hingegen integriert Struktur und Dynamik in einem gemeinsamen Begriff. Regeln sind nicht etwas, das dem Geschehen äußerlich ist, sondern Teil seiner eigenen Organisation. Sie wirken nur im Vollzug und können sich im Verlauf verändern. Struktur erscheint so nicht als festes Gerüst, sondern als etwas, das sich im Spiel stabilisiert und wieder auflöst.

Auch die Frage nach der Richtung des Geschehens wird unterschiedlich beantwortet. Prozesse können – wie etwa bei Alfred North Whitehead – auf eine Form der Erfüllung hin orientiert sein. Das Spiel kennt eine solche notwendige Zielrichtung nicht. Es kann Ziele enthalten, doch diese sind selbst Spielmomente und nicht dessen äußerer Sinn. Entscheidend ist nicht das Erreichen eines Endpunkts, sondern die Fortsetzung des Geschehens durch weitere Züge.

Schließlich zeigt sich der Unterschied in der Bestimmung von Neuheit. Im Prozessbegriff bleibt oft unklar, wie genau Neues entsteht. Es wird als Eigenschaft des Werdens angenommen, aber nicht immer aus dessen Struktur heraus erklärt. Im Spiel hingegen ergibt sich Neuheit aus der konkreten Dynamik: Jeder Zug verändert die Situation und damit den Raum der folgenden Möglichkeiten. Das Neue ist kein Zusatz, sondern eine Konsequenz des Spielverlaufs.

Diese Gegenüberstellung macht damit keine strikte Trennung sichtbar, sondern eine Verschiebung der Perspektive. Der Prozessbegriff erfasst die Tatsache der Veränderung; der Spielbegriff bestimmt ihre Form. Beide beschreiben Dynamik, aber auf unterschiedlichem Niveau. Während der Prozess die Bewegung benennt, beschreibt das Spiel die Art und Weise, in der sich diese Bewegung vollzieht.

 

6. Spiel als Präzisierung des Prozessbegriffs

Die vorangegangenen Überlegungen führen nicht zu einer Zurückweisung der Prozessphilosophie, sondern zu ihrer begrifflichen Zuspitzung. Der Begriff des Prozesses hat eine entscheidende Verschiebung geleistet: Er hat das Werden ins Zentrum gerückt und damit die Vorstellung einer aus stabilen Einheiten bestehenden Wirklichkeit unterlaufen. Diese Einsicht bleibt grundlegend. Doch sie gewinnt erst dann an Schärfe, wenn das Werden selbst genauer bestimmt wird.

Hier setzt der Begriff des Spiels an. Er ersetzt den Prozess nicht, sondern präzisiert ihn. Was als Prozess erscheint, lässt sich als Spielgeschehen genauer fassen: als eine Dynamik, die weder bloß abläuft noch vollständig determiniert ist, sondern sich in einem Gefüge von Möglichkeiten, Einschränkungen und fortlaufenden Aktualisierungen vollzieht.

Diese Präzisierung betrifft zunächst die Struktur des Werdens. Während der Prozessbegriff Veränderung allgemein beschreibt, macht der Spielbegriff sichtbar, dass diese Veränderung nicht formlos ist. Sie folgt keiner starren Notwendigkeit, ist aber auch nicht beliebig. Regeln – verstanden als immanente Bedingungen des Geschehens – strukturieren den Möglichkeitsraum, innerhalb dessen sich das Werden entfaltet. Struktur erscheint damit nicht als äußerer Rahmen, sondern als etwas, das im Vollzug wirksam ist und sich zugleich verändern kann.

Zugleich klärt der Spielbegriff die Rolle von Offenheit. Prozesse können offen sein, ohne dass diese Offenheit näher bestimmt ist. Im Spiel hingegen ist sie konkret: Sie besteht in der Möglichkeit unterschiedlicher Züge, die sich aus der jeweiligen Situation ergeben. Offenheit ist hier weder Unbestimmtheit noch Zufälligkeit, sondern eine organisierte Vielheit von Möglichkeiten, die sich im Verlauf verschiebt.

Auch die Frage nach der Richtung des Geschehens wird neu gefasst. Indem das Spiel keinen notwendigen Endpunkt voraussetzt, löst es das Werden von teleologischen Reststrukturen. Es gibt keine vorgegebene Erfüllung, auf die alles zuläuft. Stattdessen setzt sich das Geschehen fort, indem es neue Situationen hervorbringt, aus denen weitere Züge hervorgehen können. Kontinuität entsteht nicht durch Zielgerichtetheit, sondern durch Anschlussfähigkeit.

Schließlich gewinnt auch der Begriff der Kreativität eine präzisere Gestalt. Neuheit erscheint nicht mehr als ein zusätzliches Prinzip, das dem Prozess zugrunde liegt, sondern als immanenter Effekt des Spielverlaufs. Jeder Zug verändert den Möglichkeitsraum und eröffnet damit neue Anschlussmöglichkeiten. Das Neue ist keine Ausnahme, sondern ein regulärer Bestandteil des Geschehens.

In dieser Perspektive zeigt sich, dass der Prozessbegriff zwar die Dynamik der Wirklichkeit erfasst, aber ihre konkrete Form nur unzureichend bestimmt. Der Spielbegriff schließt diese Lücke, indem er Dynamik als regelgeleitetes, offenes und differenzgenerierendes Geschehen beschreibt. Er macht verständlich, wie Struktur und Veränderung zusammenhängen, ohne auf äußere Prinzipien oder vorgegebene Ziele zurückzugreifen.

Damit lässt sich die leitende These dieses Textes präzisieren: Wirklichkeit ist nicht nur ein Prozess, sondern ein Spiel. Der Begriff des Prozesses beschreibt, dass etwas geschieht. Der Begriff des Spiels erklärt, wie es geschieht.

 

 

 

 

Literaturliste (APA 7)

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(Originalarbeit veröffentlicht 1907)

Dehaene, S. (2020). How we learn: Why brains learn better than any machine
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Deleuze, G. (1992). Differenz und Wiederholung. Wilhelm Fink.
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Friston, K. J., et al. (2022). Active Inference – The Free Energy Principle in Mind, Brain, and Behavior. Massachusetts Institute of Technology.

Kauffman, S. A. (1993). The origins of order: Self-organization and selection in evolution. Oxford University Press.

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Whitehead, A. N. (1978). Process and reality: An essay in cosmology (Corrected ed.). Free Press. (Originalarbeit veröffentlicht 1929)