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Zur Dynamik der Hervorbringung von Wirklichkeit
1. Kritik an der Substanzontologie
Wir neigen dazu, die Welt als eine Ansammlung von Dingen zu verstehen. Tische, Bäume, Menschen, Atome – alles scheint zunächst als etwas Eigenständiges vor uns zu stehen, ausgestattet mit bestimmten Eigenschaften. Diese Sichtweise ist tief in unserem Denken verankert und wirkt zunächst selbstverständlich.
Philosophisch gesprochen ist das die Perspektive der Substanzontologie: Die Vorstellung, dass die grundlegenden Bausteine der Wirklichkeit aus stabilen Einheiten bestehen, die unabhängig existieren und erst im zweiten Schritt in Beziehung treten. Diese Vorstellung gerät allerdings in Wissenschaft und Philosophie zunehmend unter Druck.
Einfache Überlegungen machen deutliche Irritationen sichtbar: Ist ein Organismus wirklich ein in sich abgeschlossenes Ding oder ein fortlaufender Prozess? Ist ein Fluss ein Objekt oder eher ein Geschehen? Selbst scheinbar feste Dinge wie Steine bestehen, physikalisch betrachtet, aus zahlreichen dynamischen Wechselwirkungen.
Je genauer man hinsieht, desto schwieriger wird es, eine einzelne unabhängige Substanz ausfindig zu machen. Dinge sind durchzogen von Beziehungen. Ihre Identität ist abhängig von Kontexten. Ihre Stabilität erscheint als das Ergebnis fortlaufender Prozesse.
Wenn also das, was wir als „Dinge“ bezeichnen, keine unabhängige Existenz hat, dann kann es auch nicht der Ausgangspunkt einer Lehre vom Sein (Ontologie) sein. Die Idee, dass zuerst isolierte Einheiten existieren, die dann miteinander in Beziehung treten, verliert vor dem Hintergrund dieser Fragen ihre Plausibilität.
Naheliegend ist dehalb eine andere Sicht auf die Welt: Nicht Dinge stehen am Anfang, sondern Relationen und Prozesse. Was wir als stabile Einheiten wahrnehmen, erscheint dann nicht mehr als grundlegende Realität, sondern als Resultat, als temporäre Verdichtung innerhalb eines Geflechts von Beziehungen. Diese Verschiebung verändert die Perspektive auf Wirklichkeit. An die Stelle von Substanzen treten relationale Gefüge, aus statischen Eigenschaften werden dynamische Prozesse.
2. Relationale Ontologien:
Drei einflussreiche Positionen
In Philosophie und Wissenschaft haben in den letzten Jahrzehnten Ansätze an Bedeutung gewonnen, die Wirklichkeit konsequent relational denken. Karen Barad, Gilles Deleuze und der indische Philosoph Nagarjuna vertreten aus dieser Perspektive besonders einflussreiche Positionen. Sie setzen in ihrem Denken nicht mehr bei isolierten Dingen an, sondern bei den Beziehungen und Prozessen, aus denen Dinge überhaupt erst hervorgehen.
In Karen Barads „agentiellem Realismus“ sind Relationen nicht etwas, das zwischen bereits bestehenden Dingen geschieht. Vielmehr entstehen die Dinge selbst erst innerhalb von Relationen, die sie als „Intra-Aktionen“ beschreibt. Das bedeutet: Was wir als einzelne Entitäten wahrnehmen, ist das Ergebnis konkreter Abgrenzungen innerhalb eines relationalen Gefüges. Relationen sind hier nicht nachgeordnet, sondern konstitutiv für das, was überhaupt als etwas erscheint.
Einen radikaleren Schritt geht Nagarjuna, der zentrale Denker des buddhistischen Madhyamaka. Für ihn sind nicht nur Substanzen problematisch, sondern auch Relationen besitzen kein eigenständiges Sein. Alles, was existiert, ist abhängig entstanden und daher „leer“, ohne feste Grundlage. Diese Perspektive untergräbt jede Form ontologischer Festlegung. Weder Dinge noch Beziehungen können als letzte Bausteine der Wirklichkeit gelten.
Bei Gilles Deleuze tritt an die Stelle von stabilen Entitäten ein fortwährendes Werden. Wirklichkeit ist kein Zustand, sondern ein Prozess, in dem sich Differenzen entfalten. Zentral ist dabei die Idee, dass Möglichkeiten nicht einfach vorgegeben sind, sondern im Prozess selbst hervorgebracht und aktualisiert werden. Realität ist damit grundsätzlich offen und produktiv.
Diese drei Positionen unterscheiden sich deutlich in ihren Akzenten. Und trotzdem teilen sie eine gemeinsame Grundannahme: Wirklichkeit ist nicht aus sich heraus bestimmt, sondern entsteht in relationalen Prozessen. Die Vorstellung isolierter Substanzen ist mit dieser Sichtweise überwunden, und an ihre Stelle tritt ein dynamisches Verständnis von Wirklichkeit.
3. Warum Relationalität nicht ausreicht
Wenn Dinge nicht unabhängig existieren, sondern aus Beziehungen und Prozessen hervorgehen, dann verändert sich unser Verständnis von Wirklichkeit grundlegend. Aber diese Einsicht allein reicht nicht aus, um Wirklichkeit zu erklären.
Denn mit Relationalität ist zunächst nur gesagt, dass Wirklichkeit nicht aus isolierten Einheiten besteht, sondern dass sie aus Gefügen von Beziehungen hervorgeht. Offen bleibt, wie diese Gefüge funktionieren. Relationalität beschreibt eine Struktur, aber noch keine Dynamik.
Warum stabilisieren sich bestimmte Formen, während andere wieder verschwinden? Warum setzen sich manche Möglichkeiten durch, während andere unausgeschöpft bleiben? Und wie ist es möglich, dass überhaupt etwas Neues entsteht, etwas, das nicht einfach schon vorher im System angelegt war?
Die oben beschriebenen relationalen Ontologien geben auf diese Fragen unterschiedliche Antworten, aber sie bleiben in einem entscheidenden Punkt unklar.
In der Perspektive von Karen Barad liegt der Fokus auf der Konstitution von Entitäten durch relationale Abgrenzungen. Damit wird verständlich, wie überhaupt etwas als etwas erscheinen kann. Weniger klar wird jedoch, wie sich innerhalb dieser Prozesse bestimmte Entwicklungen durchsetzen und andere nicht.
Bei Nagarjuna wird jede Form von ontologischer Festlegung radikal infrage gestellt. Diese Einsicht ist philosophisch weitreichend, führt aber gerade dadurch nicht zu einer positiven Bestimmung dessen, wie Prozesse konkret verlaufen oder sich stabilisieren.
Und auch bei Gilles Deleuze, der die Wirklichkeit als offenes Werden beschreibt, bleibt unklar, nach welchen Prinzipien sich bestimmte Aktualisierungen vollziehen und andere nicht. Die Produktion von Differenz ist zentral, doch die Frage nach der Selektion und Stabilisierung dieser Differenzen tritt in den Hintergrund.
So entsteht ein gemeinsames Problem: Relationalität erklärt, dass Wirklichkeit entsteht, aber nicht ausreichend, wie sich diese Entstehung konkret vollzieht.
Was fehlt, ist ein Begriff, der nicht nur die Abhängigkeit von Beziehungen beschreibt. Wir brauchen einen Begriff, der die Dynamik der Hervorbringung selbst nachvollziehbar beschreibt.
Ein solcher Begriff müsste erklären,
- wie aus Vielfalt Auswahl wird,
- wie aus Prozess Stabilität entsteht,
- und wie innerhalb dieser Prozesse neue Möglichkeiten
hervorgebracht werden.
Genau hier setzt der Begriff des Spiels an. Er erlaubt es, Relationalität nicht nur als Geflecht von Beziehungen zu verstehen, sondern als einen Prozess, in dem durch Variation, Selektion und Stabilisierung Wirklichkeit hervorgebracht wird.
Nicht nur „dass“ alles miteinander in Beziehung steht, ist entscheidend, sondern „wie“ sich in diesen Beziehungen etwas durchsetzt, erhält und verändert.
Relationalität beschreibt die Struktur der Wirklichkeit.
Das Spiel beschreibt ihre Dynamik.
4. Spiel als ontologische Kategorie
Im Alltag verstehen wir unter „Spiel“ meist etwas Freies, Unverbindliches oder auch bloß Unterhaltsames. In diesem Sinne wäre der Begriff des Spiels ungeeignet, um grundlegende Strukturen der Wirklichkeit zu beschreiben. Spiel soll hier aber nicht metaphorisch verwendet werden, sondern als ontologische Kategorie: als Bezeichnung für eine spezifische Form von Prozessen, in denen Wirklichkeit hervorgebracht wird.
Was bedeutet das?
Zunächst einmal: Spiel ist kein Ding. Es ist kein Objekt und keine Substanz, sondern ein Vollzug. Spiel geschieht. Es besteht aus Beziehungen, die nicht einfach gegeben sind, sondern sich ereignen.
Dabei ist Spiel mehr als bloße Bewegung oder Veränderung. Es besitzt eine eigene Struktur, die sich nicht auf einzelne Elemente reduzieren lässt. Diese Struktur zeigt sich darin, dass Spielprozesse weder vollständig bestimmt noch völlig beliebig sind. Sie bewegen sich in einem Zwischenraum: offen, aber nicht grenzenlos.
Ein Spiel zeichnet sich dadurch aus, dass Möglichkeiten entstehen, erprobt und verändert werden. Doch nicht alles, was möglich ist, wird auch real. Innerhalb des Spiels kommt es zu Unterscheidungen: Einige Möglichkeiten setzen sich durch, andere nicht. Diese Auswahl geschieht nicht von außen, sondern innerhalb des Prozesses selbst.
Zugleich entstehen im Spiel temporäre Stabilitäten. Bestimmte Muster halten sich, wiederholen sich, gewinnen an Gewicht. Sie erscheinen als relativ beständige Formen, ohne deshalb zu festen Substanzen zu werden. Ihre Stabilität ist das Ergebnis des Spiels, nicht dessen Voraussetzung.
Ein weiterer entscheidender Aspekt ist die Rückbezüglichkeit des Spiels. Was im Spiel entsteht, wirkt auf das Spiel zurück. Neue Formen verändern die Bedingungen, unter denen weitere Prozesse stattfinden. Das Spiel entwickelt sich nicht nur weiter, es verändert auch seine eigene Dynamik.
Damit lässt sich Spiel als ein Prozess verstehen,
- in dem Differenzen entstehen,
- in dem Möglichkeiten erprobt und ausgewählt werden,
- in dem sich vorübergehende Stabilitäten ausbilden,
- und in dem die Bedingungen des Prozesses selbst
fortlaufend verändert werden.
Spiel ist weder Chaos noch starre Ordnung. Es ist eine strukturierte Offenheit: ein Prozess, in dem Neues entstehen kann, ohne dass dieses Entstehen beliebig wäre.
In dieser Perspektive wird Spiel zu einem Grundbegriff der Ontologie. Es beschreibt nicht nur einzelne Phänomene, sondern die Weise, in der Wirklichkeit insgesamt hervorgebracht wird.
5. Die Dynamik des Spiels
Wenn Spiel eine ontologische Kategorie ist, dann stellt sich die Frage, wie ein solcher Prozess konkret verläuft. Wodurch zeichnet sich die Dynamik aus, in der Wirklichkeit hervorgebracht wird?
Eine erste Annäherung ergibt sich, wenn man Spiel nicht als ein einheitliches Geschehen versteht, sondern als ein Zusammenspiel verschiedener Momente. Diese Momente sind nicht voneinander getrennt, sondern greifen ineinander.
Ein erster Aspekt ist die Variation. Im Spiel entstehen fortwährend Unterschiede. Bestehende Muster werden verändert, neue Kombinationen treten auf, Alternativen werden sichtbar. Diese Variation ist die Voraussetzung dafür, dass überhaupt etwas Neues entstehen kann. Ohne Unterschiede gäbe es nichts, was sich entwickeln oder verändern könnte.
Doch Variation allein genügt nicht. Würde alles gleichermaßen bestehen bleiben, entstünde keine erkennbare Struktur. Damit sich aus Vielfalt Wirklichkeit formt, bedarf es eines zweiten Moments: der Selektion.
Im Spiel werden Möglichkeiten nicht nur hervorgebracht, sondern auch unterschieden. Einige setzen sich durch, andere verschwinden wieder. Diese Auswahl erfolgt nicht von außen, sondern innerhalb des Prozesses selbst. Sie ist kein bewusster Akt, sondern ergibt sich aus den Bedingungen und Wechselwirkungen des Spiels.
Selektion sorgt dafür, dass sich bestimmte Entwicklungen fortsetzen können. Sie ist der Grund dafür, dass nicht alles zugleich geschieht, sondern dass sich konkrete Verläufe herausbilden.
Aus dem Zusammenspiel von Variation und Selektion ergibt sich ein dritter Aspekt: die Stabilisierung.
Bestimmte Muster wiederholen sich, verfestigen sich und gewinnen relative Beständigkeit. Sie erscheinen als stabile Formen: als Dinge, Strukturen oder Identitäten. Doch diese Stabilität ist nicht ursprünglich, sondern hervorgebracht. Sie beruht darauf, dass sich bestimmte Konstellationen im Spiel immer wieder durchsetzen.
Stabilität ist also kein Gegensatz zum Prozess, sondern ein Ergebnis des Prozesses.
Ein vierter Aspekt ist die Rekursion. Die Ergebnisse des Spiels wirken auf das Spiel zurück. Neue Formen verändern die Bedingungen, unter denen weitere Prozesse stattfinden. Dadurch entsteht eine Dynamik, in der sich nicht nur die Inhalte verändern, sondern auch die Regeln und Möglichkeiten des Spiels selbst. Diese Rückbezüglichkeit ist entscheidend für die Offenheit des Prozesses. Sie sorgt dafür, dass das Spiel nicht in festen Bahnen verläuft, sondern sich weiterentwickeln kann.
Aus diesen vier Momenten ergibt sich ein Gesamtbild:
Spiel ist ein Prozess, in dem durch Variation neue Möglichkeiten entstehen, durch Selektion bestimmte Entwicklungen hervorgehoben werden, durch Stabilisierung relativ beständige Formen entstehen und durch Rekursion die Bedingungen des Prozesses selbst verändert werden.
Diese Dynamik ist weder zufällig noch strikt determiniert. Sie folgt keiner festen Regel, ist aber auch nicht beliebig. Vielmehr handelt es sich um eine Form strukturierter Offenheit, in der sich Ordnung und Veränderung miteinander verbinden.
In dieser Perspektive wird verständlich, wie aus relationalen Prozessen konkrete Wirklichkeit hervorgeht. Formen entstehen nicht trotz, sondern gerade durch die Dynamik des Spiels. Und auch das Neue ist kein Bruch mit dem Bestehenden, sondern das Ergebnis eines Prozesses, in dem Möglichkeiten hervorgebracht, ausgewählt und weiterentwickelt werden.
6. Abgrenzung und Integration
Mit dem Begriff des Spiels ist ein Vorschlag gemacht, wie sich die Dynamik relationaler Prozesse genauer bestimmen lässt. Damit stellt sich die Frage, wie sich diese Perspektive zu den zuvor dargestellten Ansätzen verhält.
Die Ontologie des Spiels versteht sich nicht als Gegenentwurf zu relationalen Ontologien, sondern als deren Weiterführung und Präzisierung. Sie greift zentrale Einsichten auf und verschiebt zugleich den Fokus.
Im Verhältnis zu Karen Barad lässt sich zunächst festhalten: Die Idee, dass Entitäten nicht unabhängig existieren, sondern innerhalb von Relationen hervorgehen, wird vollständig übernommen. Auch die Einsicht, dass Abgrenzungen nicht gegeben sind, sondern im Prozess entstehen, bleibt zentral.
Die Ontologie des Spiels setzt jedoch einen anderen Akzent. Sie interessiert sich weniger für die Frage, wie Entitäten konstituiert werden, sondern dafür, wie sich innerhalb solcher Prozesse Verläufe ausbilden. Mit dem Begriff des Spiels tritt die Dynamik in den Vordergrund: die Frage, wie Möglichkeiten entstehen, sich unterscheiden und teilweise stabilisieren.
Im Verhältnis zu Nagarjuna ist die Nähe ebenso deutlich. Die Einsicht, dass weder Substanzen noch Relationen ein eigenständiges, festes Sein besitzen, wird aufgegriffen. Auch die Vorstellung, dass alles nur in Abhängigkeit entsteht, bleibt grundlegend.
Gleichzeitig geht die Ontologie des Spiels einen Schritt weiter. Sie bleibt nicht bei der Entleerung ontologischer Festlegungen stehen, sondern fragt danach, wie sich aus dieser Offenheit konkrete Prozesse ergeben. Die Leere wird hier nicht als Endpunkt verstanden, sondern als Bedingung für eine dynamische Hervorbringung.
Auch im Verhältnis zu Gilles Deleuze zeigen sich sowohl Anschluss als auch Differenz. Die Vorstellung eines offenen Werdens, in dem Differenzen entstehen und Möglichkeiten aktualisiert werden, bildet einen wichtigen Bezugspunkt. Die Ontologie des Spiels teilt die Annahme, dass Wirklichkeit grundsätzlich produktiv ist.
Der Unterschied liegt in der genaueren Bestimmung dieser Produktivität. Während Deleuze das Werden in seiner Offenheit beschreibt, legt die Ontologie des Spiels den Fokus auf die Struktur dieses Werdens: auf Variation, Selektion, Stabilisierung und Rekursion als miteinander verflochtene Momente eines Prozesses.
Meine Position lässt sich dann wie folgt zusammenfassen:
- Von Barad wird die konstitutive Rolle
von Relationen übernommen. - Von Nāgārjuna die Einsicht
in die fehlende ontologische Fundierung. - Von Deleuze die Vorstellung
eines produktiven Werdens.
Der Begriff des Spiels verbindet diese Einsichten und führt sie in einer spezifischen Bestimmung zusammen. Er beschreibt Relationalität nicht nur als Struktur oder als Offenheit, sondern als einen Prozess, in dem Wirklichkeit durch differenzierende, selektive und rekursive Dynamiken hervorgebracht wird.
Damit entsteht keine Alternative zu den genannten Positionen, sondern eine Perspektive, die sie integriert und zugleich verschiebt. Relationalität wird nicht ersetzt, sondern neu bestimmt: nicht nur als Geflecht von Beziehungen, sondern als Spiel, in dem sich Wirklichkeit fortlaufend bildet, stabilisiert und verändert.
7. Wie Neues möglich wird
Wenn Wirklichkeit als Spiel verstanden wird, stellt sich auch die Frage, wie innerhalb solcher Prozesse neue Möglichkeitsräume entstehen. In einer substanzontologischen Perspektive ist diese Frage schwer zu beantworten. Wenn die grundlegenden Einheiten der Wirklichkeit festgelegt sind, kann Veränderung letztlich nur als Umordnung bereits vorhandener Elemente verstanden werden. Wirklich Neues im starken Sinne – etwas, das nicht schon vorher angelegt war – bleibt schwer denkbar.
Relationale Ansätze verschieben dieses Problem zunächst nur. Wenn alles in Beziehungen entsteht, dann eröffnet das zwar eine größere Offenheit. Aber solange unklar bleibt, wie sich diese Beziehungen konkret entwickeln, lässt sich auch nicht hinreichend erklären, wie Neues entsteht.
Die Ontologie des Spiels erlaubt hier eine genauere Bestimmung. Neues entsteht nicht außerhalb des Bestehenden, sondern im Prozess selbst. Das Neue ist weder völlig unabhängig noch vollständig vorgegeben. Vielmehr ergibt es sich aus dem Zusammenspiel von Variation, Selektion, Stabilisierung und Rekursion.
Im Spiel entstehen fortwährend Unterschiede. Bestehende Muster werden verändert, neue Kombinationen treten auf, unerwartete Konstellationen werden möglich. Diese Variation eröffnet einen Raum von Möglichkeiten, der nicht vollständig vorab festgelegt ist.
Durch Selektion gewinnt dieser Möglichkeitsraum dann Gestalt. Bestimmte Varianten setzen sich durch, andere verschwinden wieder. Diese Auswahl ist nicht beliebig, sondern ergibt sich aus den konkreten Bedingungen des Prozesses. Sie bestimmt, welche Entwicklungen fortgeführt werden und welche nicht.
Wenn sich bestimmte Muster wiederholen und stabilisieren, entstehen Formen, die als relativ beständig erscheinen. Diese Stabilisierung ist von Bedeutung, weil sie dem Neuen eine gewisse Dauer verleiht. Ohne sie würden Unterschiede sofort wieder verschwinden, ohne Spuren zu hinterlassen.
Der entscheidende Schritt liegt dann in der Rekursion. Die entstandenen Formen wirken auf den Prozess zurück und verändern die Bedingungen, unter denen weitere Entwicklungen stattfinden. Dadurch verschiebt sich der Raum des Möglichen selbst.
Genau hier wird verständlich, was mit „Neuem“ gemeint ist:
Nicht nur neue Zustände innerhalb eines gegebenen Rahmens, sondern Veränderungen dieses Rahmens selbst. Neue Möglichkeiten entstehen, weil das Spiel seine eigenen Bedingungen transformiert. Was zuvor nicht möglich war, wird im Verlauf des Prozesses möglich, nicht durch einen Sprung von außen, sondern aus der inneren Dynamik des Spiels heraus.
Das Neue ist also weder reiner Zufall noch bloße Entfaltung eines bereits Festgelegten. Es ist das Ergebnis eines Prozesses, in dem Möglichkeiten hervorgebracht, ausgewählt, stabilisiert und weiterentwickelt werden. In dieser Perspektive verliert das Neue seinen rätselhaften Charakter. Es erscheint nicht mehr als Ausnahme, sondern als integraler Bestandteil der Wirklichkeit.
Wirklichkeit ist das, was im Spiel entstehen kann und, was im Spiel entsteht.
8. Wirklichkeit als Spiel
Der Ausgangspunkt dieses Textes war die Kritik an der Substanzontologie. Die Vorstellung, dass die Welt aus isolierten, stabilen Einheiten besteht, erweist sich bei näherem Hinsehen als unzureichend. An ihre Stelle tritt ein relationales Verständnis von Wirklichkeit, in dem Dinge nicht vorausgesetzt sind, sondern aus Prozessen hervorgehen.
Doch auch diese Verschiebung bleibt unvollständig, solange unklar ist, wie solche Prozesse konkret verlaufen. Relationalität beschreibt, dass Wirklichkeit entsteht, aber nicht, wie sie sich bildet, stabilisiert und verändert.
Mit dem Begriff des Spiels wurde ein Vorschlag gemacht, diese Dynamik genauer zu bestimmen.
Spiel bezeichnet keinen Bereich der Wirklichkeit neben anderen, sondern die Weise, in der Wirklichkeit überhaupt entsteht. Es beschreibt Prozesse, in denen durch Variation Unterschiede hervorgebracht, durch Selektion bestimmte Möglichkeiten realisiert, durch Stabilisierung Formen gebildet und durch Rekursion die Bedingungen des Prozesses selbst verändert werden.
In dieser Perspektive erscheinen Dinge nicht mehr als grundlegende Einheiten, sondern als Resultate des Spiels. Ihre Stabilität ist nicht ursprünglich, sondern hervorgebracht. Was als fest und gegeben erscheint, erweist sich als vorübergehende Verdichtung innerhalb eines fortlaufenden Prozesses.
Zugleich wird verständlich, wie Neues möglich wird. Wirklichkeit ist nicht nur das, was ist, sondern auch das, was werden kann. Neue Möglichkeiten entstehen, weil das Spiel seine eigenen Bedingungen verändert. Das Neue ist kein Bruch mit dem Bestehenden, sondern das Ergebnis eines Prozesses, der sich selbst weiterentwickelt.
Der Begriff des Spiels verschiebt den Blick auf die Welt ein weiteres Mal.
Nicht Dinge stehen im Zentrum, sondern Prozesse.
Nicht Substanzen, sondern Relationen.
Doch auch bloße Relationen genügen nicht, um Wirklichkeit zu erklären. Erst das Spiel, in dem die Relationen wirksam werden, kann die Dynamik der Welt verständlich machen.
Diese Perspektive verbindet die Einsichten relationaler Ontologien mit einer genaueren Bestimmung ihrer Dynamik. Sie zeigt, dass Wirklichkeit nicht nur abhängig ist, sondern dass sie hervorgebracht wird, und sie zeigt, wie in diesem Hervorgehen Stabilität und Veränderung zusammenwirken.
Wirklichkeit ist in diesem Sinne kein fertiges Gefüge, sondern ein offener Prozess. Sie ist das, was im Spiel entsteht, sich erhält und sich permanent verändert.
Wirklichkeit ist Spiel.
Quellen:
Deutsch, D. (2011). The Beginning of Infinity. London, Penguin – Random House UK.
Deleuze, G. (1968). Differenz und Wiederholung. München,
Wilhelm Fink Verlag – 1992.
Walker, S. I. (2024). Life as no one knows it. New York, Riverhead Books.
Barad, K. (2007). Meeting the Universe Halfway. Durham & London,
Duke University Press.
Westerhoff, J. (2009). Nāgārjuna’s Madhyamaka. Oxford, Oxford University Press.
Kauffman, S. A. (1993). The Origins Of Order – Self Organisation and Selection in Evolution. Oxford, Oxford University Press.