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Zur Selbstbezüglichkeit der Ontologie des Spiels
Kann es eine Ontologie geben, die nicht sagt, was die Welt aus metaphysischer Perspektive ist, sondern wie sie sich sinnvoll denken, beschreiben und bewohnen lässt? Diese Frage stellt sich, sobald man den traditionellen Anspruch der Ontologie auf Letztbegründung zurückweist, ohne zugleich in Relativismus oder Konstruktivismus zu verfallen. Der vorliegende Aufsatz verteidigt die These, dass eine solche Ontologie möglich ist: eine Ontologie, die strukturell, selbstbezüglich und realistisch ist, ohne metaphysisch fundamental zu sein.
Eine Ontologie ohne Letztbegründung
Die Ontologie des Spiels versteht Wirklichkeit als Spiel von Prozessen, Regeln und Spielräumen, ohne sich auf eine letzte ontologische Begründung zu stützen. Sie verzichtet bewusst auf den Anspruch, das Sein der Welt in einem fundamentalen Prinzip festzuschreiben. Ihr Ziel ist nicht Letztgewissheit, sondern Orientierung: Sie fragt nicht danach, was die Welt an sich ist, sondern danach, wie sie sich sinnvoll denken, beschreiben und bewohnen lässt.
Diese Verschiebung markiert keinen Rückzug aus der Ontologie, sondern eine Präzisierung ihres Anspruchs. Ontologie wird hier nicht als Fundament der Wirklichkeit verstanden, sondern als explizite Beschreibung ihrer Strukturformen. Sie liefert keinen letzten Grund, sondern macht sichtbar, wie Wirklichkeit sich im Vollzug organisiert, stabilisiert und verändert.
Eine solche Auffassung steht in einer klaren philosophischen Tradition. Bei Martin Heidegger ist Ontologie keine Lehre von höchsten Seienden, sondern die Explikation eines Seinsverständnisses, das unserem Weltbezug immer schon vorausliegt. Sein ist kein Gegenstand, sondern der Sinnhorizont, innerhalb dessen etwas als etwas erscheinen kann. Ontologie zielt hier nicht auf Begründung, sondern auf Freilegung.
Auch John Dewey löst Ontologie vom Anspruch metaphysischer Fundierung. Wirklichkeit ist für ihn kein statischer Bestand, sondern ein Geflecht von Erfahrungen, Handlungen und Rückwirkungen. Ontologische Begriffe sind Werkzeuge, mit denen wir uns in offenen, problematischen Situationen orientieren. Ihr Wert bemisst sich nicht an Letztgültigkeit, sondern an ihrer Fähigkeit, mit realen Konsequenzen umzugehen.
Bei Gilles Deleuze wird diese Abkehr vom Fundament radikalisiert. Sein Denken ersetzt die Suche nach Identität durch die Analyse von Differenz, Prozess und Werden. Ontologie beschreibt keine stabilen Seinskerne, sondern produktive Gefüge, in denen Neues entsteht. Auch hier gibt es keinen letzten Boden – nur dynamische Strukturen, die Wirklichkeit hervorbringen, ohne sie abzuschließen.
Am konsequentesten formuliert Nāgārjuna diese Position. Seine Kritik richtet sich nicht gegen Ontologie als solche, sondern gegen jede Behauptung eines eigenständigen, selbsttragenden Wesens. Leerheit bedeutet hier nicht Nichtigkeit, sondern die Abwesenheit von Letztbegründung. Ontologische Begriffe sind konventionell, relational und funktional – notwendig zur Orientierung, aber unfähig, sich selbst zu fundieren.
In diesem Sinne versteht sich die Ontologie des Spiels als Ontologie ohne Letztbegründung. Sie nimmt Abschied vom metaphysischen Fundament, ohne auf Wirklichkeit zu verzichten. Ontologie wird nicht aufgegeben, sondern neu positioniert: nicht als letzter Grund der Welt, sondern als reflektierte Beschreibung ihrer strukturellen Spielräume.
Spiel als Ordnungsbegriff
Der Begriff des Spiels fungiert in dieser Ontologie nicht als Metapher für Beliebigkeit oder Freiwilligkeit, sondern als Ordnungsbegriff. Spiel bezeichnet eine Struktur, in der Regelhaftigkeit und Offenheit, Stabilität und Veränderung, Wiederholung und Neuheit miteinander verschränkt sind. Spiele sind durch Regeln strukturiert, aber nicht vollständig determiniert. Sie ermöglichen Spielräume, ohne beliebig zu sein.
Ontologisch relevant ist dabei nicht, was absolut existiert, sondern was wirksam, stabilisierbar und anschlussfähig ist. Prozesse existieren, insofern sie sich im Zusammenspiel mit anderen Prozessen behaupten. Regeln existieren, insofern sie Orientierung geben und Konsequenzen strukturieren. Strukturen existieren, insofern sie Wiederholung ermöglichen, ohne Veränderung auszuschließen.
Spiel ist hier kein Substrat hinter den Erscheinungen.
Es ist die Form des Geschehens selbst.
Kein Außerhalb des Spiels
Eine naheliegende Schwierigkeit des Spielbegriffs liegt in der Annahme eines Außenstandpunkts: Spiele haben üblicherweise Spieler, die außerhalb des Spiels stehen, Regeln ändern oder das Spiel verlassen können. Eine Ontologie, die alles Existierende als Spiel begreift, kann sich einen solchen Standpunkt nicht leisten.
Die Ontologie des Spiels kennt kein Außerhalb. Spieler sind keine externen Akteure, sondern Mitvollzüge des Spiels selbst. Regeländerungen erfolgen nicht souverän von außen, sondern immanent, durch Spannungen, Krisen, Scheitern und Neuorganisation innerhalb des Spiels.
Hier ist die Nähe zu Nāgārjuna zentral. Wie bei Nāgārjuna gibt es kein letztes Fundament und keinen privilegierten Standpunkt. Doch die Einsicht in die Spielhaftigkeit des Spiels bedeutet keinen Ausstieg aus der Welt, sondern eine Durchsichtigkeit innerhalb ihres Vollzugs. Dass das Spiel kein Eigenwesen hat, negiert nicht seine Realität, sondern befreit es von falschen Absolutheitsansprüchen.
Bewährung ohne Fundament
Eine Ontologie, die sich nicht auf ein metaphysisches Fundament stützt, muss erklären, woran sie sich bewährt. Bewährung kann hier weder als Übereinstimmung mit einem letzten Sein noch als bloßer Konsens verstanden werden. Sie ist auch kein internes Selbstbestätigungsritual der Ontologie selbst.
Bewährung meint vielmehr das Bestehen gegenüber realen Widerständen: gegenüber Erfahrung, Kritik, Fehlversuchen, konkurrierenden Beschreibungen und praktischen Konsequenzen. Ontologische Beschreibungen bewähren sich, wenn sie Orientierung ermöglichen, ohne die Wirklichkeit zu verharmlosen, wenn sie erklärungskräftig sind, ohne immun gegen Kritik zu werden.
In diesem Sinne ist Bewährung rekursiv, aber nicht zirkulär. Die Ontologie des Spiels liefert nicht das Kriterium ihrer eigenen Wahrheit, sondern setzt sich der Möglichkeit des Scheiterns aus. Sie ist selbst ein Spielzug im Spiel der Wirklichkeit, ein Spielzug, der sich bewähren oder verworfen werden kann.
Realismus ohne Letztbegründung
Diese Auffassung von Bewährung ist explizit realistisch. Sie setzt voraus, dass es eine von unseren Beschreibungen unabhängige Wirklichkeit gibt, die Widerstand leisten kann. In diesem Punkt steht die Ontologie des Spiels in enger Verbindung zu kritischen Realismen, wie sie von Karl Popper, Charles Sanders Peirce, Alfred Tarski und David Deutsch vertreten werden.
Mit Popper teilt sie den Fallibilismus: Ontologische Beschreibungen sind fehlbar und müssen sich der Möglichkeit der Falsifikation stellen. Mit Peirce teilt sie die Einsicht, dass das Reale das ist, was sich langfristig der Beliebigkeit unserer Meinungen entzieht. Mit Tarski teilt sie einen minimalen Wahrheitsbegriff: Wahrheit bleibt Korrespondenz, auch wenn unsere Ontologie sie nicht fundiert. Mit Deutsch teilt sie die Auffassung, dass Fortschritt durch bessere Erklärungen entsteht, die sich nicht beliebig variieren lassen, ohne schlechter zu werden.
Die Ontologie des Spiels verzichtet auf Letztbegründung, nicht auf Wahrheit.
Wenn alles Spiel ist, stellt sich die Frage nach der Ernsthaftigkeit. Diese Ontologie beantwortet sie nicht durch einen Rückgriff auf ein metaphysisches Fundament, sondern durch den Verweis auf Konsequenzen. Spielregeln sind nicht absolut, aber die Erfahrungen innerhalb des Spiels sind real. Scheitern, Leiden, Gelingen und Verantwortung verlieren ihre Bedeutung nicht dadurch, dass ihre Bedingungen nicht letztgültig sind.
Ernst entsteht hier nicht aus metaphysischer Notwendigkeit, sondern aus Unausweichlichkeit von Folgen. Gerade weil es keinen letzten Boden gibt, sind Handlungen exponiert. Verantwortung entsteht nicht trotz, sondern wegen der Offenheit des Spiels.
Selbstbezüglichkeit als Stärke
Die Ontologie des Spiels ist selbst Teil dessen, was sie beschreibt. Diese Selbstbezüglichkeit ist kein performativer Widerspruch, sondern eine Konsequenz ihres Ansatzes. Eine Ontologie, die Spiel als Grundstruktur des Wirklichen versteht, muss sich selbst als Spiel begreifen können, als regelgeleitete, kritisierbare und veränderbare Praxis der Welterschließung.
Damit löst sie sich nicht auf. Im Gegenteil: Sie wird durchsichtig. Sie beansprucht keine privilegierte Position außerhalb der Welt, sondern macht ihre eigene Situiertheit explizit.
Fazit
Die Ontologie des Spiels verzichtet auf den Anspruch, die Welt letztgültig festzuschreiben. Sie ersetzt metaphysische Sicherheit durch strukturelle Orientierung und erkennt darin einen Gewinn. Indem sie Realismus ohne Fundament denkt, verbindet sie Wahrheitsanspruch mit Fallibilität, Ernsthaftigkeit mit Offenheit und Ontologie mit Verantwortung.
Ontologie wird so nicht aufgegeben, sondern neu verstanden:
nicht als Fundament der Welt, sondern als reflektierte Struktur ihres Spiels.
Literatur
Deutsch, D. (2011). The Beginning of Infinity: Explanations That Transform the World. London: Penguin Random House UK.
Deleuze, G. (1968). Difference and Repetition. New York: Bloomsbury Academic.
Dewey, J. (1925). Erfahrung und Natur. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1995.
Dewey, J. (1938). Logik – Die Theorie der Forschung. Frankfurt am Main:
Suhrkamp, 2002.
Heidegger, M. (1927). Sein und Zeit. Tübingen: Max Niemeyer.
Heidegger, M. (1929). Was ist Metaphysik? Frankfurt am Main: Vittorio Klostermann.
Nāgārjuna (ca. 200). Mūlamadhyamakakārikā. In J. L. Garfield (Übers. & Komm.),The Fundamental Wisdom of the Middle Way (1995). New York: Oxford University Press.
Peirce, C. S. (1931–1958). Collected Papers of Charles Sanders Peirce (Vols. 1–8). Cambridge, MA: Harvard University Press.
Popper, K. R. (1962). Conjectures and Refutations: The Growth of Scientific Knowledge. New York: Basic Books.
Popper, K. R. (1972). Objektive Erkenntnis. Hamburg: Hoffmann und Campe.
Tarski, A. (1944). The semantic conception of truth. Philosophy and Phenomenological Research, 4(3), 341–376.
Hinweis:
Das Quellenverzeichnis dient der philosophischen Verortung des Ansatzes. Es erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern versammelt zentrale Bezugstexte, die eine Ontologie ohne Letztbegründung bei gleichzeitigem Anspruch auf Wahrheit und Wirklichkeit stützen.