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Warum Willensfreiheit
kein metaphysisches Problem ist

Trotz enormer begrifflicher Anstrengungen scheint die Debatte um den freien Willen in einer Wiederholungsschleife festgefahren zu sein. Seit Jahrhunderten wird darüber gestritten: ob menschliches Wollen frei oder kausal bestimmt ist, ob Freiheit mit Determinismus vereinbar ist oder nur durch Indeterminismus gerettet werden kann, oder ob der Wille als innerer Ursprung von Handlungen gedacht werden muss, um Verantwortung zu ermöglichen. Der Diskurs scheint sich dabei immer wieder um dieselben Alternativen zu drehen.

Ein Grund dafür liegt in einer kaum hinterfragten Vorentscheidung vieler Philosophen: Der Wille wird von ihnen häufig so dargestellt, als wäre er etwas Eigenständiges, das vom übrigen Geschehen getrennt ist und an dem sich entscheidet, ob wir frei sind oder nicht. So verortet Immanuel Kant Freiheit jenseits empirischer Erklärungsmodelle als notwendiges Postulat praktischer Vernunft (Kant, 1788). Arthur Schopenhauer verneint die Willensfreiheit und betrachtet den Willen als einen metaphysischen Drang (Schopenhauer, 1839). Die Freiheitsfrage wird hier am ontologischen Status des Willens entschieden. Der freie Wille wird so zu einem metaphysischen Problem.

Mit dem vorliegenden Aufsatz versuche ich aus einer anderen Perspektive auf die Frage der Willensfreiheit zuzugehen. Ich frage nicht zuerst, ob der Wille frei ist, sondern gehe der Frage nach, was Wille überhaupt ist und vor allem welche Ursachen ihn hervorbringen. Diese Perspektivverschiebung ist provokativ, denn sie widerspricht der weit verbreiteten Annahme, dass Freiheit keine Ursachen hat oder nur jenseits von Ursachen entstehen kann. Doch gerade diese Annahmen will ich hier in Frage stellen.

Neurowissenschaftliche und kognitionswissenschaftliche Modelle legen nahe, dass Wollen kein punktueller Akt eines inneren Entscheiders ist, sondern ein zeitlich ausgedehnter, dynamischer Prozess der Anpassung zwischen Organismus und Umwelt. Es gibt also gute Gründe dafür, den Willen – und damit auch die Bedingungen von Freiheit – als etwas Verursachtes zu betrachten.

Insbesondere theoretische Ansätze wie die „Active Inference“ (Friston, 2022) zeigen, wie zielgerichtetes Verhalten, Motivation und Entscheidung aus der Minimierung von Unsicherheit hervorgehen können. Organismen handeln, um Unterschiede zwischen dem, was sie erwarten, und dem, was sie tatsächlich erfahren, zu reduzieren – entweder, indem sie ihre Umwelt verändern, oder indem sie ihre inneren Modelle anpassen. In solchen Prozessen entstehen jene motivierten Handlungsrichtungen, die wir im Alltag als „Wollen“ bezeichnen. Der Wille erscheint hier nicht als ursprungsloser Erstimpuls, sondern als funktionale Beschreibungsebene komplexer Lern- und Steuerungsprozesse.

Aus dieser neurowissenschaftlichen Erkenntnis wird häufig abgeleitet, dass der menschliche Wille nicht frei wäre. Ich möchte mit diesem Aufsatz das Gegenteil zeigen. Meine These lautet: Gerade weil der Wille Ursachen hat, kann Freiheit sinnvoll verstanden werden.

Die klassischen Gegensätze von Determinismus und Indeterminismus verlieren ihre zentrale Rolle, wenn man Freiheit als praktische Handlungsfreiheit begreift, als Fähigkeit, sich zu orientieren, auf Folgen zu reagieren und eigenes Handeln zu verändern. Metaphysische Spekulationen werden dadurch überflüssig.

Ziel dieses Aufsatzes ist es, den Willen aus seiner metaphysischen Sonderstellung zu lösen und ihn als erklärbares Phänomen ernst zu nehmen.

Im ersten Teil werde ich neurowissenschaftliche und kognitionswissenschaftliche Erklärungen des Wollens vorstellen. Darauf aufbauend zeige ich, wie sich diese Erkenntnisse mit einem pragmatischen Freiheitsbegriff verbinden lassen, der am Erfahrungs- und Lernbegriff von John Dewey anschließt. Anschließend wird eine begriffliche Neubestimmung des Willens vorgeschlagen, bevor ich schließlich meinen Vorschlag in den Kontext der klassischen Willensfreiheitsdebatte einordne.

Active Inference
Zunächst soll es darum gehen, den Willen – jenseits metaphysischer Überhöhungen – als erklärbares Phänomen zu untersuchen und zu beschreiben. Das von Karl Friston entwickelte Konzept der „Active Inference“ bietet hierfür einen weitreichenden theoretischen Rahmen (Friston, 2022). Das Modell stammt aus der kognitiven Neurowissenschaft und erhebt den Anspruch, grundlegende Prinzipien lebender Systeme zu beschreiben.

Ausgangspunkt dieser Theorie ist die Annahme, dass Organismen fortwährend mit Unsicherheit konfrontiert sind. Um handlungsfähig zu bleiben, müssen sie diese Unsicherheit reduzieren. Dies geschieht nicht primär durch passive Reizverarbeitung, sondern durch einen aktiven Prozess: Organismen bilden Erwartungen über ihre Umwelt und ihr eigenes Handeln und versuchen, Abweichungen zwischen diesen Erwartungen und der tatsächlichen Erfahrung zu minimieren.

Diese Minimierung von Unsicherheit kann auf zwei grundlegende Weisen erfolgen. Zum einen können Organismen ihr internes Modell der Welt anpassen: sie lernen. Zum anderen können sie durch Handeln die Umwelt so verändern, dass sie besser zu ihren Erwartungen passt. Wahrnehmen, Lernen und Handeln sind in diesem Modell daher keine getrennten Vorgänge, sondern unterschiedliche Aspekte desselben Anpassungsprozesses.

Motivation und Zielgerichtetheit ergeben sich innerhalb dieses Rahmens nicht aus einem separaten Willensakt, sondern aus der Struktur dieser dynamischen Anpassung. Handlungen werden bevorzugt, die erwartbar zu einer Reduktion von Unsicherheit führen. In diesem Sinn lassen sich viele Phänomene, die wir im Alltag als „Wollen“, „Streben“ oder „Entscheiden“ bezeichnen, als Ausdruck eines kontinuierlichen Abgleichs zwischen Erwartung, Erfahrung und Handlung verstehen.

Wichtig ist dabei: Active Inference beschreibt keinen mechanischen Reiz-Reaktions-Apparat. Die internen Modelle eines Organismus sind historisch gewachsen, individuell geprägt und fortlaufend veränderbar. Erfahrungen, Gewohnheiten, emotionale Bewertungen und soziale Kontexte gehen in sie ein. Das Handeln eines Menschen ist daher nicht bloß ausgelöst, sondern situiert, lernabhängig und kontextsensitiv.

In diesem Licht erscheint der Wille nicht als ursprungsloser Erstimpuls, der Handlungen verursacht, sondern als eine funktionale Beschreibungsebene für jene Prozesse, in denen Erwartungen, Bewertungen und Handlungsmöglichkeiten aufeinander bezogen werden. Der Wille ist dann kein geheimnisvoller Ort im Inneren des Subjekts, sondern eine Weise, die Dynamik zielgerichteten Handelns zu beschreiben.

Diese Sichtweise steht im deutlichen Gegensatz zu klassischen Vorstellungen eines freien Willens als kausal unabhängiger Instanz. Zugleich erklärt sie, warum menschliches Handeln als sinnvoll, motiviert und veränderbar erlebt wird. Der Wille hat Ursachen, aber diese Ursachen sind nicht äußerlich aufgezwungen, sondern Teil eines aktiven Selbstverhältnisses des Organismus zur Welt.

Neurowissenschaftliche Befunde
Die in der kognitiven Neurowissenschaft gewonnenen Erkenntnisse der letzten Jahrzehnte haben das traditionelle Bild des Willens nachhaltig irritiert. Besonders bekannt sind Experimente, die zeigen, dass neuronale Aktivitätsmuster messbar sind, bevor Menschen sich eines Entschlusses bewusst werden. Entscheidungen scheinen sich im Gehirn anzubahnen, noch ehe sie als bewusste Willensakte erlebt werden.

Das prominente Beispiel hierfür sind die klassischen Experimente von Benjamin Libet, in denen sogenannte Bereitschaftspotenziale im motorischen Kortex bereits mehrere hundert Millisekunden vor der bewussten Entscheidung zur Handlung gemessen wurden (Libet, 1983). Spätere Studien, zum Beispiel die von John-Dylan Haynes und Kollegen, konnten sogar statistische Vorhersagen über einfache Entscheidungen mehrere Sekunden im Voraus treffen. Diese Befunde wurden vielfach als empirische Widerlegung der Willensfreiheit interpretiert.

Eine solche Interpretation greift jedoch zu kurz. Die neurowissenschaftlichen Ergebnisse zeigen vor allem, dass Wollen kein punktuelles Ereignis ist, das sich auf einen klar identifizierbaren Moment reduzieren lässt. Entscheidungen entstehen vielmehr als zeitlich ausgedehnte Prozesse, in denen Wahrnehmung, Bewertung, Erwartung und Handlungsvorbereitung ineinandergreifen. Das bewusste Erleben einer Entscheidung markiert dabei nicht den Ursprung, sondern einen bestimmten Punkt innerhalb dieses Verlaufs.

Entscheidend ist zudem, dass diese Befunde primär einfache, künstlich stark reduzierte Entscheidungssituationen betreffen, wie das willkürliche Bewegen eines Fingers ohne inhaltliche Konsequenz. Sie sagen wenig über komplexe Handlungen aus, die Lernen, Abwägung, Selbstkontrolle und langfristige Zielorientierung erfordern. Aber gerade dort verorten wir im Alltag Freiheit, Verantwortung und Willensstärke.
Neurowissenschaftlich betrachtet spricht vieles dafür, den Willen nicht als isolierte Ursache, sondern als eine Koordinationsleistung zu verstehen. Verschiedene neuronale Systeme, emotionale Bewertungen, Gedächtnisinhalte, Erwartungen, motorische Programme, tragen zu Handlungsentscheidungen bei. Wollen ist das Ergebnis dieser Integration, nicht ihr metaphysischer Ursprung. Dass dieser Prozess kausal erklärbar ist, macht ihn nicht bedeutungslos, sondern verständlich.

Besonders relevant ist in diesem Zusammenhang die Plastizität des Gehirns. Neuronale Verschaltungen verändern sich durch Erfahrung, Übung und Reflexion. Gewohnheiten können ausgebildet, verstärkt, abgeschwächt oder umgelernt werden. Damit ist das menschliche Handeln nicht nur verursacht, sondern veränderbar. Genau diese Veränderbarkeit bildet die Grundlage dafür, von Selbststeuerung, Lernen und Verantwortung zu sprechen (Singer, 2002; Seth, 2021).

Vor diesem Hintergrund verlieren neurowissenschaftliche Befunde ihren bedrohlichen Charakter für unsere Vorstellungen von Freiheit. Sie widerlegen nicht Freiheit als solche, sondern lediglich ein bestimmtes Freiheitsmodell: die Vorstellung eines Willens, der als ursachenloser Erstimpuls außerhalb natürlicher Prozesse steht. Was sie stattdessen nahelegen, ist ein Bild des Wollens als dynamischer, erfahrungsabhängiger und entwicklungsfähiger Prozess.

Damit fügen sich die neurowissenschaftlichen Erkenntnisse nahtlos in den zuvor skizzierten Rahmen der Active Inference ein. Wollen erscheint als Resultat kontinuierlicher Anpassungsprozesse, in denen Erwartungen, Bewertungen und Handlungen aufeinander abgestimmt werden. Freiheit verschwindet in diesem Bild nicht, sie verschiebt sich auf eine andere Ebene.

Freiheit als Handlungsfreiheit
Die neurowissenschaftlichen Befunde und kognitionswissenschaftlichen Modelle der letzten Jahrzehnte legen also nahe, dass Handlungen und Entscheidungen nicht aus einem punktuellen, inneren Willensakt hervorgehen, der außerhalb aller Ursachen stünde. Das, was wir umgangssprachlich als Freiheit bezeichnen, lässt sich daher nicht jenseits von Ursachen finden, sondern dort, wo Freiheit tatsächlich wirksam wird: im Handeln.

In meinem früheren Aufsatz „Alle Freiheit ist Handlungsfreiheit“ habe ich vorgeschlagen, Freiheit nicht als metaphysisches Ereignis oder Zustand hinter dem Handeln zu verstehen, sondern als praktische Fähigkeit, die sich im Vollzug konkreter Handlungen zeigt ([Spuren][1]). Nach dieser Perspektive ist Freiheit eng verbunden mit der Fähigkeit, sich innerhalb gegebener Bedingungen orientieren zu können, auf Folgen zu reagieren und das eigene Handeln zu verändern. Freiheit ist kein Zustand, der losgelöst von den Ursachen der Welt existiert, sondern eine Fähigkeit im Prozess des Handelns selbst.

Ein zentraler Bestandteil dieses pragmatischen Freiheitsbegriffs ist der Gedanke, dass Freiheit nicht darin besteht, von allen Bedingungen und Ursachen unabhängig zu sein, sondern darin, mit ihnen umgehen zu können. Freiheit wächst dort, wo Menschen Erfahrungen machen, Gewohnheiten durchbrechen, Alternativen erkennen und neue Verhaltensweisen erproben können. Freiheit ist daher nicht metaphysisch vorausgesetzt, sondern praktisch erworben und situativ geltend gemacht.

Diese Sicht hebt den Unterschied zwischen einer negativen Freiheit als Freiheit von Zwängen und einer positiven Freiheit als befähigte Handlungsfähigkeit hervor. In vielen traditionellen Diskussionen – etwa in der politischen Philosophie – wird Freiheit zunächst als Freiheit von äußeren Beschränkungen verstanden, etwa als Schutz vor Zensur oder Zwang ([Wikipedia][2]). Das ist ein wichtiger Aspekt, aber er greift zu kurz, wenn es um Freiheit im praktischen Handeln geht. Eine Person kann äußerlich ungehindert sein und dennoch nicht frei handeln, wenn ihr situative Bedingungen, Gewohnheiten oder unreflektierte Handlungsmuster den Zugang zu realen Möglichkeiten versperren.

Ein pragmatischer Freiheitsbegriff, wie ihn John Dewey ins Zentrum seiner Philosophie gestellt hat, verbindet Freiheit mit der konkreten Fähigkeit, innerhalb eines situativen Gefüges von Möglichkeiten, Anforderungen und Widerständen handlungsfähig zu bleiben (Dewey, 1915, 1925). Situationen sind keine bloßen äußeren Umstände, sondern strukturierte Gelegenheiten, in denen Handlungsspielräume erkannt und genutzt werden müssen. Freiheit besteht in diesem Rahmen nicht darin, sich den Bedingungen zu entziehen, sondern sie zu verstehen, sich in ihnen zu orientieren und wirksam handeln zu können ([Spuren][3]).


Diese Perspektive hat zwei unmittelbare Konsequenzen:
Erstens macht sie deutlich, dass Freiheit nicht gegen Ursachen gewonnen wird. Ursachen und Bedingungen sind nicht äußere Hindernisse, die überwunden werden müssen, damit Freiheit entstehen kann. Ursachen sind vielmehr die Bedingungen, unter denen Freiheit sich entfaltet. Ohne konsistente Ursachen, Lernprozesse und stabile situative Zusammenhänge gäbe es keine Erfahrungsräume, in denen Handlungsspielräume überhaupt erkennbar wären.

Zweitens erklärt dieser Ansatz, warum Freiheit als praktische Fähigkeit tatsächlich empirisch anschlussfähig ist. Handlungsspielräume sind real, weil Situationen mehr als eine mögliche Fortsetzung zulassen. Freiheit zeigt sich dort, wo Menschen diese Möglichkeiten erkennen, geschickt nutzen, erweitern oder neu gestalten. Freiheit ist also nicht eine Metaphysik jenseits aller Ursachen, sondern eine praktische Fähigkeit in einem kausal durchwirkten Leben.

Freiheit ist dort wirksam, wo Menschen in konkreten Situationen verantwortlich handeln, aus den Folgen ihres Handelns lernen und ihr zukünftiges Handeln entsprechend anpassen können. Damit ist Freiheit nicht ein metaphysisches Sondergut, sondern eine Fähigkeit, die sich fortlaufend im Prozess des Handelns ausbildet und bewährt.


Was ist Wille?

Wenn der Wille weder als metaphysischer Erstverursacher noch als bloßes Epiphänomen neuronaler Prozesse verstanden werden soll, stellt sich die Frage, wie er begrifflich sinnvoll zu bestimmen ist. Die bisherigen Überlegungen legen nahe, dass der Wille weder eine eigenständige Substanz noch ein isoliertes Vermögen ist, sondern eine bestimmte Perspektive auf Handlungsprozesse.

Im Alltag sprechen wir vom Willen, wenn Handeln nicht einfach geschieht, sondern gerichtet, motiviert und bewertbar erscheint. Wir sagen, jemand habe etwas „gewollt“, wenn sein Handeln Ausdruck von Gründen, Erwartungen, Zielen oder Überzeugungen ist. Diese Zuschreibung setzt voraus, dass Handlungen nicht bloß ausgelöst werden, sondern in einem Zusammenhang von Erfahrung, Bewertung und möglicher Veränderung stehen.

Vor diesem Hintergrund lässt sich der Wille als die reflexive Dimension des Handelns verstehen. Er bezeichnet jene Ebene, auf der Motive, Gewohnheiten, Erwartungen und Handlungsoptionen zueinander in Beziehung gesetzt werden. Der Wille ist nicht das, was Handlungen verursacht, sondern das, wodurch Handlungen für den Handelnden selbst verstehbar, bewertbar und veränderbar werden.

Der Wille ist die Fähigkeit, das eigene Handeln reflexiv zu organisieren und im Lichte seiner Folgen zu verändern. Diese Bestimmung schließt an die zuvor dargestellten neurowissenschaftlichen und kognitionswissenschaftlichen Einsichten an, ohne sich in ihnen zu erschöpfen. Neuronale Prozesse liefern die kausalen Bedingungen des Wollens, erklären aber nicht allein, warum wir Handlungen als gewollt beschreiben. Der Wille ist keine zusätzliche Ursache neben diesen Prozessen, sondern eine begriffliche Fassung ihrer funktionalen Organisation aus der Perspektive des handelnden Subjekts. Entscheidend ist dabei, dass der Wille zeitlich ausgedehnt ist. Wollen vollzieht sich nicht in einem punktuellen Moment der Entscheidung, sondern in fortlaufenden Prozessen der Orientierung, der Bewertung von Konsequenzen und der Anpassung von Handlungsweisen. In diesem Sinn ist der Wille eng mit Lernen verbunden. Wer will, kann sein Wollen verändern, durch Erfahrung, Reflexion und Übung. Gerade diese Veränderbarkeit unterscheidet willentliches Handeln von bloß reaktiven Abläufen.

Der Wille ist damit weder frei noch unfrei im klassischen metaphysischen Sinn. Er ist vielmehr der Ort, an dem Freiheit praktisch wirksam wird. Freiheit zeigt sich nicht jenseits des Willens, aber auch nicht als Eigenschaft eines isolierten Willens. Sie zeigt sich darin, wie flexibel, reflektiert und situationssensibel der Wille in konkreten Handlungsvollzügen ist.

Diese Auffassung vermeidet zwei verbreitete Verkürzungen. Zum einen reduziert sie den Willen nicht auf einen bloßen inneren Befehl, der Handlungen auslöst. Zum anderen löst sie ihn nicht in kausalen Beschreibungen auf, die jede normative Zuschreibung überflüssig machen würden. Der Wille bleibt normativ relevant, weil er der Bezugspunkt für Gründe, Verantwortung und Selbstkritik ist, gerade weil er lern- und veränderungsfähig ist.

Zusammengefasst lässt sich der Wille als die Fähigkeit verstehen, sich zu den eigenen Motiven, Gewohnheiten und Handlungsmöglichkeiten in Beziehung zu setzen und sie im Lichte ihrer Folgen zu verändern. In diesem Sinn ist der Wille kein metaphysisches Rätsel, sondern eine praktische Struktur des Handelns. Erst vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum die klassische Frage nach der „Freiheit des Willens“ häufig in die Irre führt.

Im folgenden Abschnitt bemühe ich mich deshalb, die Frage nach der Freiheit des Willens neu einzuordnen.


Klassische Positionen zur Willensfreiheit

Viele der Gegensätze in der Debatte zur Willensfreiheit erscheinen nun weniger als zwingende Alternativen, sondern als Konsequenzen einer gemeinsamen Grundannahme: dass Freiheit am ontologischen Status des Willens entschieden werden muss. Die zentralen Positionen der Tradition unterscheiden sich vor allem darin, wie sie diesen Status bestimmen.

In der praktischen Philosophie von Immanuel Kant nimmt der Wille eine herausgehobene Stellung ein. Freiheit ist für Kant die notwendige Voraussetzung moralischer Verantwortung und kann daher nicht aus der empirischen Welt erklärt werden (Kant, 1788). Der Wille gilt als Vermögen der Vernunft, das sich selbst Gesetze gibt. Obgleich Kant den Menschen in der Erfahrungswelt als kausal bestimmt anerkennt, postuliert er eine intelligible Freiheit des Willens jenseits aller Naturkausalität. Die Freiheit des Willens wird so nicht erklärt, sondern vorausgesetzt, als Bedingung der Möglichkeit von Moral.

Diese Lösung bewahrt den normativen Anspruch von Freiheit, erkauft ihn jedoch um den Preis einer scharfen Trennung zwischen empirischer Erklärung und praktischer Geltung. Der Wille wird zu einer Instanz, deren Freiheit gerade darin besteht, nicht erklärbar zu sein. Damit bleibt unklar, wie diese Freiheit im konkreten Handeln wirksam werden soll.

Eine entgegengesetzte, aber strukturell verwandte Position findet sich bei Arthur Schopenhauer. Schopenhauer akzeptiert die Erfahrung von Handlungsfreiheit im Alltag, verneint jedoch ausdrücklich die Freiheit des Willens. Der Wille selbst ist für ihn ein metaphysischer, blinder Drang, der sich notwendig in der Welt manifestiert. Menschen handeln frei im Sinne äußerer Ungehindertheit, sind aber in ihrem Wollen selbst vollständig bestimmt. Freiheit wird hier nicht jenseits der Kausalität gerettet, sondern aus dem Willen vollständig verbannt.

So unterschiedlich Kant und Schopenhauer argumentieren, teilen sie eine grundlegende Voraussetzung: Beide behandeln den Willen als eine ontologisch eigenständige Größe, an der sich die Freiheitsfrage entscheidet. Entweder ist der Wille frei, dann entzieht er sich der Naturerklärung, oder er ist erklärbar, dann ist er nicht frei. Freiheit erscheint in beiden Fällen als Eigenschaft oder Nicht-Eigenschaft eines isolierten Willens.

Diese Rahmung prägt auch viele spätere Positionen der Debatte. Deterministische Ansätze erklären den Willen kausal und verwerfen die Freiheit. Libertarische Ansätze retten die Freiheit, indem sie dem Willen eine Form von Ursachenlosigkeit zuschreiben. Kompatibilistische Versuche versuchen, beide Seiten zu versöhnen, ohne jedoch die grundlegende Fragestellung selbst aufzugeben. In all diesen Varianten bleibt der Wille der zentrale Prüfstein, an dem Freiheit entweder bewiesen oder widerlegt werden soll.

Aus der bisherigen Perspektive des Aufsatzes wird jedoch deutlich, dass diese Fragestellung möglicherweise fehlgeleitet ist. Wenn der Wille weder als metaphysischer Erstverursacher noch als bloßes Naturereignis verstanden werden muss, sondern als reflexive Struktur des Handelns, dann verliert die Frage nach seiner ontologischen Freiheit ihren privilegierten Status. Die klassischen Positionen erscheinen dann weniger als konkurrierende Antworten auf dieselbe Frage, sondern als unterschiedliche Reaktionen auf eine problematische Ausgangsannahme.

Warum keine dieser Positionen die Freiheit des Willens überzeugend erklären kann und warum eine grundsätzlich andere Einordnung erforderlich ist, werde ich im folgenden Abschnitt erläutern, in dem ich zentrale Gegenüberstellungen von Determinismus, Indeterminismus und Libertarismus systematisch analysieren werde.

Determinismus, Indeterminismus
und Libertarismus
Die klassische Debatte um die Willensfreiheit wird häufig entlang dreier Grundpositionen geführt: Determinismus, Indeterminismus und Libertarismus. Trotz ihrer Gegensätzlichkeit teilen diese Positionen eine gemeinsame Voraussetzung: Sie suchen Freiheit auf der Ebene der ontologischen Beschaffenheit des Willens. Genau diese gemeinsame Ausgangslage gerät aus der Perspektive dieses Aufsatzes in Zweifel.

Der Determinismus geht davon aus, dass alle Ereignisse,  einschließlich menschlicher Handlungen und Willensakte, vollständig durch vorhergehende Ursachen bestimmt sind. Wird Freiheit als Unabhängigkeit von Ursachen verstanden, folgt daraus scheinbar zwangsläufig, dass der Wille nicht frei sein kann. Der deterministische Schluss lautet dann: Wenn das Wollen kausal erklärbar ist, ist Freiheit eine Illusion.

Dieser Schluss beruht jedoch auf einer problematischen Gleichsetzung von Freiheit mit Ursachenlosigkeit. Aus der Tatsache, dass Handlungen Ursachen haben, folgt nicht, dass sie unfrei sind. Deterministische Erklärungen können sehr wohl beschreiben, „warum“ jemand handelt, ohne damit zu klären, „wie“ jemand mit diesen Gründen, Motiven und Gewohnheiten umgeht. Der Determinismus erklärt Bedingungen des Handelns, verfehlt aber den praktischen Begriff von Freiheit, der sich im Umgang mit diesen Bedingungen zeigt.

Der Indeterminismus versucht, dieses Problem zu umgehen, indem er an bestimmten Stellen des Geschehens kausale Offenheit postuliert. Freiheit soll dort entstehen, wo Ursachenketten unterbrochen oder zumindest nicht vollständig festgelegt sind. Entscheidungen gelten als frei, wenn sie nicht vollständig durch vorhergehende Zustände bestimmt sind.

Doch auch dieser Ansatz überzeugt nicht. Zufälligkeit schafft keine Freiheit. Ein indeterministischer Willensakt, der nicht durch Gründe, Erfahrungen oder Bewertungen bestimmt ist, wäre nicht freier, sondern bloß unvorhersehbarer. Freiheit verlangt nicht das Fehlen von Ursachen, sondern eine bestimmte Art des Umgangs mit ihnen. Indeterminismus ersetzt erklärende Gründe durch Kontingenz und verliert damit genau das, was Freiheit sinnvoll macht: Verantwortlichkeit und Lernfähigkeit.

Der Libertarismus versucht, Freiheit zu retten, indem er dem Willen eine besondere ontologische Stellung zuschreibt. Der Wille soll zwar handeln und entscheiden, aber nicht vollständig den Naturgesetzen unterworfen sein. Häufig wird hierfür eine besondere Form der Selbstverursachung oder eine nicht-naturhafte Kausalität des Willens angenommen. Der Wille wird so zu einem metaphysischen Sonderfall innerhalb der Welt.

Diese Position bewahrt zwar die Intuition persönlicher Urheberschaft, tut dies jedoch um den Preis einer theoretischen Verdopplung der Wirklichkeit. Der Wille erscheint als eine schwer erklärbare Ausnahme innerhalb der Naturordnung. Anstatt Freiheit verständlich zu machen, wird sie in einen metaphysischen Bereich verlagert, der sich empirischer und begrifflicher Klärung entzieht.

Allen drei Positionen ist gemeinsam, dass sie Freiheit an der ontologischen Beschaffenheit des Willens festmachen. Freiheit soll entweder daran scheitern, dass der Wille kausal bestimmt ist, oder dadurch gerettet werden, dass ihm kausale Offenheit oder eine metaphysische Sonderstellung zugeschrieben wird. In allen drei Fällen wird Freiheit nicht als eine Praxis des Handelns verstanden, sondern als eine Eigenschaft oder Nicht-Eigenschaft des Willens – und gerade deshalb bleibt unklar, wie Freiheit im konkreten Handeln wirksam werden soll.

Aus der bisherigen Argumentation ergibt sich daher ein neuer Blick: Freiheit ist weder durch Determinismus ausgeschlossen noch durch Indeterminismus gewonnen, und sie bedarf keiner libertarischen Sonderstellung des Willens. Freiheit entsteht nicht jenseits von Ursachen, sondern innerhalb verursachter Prozesse, dort, wo Handeln reflexiv, lernfähig und veränderbar ist.

Damit verliert die klassische Dreiteilung ihre leitende Funktion. Die entscheidende Frage lautet nicht mehr, ob der Wille determiniert oder indeterminiert ist, sondern wie ein handelndes Subjekt mit den Ursachen seines Wollens umgeht.

Willensfreiheit als Handlungsfreiheit
Die vorangegangenen Überlegungen haben gezeigt, dass die klassische Frage nach der Freiheit des Willens ihre Schärfe aus einer problematischen Verengung bezieht. Freiheit wird dort gesucht, wo sie entweder durch kausale Determination bedroht oder durch metaphysische Annahmen gerettet werden soll. Wird der Wille jedoch nicht als ontologisch isolierte Instanz verstanden, sondern als reflexive Dimension des Handelns, verliert diese Fragestellung ihren zwingenden Charakter.

Willensfreiheit ist aus dieser Perspektive keine zusätzliche Eigenschaft neben der Handlungsfreiheit, sondern eine bestimmte Weise, Handlungsfreiheit zu beschreiben. Frei ist nicht ein Wille, der jenseits aller Ursachen steht, sondern ein Handeln, das sich zu seinen eigenen Motiven, Gewohnheiten und Erwartungen verhalten und sie im Lichte seiner Folgen verändern kann. Willensfreiheit bezeichnet somit die Fähigkeit, das eigene Wollen selbst zum Gegenstand der Erfahrung und der Veränderung zu machen.

Diese Bestimmung erlaubt es, Freiheit und Verursachtheit zusammenzudenken, ohne sie gegeneinander auszuspielen. Der Wille hat Ursachen: neuronale, biographische, soziale und situative. Doch gerade diese Ursachen machen Lernen, Selbstkorrektur und Verantwortlichkeit möglich. Freiheit entsteht nicht dort, wo Ursachen fehlen, sondern dort, wo Ursachen wirksam bearbeitet werden können. In diesem Sinn ist Freiheit kein metaphysischer Ausnahmezustand, sondern eine praktische Errungenschaft.

Die neurowissenschaftlichen und kognitionswissenschaftlichen Befunde, die den Willen als zeitlich ausgedehnten, dynamischen Prozess beschreiben, stehen dieser Auffassung nicht entgegen, sondern stützen sie. Sie zeigen, dass Wollen kein punktueller Akt ist, sondern ein fortlaufender Prozess der Orientierung, Bewertung und Anpassung. Willensfreiheit besteht daher nicht im ersten Impuls, sondern in der Möglichkeit, auf Impulse zu reagieren, sie zu reflektieren und das eigene Handeln langfristig zu verändern.

In dieser Perspektive lässt sich auch die oft scharf gezogene Trennung zwischen Handlungsfreiheit und Willensfreiheit auflösen. Handlungsfreiheit beschreibt die äußere und situative Seite von Freiheit; Willensfreiheit bezeichnet ihre innere, reflexive Dimension. Beide sind keine getrennten Phänomene, sondern zwei Aspekte derselben praktischen Fähigkeit. Freiheit ist immer Freiheit im Handeln und sie ist immer gebunden an Erfahrung, Lernen und Veränderbarkeit. Die klassische Alternative von Determinismus und Indeterminismus verliert ihre leitende Funktion. Die entscheidende Frage lautet nicht mehr, ob der Wille frei ist, sondern wie frei ein handelndes Subjekt in seinem Umgang mit den eigenen Bedingungen ist. Freiheit ist kein metaphysisches Rätsel, das gelöst werden muss, sondern eine Praxis, die sich im Leben bewähren muss.

Willensfreiheit als Handlungsfreiheit zu verstehen bedeutet daher nicht, Freiheit zu reduzieren, sondern sie zu präzisieren. Sie wird aus der metaphysischen Abstraktion zurückgeholt in den Bereich konkreter Erfahrung.

Eine Willensfreiheit im metaphysischen Sinne gibt es nicht. Der Wille ist frei, weil wir ihn im Handeln reflexiv vollziehen, verändern und entfalten können.

 

Quellen:
Dewey, J. (1915). Demokratie und Erziehung. Weinheim-Basel, Beltz – 1993.
Dewey, J. (1925). Erfahrung und Natur. Frankfurt am Main, Suhrkamp – 1995.
Friston, K. J., et al. (2022). Active Inference – The Free Energy Principle
in Mind, Brain, and Behavior. Cambridge, Massachusetts Institute of Technology.
Kant, I. (1788). Kritik der praktischen Vernunft, Hofenberg Digital.
Libet, B., et al. (1983). „Time of conscious intention to act in relation to onset
of cerebral activity (readiness-potential) – The unconscious initiation of a freely
voluntary act.“ Brain 106: 623 – 642.
Schopenhauer, A. (1839). Preisschrift über die Freiheit des Willens. Hamburg,
Felix Meiner Verlag.
Seth, A. (2021). Being You – A New Science of Consciousness,
Penguin Random House.

Singer, W. (2002). Ein neues Menschenbild? Berlin, Suhrkamp.

 

Online-Verweise:

[1]: https://spuren.klanglabor.berlin/2026/01/01/alle-freiheit-ist-handlungsfreiheit/ „Alle Freiheit ist Handlungsfreiheit – Spuren“

[2]: https://de.wikipedia.org/wiki/Negative_und_positive_Freiheit?utm_source=chatgpt.com „Negative und positive Freiheit“

[3]: https://spuren.klanglabor.berlin/2026/01/01/alle-freiheit-ist-handlungsfreiheit/?utm_source=chatgpt.com „Alle Freiheit ist Handlungsfreiheit – Spuren – neuhaus.fm“

 

Anmerkung:
Die Jahreszahlen in den Literaturangaben geben – abweichend vom üblichen APA-Style – das Jahr der Erstveröffentlichung, oder in historischen Quellen, das geschätzte Entstehungsjahr an, um die Texte auch Ad hoc historisch leicht einordnen zu können.