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Alle Freiheit ist Handlungsfreiheit
Seit Jahrhunderten herrscht in der Philosophie große Verwirrung um den Freiheitsbegriff. Statt sich mit der Alltagserklärung – die Möglichkeit aus vorhandenen Optionen auswählen zu können – zufrieden zu geben, nutzt man in der Philosophie zum Beispiel für die Meinungsfreiheit einen anderen Freiheitsbegriff als für Willensfreiheit. Weder sprachlich noch logisch ergibt das irgendeinen Sinn.
Deshalb schlage ich mit diesem Aufsatz vor, sich auf eine eindeutig funktionierende Definition von Freiheit zu einigen. In John Dewey´s Pragmatismus habe ich gute Argumente dafür gefunden, die metaphysische Rätselhaftigkeit und die Überraschungen des Indeterminismus über Bord zu werfen, um Freiheit schlüssig erklären zu können.
In einigen vorangegangenen Aufsätzen hatte ich diese Fragen bereits angeschnitten. Freiheit wurde dort nicht gegen Kausalität verteidigt, sondern innerhalb rekonstruierbarer Kausalketten verortet. Der Mensch handelt nicht außerhalb der Welt, sondern als Teil ihrer Prozesse. Gerade deshalb ist menschliches Handeln verständlich, kritisierbar und veränderbar. Freiheit zeigt sich nicht dort, wo Ursachen fehlen, sondern dort, wo Zusammenhänge erkannt, genutzt und umgestaltet werden können.
Mit dem vorliegenden Aufsatz bemühe ich mich, diese Perspektive schärfer zu konturieren und als schlüssiges Erklärungsmodell verfügbar zu machen. „Alle Freiheit ist Handlungsfreiheit“ meint, dass von Freiheit nur dort sinnvoll gesprochen werden kann, wo Handlungen stattfinden: Handlungen, die Folgen haben, die gelernt werden, die korrigiert und verantwortet werden können. Freiheit ist kein Zustand „hinter“ dem Handeln, sondern ein Ereignis im Prozess des Handelns selbst.
John Dewey´s Pragmatismus unterstützt diese Sichtweise. Dewey löst den Freiheitsbegriff aus den umständlichen metaphysischen Verstrickungen und verankert ihn konsequent in Erfahrung, Praxis und Bildung. Freiheit ist für Dewey kein ursprünglicher Zustand, sondern etwas, das sich im praktischen Umgang mit konkreten Situationen Schritt für Schritt herausbildet (Dewey, 1929).
Aktuelle Erkenntnisse aus den Neurowissenschaften und der Philosophie des Geistes beschreiben ein wirksames Selbst, nicht als metaphysische Instanz, sondern als verkörpertes, emergentes Organisationszentrum, das Handlungen koordiniert, antizipiert und reguliert. Dewey´s Philosophie findet also tragende Fundamente in den heutigen Neurowissenschaften. Freiheit wird hier weder mystifiziert noch eliminiert, sondern präzise lokalisierbar: im Raum realer Handlungsmöglichkeiten.
Die Rätselhaftigkeit der Freiheit
Freiheit erscheint rätselhaft, weil sie traditionell am falschen Ort gesucht wird. Oft wird angenommen, sie müsse sich entweder vor jeder Handlung entscheiden oder jenseits kausaler Bedingungen angesiedelt sein. Freiheit wird dann zu einer inneren Ursache, die selbst keiner Ursache unterliegt.
Genau an diesem Punkt beginnen die bekannten Schwierigkeiten: Wie kann etwas wirksam sein, das nicht Teil der kausalen Ordnung ist?
Bereits David Hume hat darauf hingewiesen, dass menschliches Handeln nur dann sinnvoll verstanden werden kann, wenn Gründe selbst als Teil kausaler Zusammenhänge begriffen werden (Hume, 1739).
Später hat Donald Davidson dies präzisiert: Handlungen sind Ereignisse, die durch Gründe verursacht werden. Wer Gründe und Ursachen gegeneinander ausspielt, macht menschliches Handeln unverständlich (Davidson, 1963).
Thomas Metzinger hat überzeugend gezeigt, dass das Selbst kein Ding ist, sondern ein Modell. Entscheidend ist jedoch: Modelle sind wirksam. Sie strukturieren Wahrnehmung, Entscheidung und Handlung (Metzinger, 2009).
Diese Wirksamkeit wird durch zahlreiche neurowissenschaftliche Befunde gestützt. Antonio Damasio hat gezeigt, dass Entscheidungen ohne affektive und körperliche Rückbindung nicht funktional sind. Handlungsfähigkeit entsteht dort, wo emotionale Bewertung, Gedächtnis und antizipierende Planung zusammenspielen. Das Selbst ist dabei kein metaphysischer Urheber, sondern ein verkörperter Regulationsprozess (Damasio, 1994).
Auch phänomenologisch lässt sich diese Sicht stützen. Für Thomas Fuchs ist das Selbst kein innerer Beobachter, sondern eine relationale Einheit von Leib, Umwelt und sozialem Raum, die sich nur im Handeln selbst zeigt (Fuchs, 2009).
Vor dem hier skizzierten Hintergrund verliert die Freiheit ihre Rätselhaftigkeit. Sie muss nicht mehr als metaphysische Ausnahme gedacht werden, sondern kann als praktische Fähigkeit verstanden werden: als die Fähigkeit, in gegebenen Bedingungen handlungsfähig zu sein, Spielräume zu erkennen und zu erweitern. Das Rätsel der Freiheit entsteht nicht aus ihrer Abwesenheit, sondern aus ihrer falschen theoretischen Überhöhung. Wenn Freiheit nicht länger als metaphysisches Rätsel verstanden werden soll, muss der Blick auf den Ort gelenkt werden, an dem sie sich tatsächlich zeigt: in der Erfahrung.
Wenn Freiheit als Handlungsfreiheit verstanden werden soll, muss zunächst geklärt werden, was unter Erfahrung zu verstehen ist. Denn Freiheit zeigt sich nicht im luftleeren Raum, sondern immer im Kontext konkreter Situationen, in denen gehandelt, reagiert, gelernt und umgesteuert wird. Erfahrung ist dabei nicht das bloße Registrieren äußerer Reize, sondern der Zusammenhang, in dem Handlungen Wirkungen entfalten und diese Wirkungen wiederum auf das zukünftige Handeln zurückwirken.
John Dewey versteht Erfahrung grundsätzlich als ein Geschehen, in dem Handeln und die daraus entstehenden Konsequenzen untrennbar zusammengehören. Erfahrung entsteht dort, wo ein Organismus in eine Situation eingreift und die Konsequenzen dieses Eingriffs direkt erfährt. Wahrnehmen, Denken und Entscheiden sind in diesem Sinne keine vorbereitenden Akte für eine Handlung, sondern selbst Formen des Handelns. Erfahrung ist immer schon praktisch, zeitlich gestreckt und auf zukünftige Möglichkeiten bezogen (Dewey, 1929).
Damit verschiebt sich auch der Ort der Freiheit. Sie liegt nicht vor der Erfahrung, nicht in einem ursprünglichen Willensmoment, sondern in der Art und Weise, wie Erfahrungen verarbeitet werden. Freiheit wächst dort, wo Zusammenhänge erkannt, Erwartungen angepasst und Handlungsweisen verändert werden können. Sie ist kein punktuelles Ereignis, sondern ein Prozess der Orientierung und Reorganisation innerhalb einer laufenden Erfahrung.
Diese pragmatistische Sicht wird durch zahlreiche neurowissenschaftliche Befunde gestützt. Das Gehirn ist kein passiver Empfänger von Reizen, sondern ein Organ der fortlaufenden Vorhersage und Regulation. In der Theorie der „Active Inference“, wie sie von Karl Friston ausgearbeitet wurde, erscheint Wahrnehmen selbst als eine Form des Handelns: Organismen versuchen, Unsicherheit zu reduzieren, indem sie ihre internen Modelle an die Welt anpassen oder die Welt durch Handeln so verändern, dass sie zu ihren Erwartungen passt. Erfahrung ist hier ein permanenter Abgleich zwischen Erwartung und Konsequenz.
Auch die Rolle des Körpers ist dabei zentral. Antonio Damasio hat gezeigt, dass Erfahrungen ohne affektive und leibliche Rückbindung keine handlungsleitende Kraft entfalten. Was nicht körperlich markiert ist, bleibt folgenlos. Erfahrung ist daher immer verkörpert, sie ist an Empfindungen, Spannungen, Affekte und Bedürfnisse gebunden, die dem Handeln Richtung und Gewicht verleihen.
Phänomenologisch lässt sich diese Perspektive weiter präzisieren. Für Thomas Fuchs ist Erfahrung kein inneres Geschehen, sondern ein relationaler Prozess zwischen Leib, Umwelt und sozialem Kontext. Erfahrung vollzieht sich im In-der-Welt-Sein eines leiblichen Subjekts, das stets schon in Situationen eingebunden ist. Handeln und Erfahren fallen hier nicht auseinander, sondern bilden eine Einheit.
Vor diesem Hintergrund wird deutlich, warum Freiheit nur als Handlungsfreiheit gedacht werden kann. Erfahrung ist der Raum, in dem Handlungen ihre Bedeutung erhalten und verändert werden können. Wo Erfahrung fehlt oder blockiert ist, wo Handlungen keine rückwirkenden Konsequenzen haben oder nicht reflektiert werden können, dort schrumpfen auch die Spielräume der Freiheit. Freiheit ist daher kein Zusatz zur Erfahrung, sondern eine Qualität erfahrungsbasierter Praxis.
Wenn Erfahrung der Zusammenhang ist, in dem Handlungen ihre Folgen entfalten, dann ist die konkrete Situation der Ort, an dem Freiheit tatsächlich wirksam wird. Handeln geschieht nie abstrakt, sondern immer unter bestimmten Bedingungen: körperlich, sozial, zeitlich und materiell. Freiheit zeigt sich daher nicht als allgemeine Eigenschaft eines Subjekts, sondern als Fähigkeit, in bestimmten Situationen handlungsfähig zu sein.
Für John Dewey ist Handeln stets situativ eingebettet. Situationen sind keine bloßen äußeren Umstände, sondern strukturierte Gefüge von Anforderungen, Möglichkeiten und Widerständen. Sie eröffnen Handlungsspielräume, begrenzen sie zugleich und verändern sich durch das Handeln selbst. Freiheit besteht in diesem Rahmen nicht darin, sich den Bedingungen zu entziehen, sondern darin, sich innerhalb dieser Bedingungen orientieren und wirksam handeln zu können.
Damit verschiebt sich auch der Blick auf das handelnde Subjekt. Das Subjekt ist nicht der souveräne Ursprung seiner Handlungen, sondern ein Knotenpunkt in einem fortlaufenden Prozess von Wahrnehmen, Bewerten und Reagieren. Handlungen entstehen dort, wo Erwartungen, Gewohnheiten und situative Anforderungen aufeinandertreffen. Freiheit liegt in der Möglichkeit, diese Konstellationen zu modifizieren: durch Umdeutung, durch Neubewertung oder durch das Erproben alternativer Handlungsweisen.
Auch neurowissenschaftlich lässt sich diese Sichtweise stützen. Nach Anil Seth entsteht Handlungskontrolle aus der fortlaufenden Vorhersage eigener Zustände und möglicher Handlungskonsequenzen. Das Selbst fungiert dabei als regulative Instanz, die Erwartungen stabilisiert und bei Abweichungen anpasst. Freiheit zeigt sich hier nicht als Abwesenheit von Determination, sondern als gelingende Selbstregulation in variablen Situationen (Seth, 2021).
Entscheidend ist, dass Menschen aus Erfahrung lernen können. Auch wenn sich Situationen nie identisch wiederholen, erlauben sie Vergleich und Anpassung des eigenen Handelns. Freiheit entsteht dort, wo Menschen beginnen, Situationen als veränderbare Handlungskontexte zu begreifen. In diesem Sinn ist Freiheit immer situationsgebunden, und gerade darin konkret.
Situatives Handeln zeigt, warum Freiheit weder abstrakt noch voraussetzungslos gedacht werden kann. Sie existiert nur im Vollzug konkreter Entscheidungen, im Umgang mit Widerständen und in der Fähigkeit, unter gegebenen Bedingungen neue Handlungsmöglichkeiten zu erschließen.
Wenn Freiheit nicht als Abwesenheit von Kausalität verstanden wird, liegt es nahe, sie im Gegenteil in der Unterbrechung kausaler Abläufe zu suchen. Freiheit erscheint dann dort verortet, wo Handlungen nicht vollständig bestimmt sind, wo Zufall, Offenheit oder Indeterminismus ins Spiel kommen. Diese Vorstellung ist intuitiv attraktiv, sie hält einer genaueren Analyse jedoch nicht stand.
Zunächst gilt: Zufälligkeit erzeugt keine Handlungsfreiheit. Ein Geschehen, das ohne Ursache oder unabhängig von Gründen eintritt, ist nicht freier, sondern schlechter kontrollierbar. Es entzieht sich nicht nur der Vorhersage, sondern auch der Zuschreibung von Verantwortung. Wo Handlungen bloß zufällig entstehen, können sie weder gelernt noch korrigiert noch begründet werden. Indeterminismus mag Überraschungen erklären, aber keine Freiheit.
Diese Einsicht ist keineswegs neu. David Hume hat betont, dass Freiheit nicht im Gegensatz zur Kausalität steht, sondern im Gegensatz zu Zwang. Freiheit bedeutet für ihn, gemäß den eigenen Motiven handeln zu können, und Motive wirken nur dann handlungsleitend, wenn sie kausal wirksam sind (Hume, 1739). Auch Baruch Spinoza hat Freiheit nicht als Unverursachtheit verstanden, sondern als Einsicht in die Bedingungen des eigenen Handelns (Spinoza, 1677). Unfreiheit besteht nicht in Kausalität, sondern in Unwissenheit über sie.
Handlungstheoretisch lässt sich dieser Punkt weiter präzisieren. Donald Davidson hat gezeigt, dass Handlungen nur dann als solche gelten, wenn sie durch Gründe verursacht sind. Gründe sind dabei keine bloßen Rechtfertigungen im Nachhinein, sondern gehören zur kausalen Erklärung des Handelns selbst. Wird diese Verbindung gekappt, verliert der Handlungsbegriff seinen Sinn, und mit ihm der Freiheitsbegriff (Davidson, 1963).
Neurowissenschaftlich findet sich kein Hinweis darauf, dass Freiheit durch kausale Lücken entsteht. Selbst dort, wo neuronale Prozesse probabilistisch organisiert sind, handelt es sich nicht um reine Zufälligkeit, sondern um gewichtete Möglichkeiten innerhalb stabiler Regelkreise. Robert Sapolsky hat jüngst eindrücklich gezeigt, dass menschliches Verhalten tief in biologische, entwicklungsbedingte und soziale Kausalitäten eingebettet ist (Sapolsky, 2023). Doch aus dieser Determiniertheit folgt nicht der Verlust von Freiheit, sondern lediglich der Abschied von einer falschen Vorstellung von ihr.
Im Gegenteil: Freiheit setzt Verlässlichkeit voraus. Nur wenn Handlungen in einem gewissen Maß kausal stabil sind, können Erfahrungen gesammelt, Erwartungen gebildet und zukünftige Handlungen angepasst werden. Lernprozesse – und damit Freiheit – benötigen Kontinuität, nicht Unterbrechung. Ein vollständig indeterministisches System wäre nicht frei, sondern orientierungslos.
Hier schließt sich der Kreis zu John Dewey. Für Dewey ist Freiheit keine metaphysische Eigenschaft des Willens, sondern eine praktische Fähigkeit, die sich im Umgang mit Bedingungen ausbildet. Diese Fähigkeit wächst nicht trotz, sondern aufgrund kausaler Zusammenhänge. Nur weil Handlungen Folgen haben, können sie reflektiert, kritisiert und verändert werden.
Indeterminismus begründet daher keine Freiheit. Freiheit entsteht nicht dort, wo Ursachen fehlen, sondern dort, wo Menschen lernen, mit Ursachen umzugehen. Freiheit ist keine Lücke im Weltgeschehen, sondern eine Form seiner Nutzung.
Wenn Freiheit nicht im Bruch mit der Kausalität liegt, sondern im Umgang mit ihr, dann stellt sich die Frage, wo genau Freiheit praktisch ansetzt. Die Antwort lautet: in den Spielräumen, die sich innerhalb gegebener Bedingungen eröffnen. Diese Spielräume sind weder unbegrenzt noch beliebig, aber sie sind real. Sie entstehen dort, wo Situationen mehr als eine mögliche Fortsetzung zulassen und wo Menschen in der Lage sind, diese Möglichkeiten zu erkennen und zu nutzen.
John Dewey beschreibt diesen Zusammenhang mit Blick auf Gewohnheiten. Gewohnheiten sind für ihn keine starren Zwänge, sondern verfestigte Handlungsweisen, die Orientierung und Effizienz ermöglichen. Zugleich sind sie veränderbar. Freiheit besteht nicht darin, ohne Gewohnheiten zu handeln, sondern darin, Gewohnheiten zu unterbrechen, zu modifizieren oder neu ausbilden zu können, wenn Situationen es erfordern. Spielräume öffnen sich dort, wo Gewohntes nicht einfach reproduziert, sondern reflektiert und variiert wird (Dewey, 1929).
Neurowissenschaftlich lässt sich diese Offenheit gut begründen. Das menschliche Gehirn ist hochgradig plastisch. Lernprozesse verändern neuronale Gewichtungen, ohne die grundlegende Organisation des Systems aufzulösen. Wolf Singer hat wiederholt betont, dass diese Plastizität Voraussetzung für Anpassungsfähigkeit ist, und damit für Handlungsfreiheit. Spielräume sind Ausdruck dieser Plastizität:
Sie markieren den Bereich, in dem Erfahrungen in verändertes Handeln übersetzt werden können.
Auch aus phänomenologischer Perspektive lassen sich Spielräume als reale Erfahrungsdimension beschreiben. Für Thomas Fuchs entstehen Handlungsmöglichkeiten aus der leiblichen Einbindung in konkrete Situationen. Spielräume sind hier keine mentalen Optionen, sondern praktische Möglichkeiten, die sich im Zusammenspiel von Körper, Umwelt und sozialem Kontext zeigen. Sie sind spürbar als Spielraum des Tuns, nicht als abstrakte Wahl zwischen inneren Alternativen.
Freiheit besteht unter diesen Bedingungen darin, Spielräume nicht nur zu haben, sondern sie auch zu nutzen. Das setzt Aufmerksamkeit, Übung und Erfahrung voraus. Wer Spielräume nicht erkennt, bleibt auch dort unfrei, wo Alternativen objektiv vorhanden wären. Freiheit ist daher kein bloßes Angebot der Welt, sondern eine erlernte Fähigkeit, mit diesem Angebot umzugehen.
Spielräume zu nutzen bedeutet nicht, jede Möglichkeit auszuschöpfen, sondern angemessen zu handeln. Freiheit zeigt sich nicht in maximaler Offenheit, sondern in der Fähigkeit, Situationen sinnvoll zu strukturieren und aus begrenzten Optionen produktiv zu wählen. Gerade diese Begrenztheit macht Freiheit konkret: Sie zwingt zur Orientierung, zur Entscheidung und zur Verantwortung.
In diesem Sinn ist Freiheit weder grenzenlos noch fragil. Sie wächst mit der Fähigkeit, Spielräume innerhalb gegebener Bedingungen wahrzunehmen und zu erweitern. Freiheit ist kein Zustand jenseits der Ordnung, sondern eine lebendige Praxis innerhalb von Ordnung.
Wenn Freiheit als Handlungsfreiheit verstanden wird, dann stellt sich die Frage nach der Verantwortung neu. Verantwortung ist in diesem Rahmen kein metaphysisches Attribut eines autonomen Willens, sondern eine praktische Zuschreibung an handelnde Personen. Sie knüpft nicht an die Frage an, ob jemand jenseits aller Bedingungen hätte anders handeln können, sondern daran, ob jemand handeln, lernen und reagieren kann.
Verantwortung setzt Wirksamkeit voraus. Nur wer mit seinem Handeln etwas bewirkt, kann für dieses Handeln auch verantwortlich gemacht werden. Gerade deshalb ist es entscheidend, Freiheit nicht außerhalb der Kausalität zu verorten. Wo Handlungen keine verlässlichen Folgen haben, wo sie zufällig oder unverstehbar bleiben, verliert auch Verantwortung ihren Sinn. Verantwortung ist an die Kontinuität von Handlung und Folge gebunden.
Für John Dewey ist Verantwortung daher keine rückwärtsgewandte Schuldfrage, sondern eine zukunftsorientierte Praxis. Verantwortlich ist, wer in der Lage ist, aus den Folgen seines Handelns zu lernen und sein zukünftiges Handeln entsprechend zu verändern. Verantwortung richtet sich weniger auf vergangene Entscheidungen als auf die Fähigkeit, mit ihren Konsequenzen umzugehen. Sie ist Teil eines sozialen Lernprozesses, nicht das Urteil über einen metaphysischen Ursprung.
Diese Perspektive wird durch aktuelle Selbsttheorien gestützt. Ein wirksames Selbst ist keine unabhängige Instanz hinter dem Handeln, sondern ein stabilisierter, emergenter Bezugspunkt, der Handlungen über die Zeit hinweg zusammenhält.
Dan Zahavi hat gezeigt, dass ein minimaler Selbstbezug für jede Form von Verantwortungszuschreibung unverzichtbar ist. Verantwortung setzt voraus, dass Handlungen als eigene Handlungen erlebt und erinnert werden können, nicht, dass sie aus einem freien Willen im metaphysischen Sinn stammen (Zahavi, 2014).
Verantwortung ist damit weder Illusion noch Überforderung. Sie ist eine soziale Praxis, die darauf abzielt, Handlungsfähigkeit zu erhalten und zu erweitern. Indem Verantwortung zugeschrieben wird, werden Erwartungen formuliert, Lernprozesse angestoßen und Spielräume neu justiert. Verantwortung stabilisiert Freiheit, statt sie einzuschränken. In diesem Sinn gehört Verantwortung nicht trotz, sondern wegen der kausalen Einbettung menschlichen Handelns zu unserem Selbstverständnis. Gerade weil Handlungen erklärbar, vorhersagbar und veränderbar sind, können Menschen für sie verantwortlich gemacht werden. Handlungsfreiheit und Verantwortung gehören untrennbar zusammen.Verantwortung macht sichtbar, dass Freiheit nicht im Beliebigen liegt, sondern im bewussten Umgang mit den eigenen Handlungsmöglichkeiten.
Handlungsoptionen statt Illusionen und Rätsel
Die Frage nach der Freiheit verliert ihren rätselhaften Charakter, sobald sie nicht länger auf einen inneren Willensakt oder metaphysische Sonderstellungen zielt. Freiheit muss nicht gerettet, begründet oder gegen die Kausalität verteidigt werden. Sie wird sichtbar, sobald der Blick auf das gelenkt wird, was Menschen tatsächlich tun können: handeln, lernen, reagieren und ihr Handeln verändern.
Freiheit ist unter diesen Bedingungen weder Illusion noch Geheimnis. Sie ist auch kein absoluter Zustand, der entweder vorhanden ist oder fehlt. Freiheit zeigt sich vielmehr als Unterschied in der Qualität von Handlungsmöglichkeiten: darin, wie viele Optionen jemand erkennt, wie gut er sie einschätzen kann und wie flexibel er auf veränderte Bedingungen reagiert. Freiheit ist kein Alles-oder-nichts-Begriff, sondern graduell, situationsabhängig und entwickelbar.
Damit verschiebt sich auch der normative Gehalt des Freiheitsbegriffs. Entscheidend ist nicht, ob Handlungen theoretisch anders hätten ausfallen können, sondern ob Menschen praktisch in der Lage sind, ihr Handeln zu überprüfen und zu verändern. Wo diese Fähigkeit wächst, wächst auch Freiheit. Wo sie eingeschränkt ist, durch Unwissenheit, starre Routinen oder soziale Verhältnisse, schrumpfen die Spielräume der Freiheit ganz real.
Die hier entwickelte Perspektive verzichtet bewusst auf metaphysische Zusätze. Sie benötigt weder einen freien Willen im klassischen Sinn noch kausale Lücken im Weltgeschehen. Freiheit ist kein Sonderfall der Natur, sondern eine bestimmte Weise, in ihr zu handeln.
Freiheit entsteht dort, wo Menschen sich zu ihren Handlungsmöglichkeiten ins Verhältnis setzen können, reflektierend, lernend und verantwortend.
Nicht, weil Freiheit sich auf bloße Aktivität reduzieren ließe, sondern weil sie nur dort Gestalt annimmt, wo Handlungen folgenreich sind und verändert werden können.
Quellen:
Journal of Philosophy 60(23): 685–700.
Felix Meiner Verlag.
Penguin Random House.
Anmerkung:
Die Jahreszahlen in den Literaturangaben geben – abweichend vom üblichen APA-Style – das Jahr der Erstveröffentlichung, oder in historischen Quellen, das geschätzte Entstehungsjahr an, um die Texte auch Ad hoc historisch leicht einordnen zu können.