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Stabilität als Ereignis

 

Klassische Ontologien basieren auf unbewegten, statischen Grundformen. Das Sein wird dort beschrieben als Substanz, als Identität oder als etwas das Veränderungen erfahren kann aber selbst keinen Impuls zur Veränderung in sich trägt, etwas, das unabhängig von anderem existiert. Bewegung, Relation und Prozess erscheinen in diesem Rahmen als sekundäre Eigenschaften eines im Grunde stabilen Seienden. Diese Denkform hat eine lange Tradition, doch sie stößt an deutliche Grenzen, sobald Dynamik nicht nur beschrieben, sondern begründet werden soll.


Die Unzulänglichkeit statischer Ontologien

Der Blick auf das Wesen des Seins legt jedoch nahe, dass es kein letztes, unteilbares Element gibt, das als ontologischer Baustein für alles Existierende dienen könnte. Die Vorstellung eines solchen Fundaments – als Substanz, als Atom oder als elementare Einheit – erweist sich bei näherer Betrachtung als Denkfigur, die mehr verdeckt als erklärt. Denn jede vermeintlich isolierbare Einheit zeigt sich bei genauer Analyse als abhängig von Bedingungen, Relationen und Kontexten, ohne die sie nicht das wäre, was sie ist.

 
Wenn Prozesse nur als Veränderungen eines unveränderlichen Trägers verstanden werden, bleibt unklar, woher diese Veränderungen selbst stammen. Relationen erscheinen äußerlich, Prozesse abgeleitet, Ordnung vorausgesetzt. Die Welt wird so implizit als etwas gedacht, das bereits strukturiert ist, bevor überhaupt etwas geschieht. Dynamik wird damit erklärungsbedürftig.
 
Die Ausgangsfrage dieses Aufsatzes lautet daher: Wie lässt sich Sein denken, wenn Bewegung und Relationalität nicht nachträglich hinzukommen, sondern ontologisch grundlegend sind? Welche Begriffe erlauben es, Dynamik nicht als Ausnahme, sondern als Struktur des Seins selbst zu begreifen? Nicht die Einheit wird als ursprünglich betrachtet, sondern die Beziehung, nicht das Bestehen ist ursprünglich, sondern der Prozess.
 
Nagarjunas Einsicht

Diese Einsicht wird vom indischen Philosophen Nagarjuna mit besonderer Klarheit formuliert. Seine Analyse setzt genau da an, wo klassisches ontologisches Denken für  gewöhnlich Halt sucht: bei der Annahme eines eigenständigen Wesens (svabhāva). Nagarjuna zeigt, dass ein solches Eigenwesen nicht konsistent gedacht werden kann. Alles, was existiert, entsteht in Abhängigkeit von Bedingungen (pratītyasamutpāda) und besitzt keine aus sich selbst heraus bestehende Identität.

 

Der Begriff der Leere (śūnyatā) bringt diese Einsicht auf den Punkt. Leere bedeutet nicht Nichtssein, sondern die Abwesenheit ontologischer Selbstständigkeit. Phänomene sind leer, weil sie nur in relationalen Konstellationen entstehen und vergehen. Es gibt kein Sein „hinter“ diesen Relationen, keinen festen Träger, der sich durch die Veränderungen hindurch erhält.

 

Auch wenn Nagarjuna aus dieser Erkenntnis keine Ontologie ableitet und im Gegenteil, diese Einsicht nutzt, um Fixierungen und Verhaftungen an feste Vorstellungen zu lösen, hat seine Analyse einen nachhaltigen ontologischen Ertrag: Sie macht deutlich, dass Sein nicht unabhängig von seinen Relationen gedacht werden kann.

 
Prozess und Selbstkonstitution

Einige Philosophen, die wie Nagarjuna auf substanzontologische Fundamente verzichten, haben versucht, die daraus folgende Dynamik des Seins positiv zu beschreiben. Ich trage hier in einer Kurzübersicht  philosophische Ansätze zusammen, die davon ausgehen, dass alles Existierende sich in zeitlich strukturierten Prozessen selbst konstituiert.

 

Alfred North Whitehead bezeichnet die Selbstkonstitution als „concrescence“: Ereignisse entstehen, indem sie vielfältige Relationen zu einer momentanen Einheit zusammenziehen. Dauerhafte Dinge sind für Whitehead keine Grundelemente, sondern Abstraktionen aus stabilisierten Prozessmustern.

 

Henri Bergson beschreibt „Dauer“ als qualitative, unteilbare Bewegung. Sein ist hier kein Nebeneinander diskreter Zustände, sondern ein kontinuierliches Ineinander von Vergangenem und Gegenwärtigem. Die Zerlegung in feste Einheiten ist ein nachträglicher Akt des Denkens, nicht die Struktur der Wirklichkeit selbst.

 

Karen Barad radikalisiert die Relationalität, indem sie von „Intra-Aktionen“ spricht. Relationen setzen keine vorgegebenen Relata voraus, vielmehr entstehen beteiligte Größen erst im Vollzug des Geschehens. Phänomene sind keine Interaktionen zwischen bereits bestehenden Dingen, sondern Prozesse, in denen sich Bestimmtheiten erst herausbilden.

 

Sara Walker beschreibt mit der Assembly-Theorie, die sie zusammen mit Lee Cronin entwickelt, einen weiteren Aspekt: Dynamische Prozesse erzeugen neue Bedingungen ihrer eigenen Möglichkeit. Ordnung ist nicht bloß das Ergebnis von Dynamik, sondern kann selbst wieder dynamisch wirksam werden.

 

All diese Positionen teilen die Annahme, dass stabile Substanz sekundär ist. Was in unserer Welt als stabil erscheint, ist immer das Resultat von Prozessen.

 

Differenz und Wiederholung

Vor diesem Hintergrund wird Gilles Deleuze´s Vorstellung von der Dynamik des Seins verständlich. Deleuze begnügt sich nicht damit, Prozesse zu beschreiben, er macht Dynamik selbst zur ontologischen Realität. Sein ist bei ihm nichts, dem etwas widerfährt, sondern das, was im Werden geschieht.

 

Ausgangspunkt ist für Deleuze eine grundlegende Kritik an einem repräsentationalen Denken, welches das Sein nur über Identität und Wiedererkennbarkeit bestimmt. Dieses Denken verfehlt nach Deleuze das eigentlich Wirkliche. Das Wirkliche ist vielmehr die produktive Kraft der Differenz.

 

Deleuze fragt danach, welche Dynamiken messbare Dinge hervorbringen. Die Dynamiken, die er beobachtet vollziehen sich als Differenz. Im Vollzug der Differenz aktualisieren sich neue Qualitäten. Das was wir im Alltag als Differenz bezeichnen ist nur der Vorher-Nachher-Vergleich nicht der Prozess, der das Nachher hervorbringt. Wenn wir das Thermometer ablesen vergleichen wir Temperaturunterschiede und interessieren uns nicht für die molekularen Prozesse, die das eigentliche Wesen der Differenz ausmachen. Diese Prozesse sind aber genau das, was die Differenz charakterisiert. Die gemessene Temperaturdifferenz ist eine extensive Größe, das eigentliche Feld der Differenz liegt in den intensiven Prozessen, die diese Messbarkeit überhaupt erst hervorbringen.

 

Deleuze verschiebt damit den Blickwinkel von der Identität oder Nichtidentität zweier Zustände auf den Prozess. Differenz ist also nicht der Unterschied zwischen Dingen sondern das konkrete Geschehen, durch das Dinge sich verändern und Neues hervorbringen.

 

Differenz ist nicht das, was zwischen fertigen Dingen liegt, sondern das wodurch Dinge überhaupt erst stabil erscheinen. Identität oder Nichtidentität sind Nebeneffekte von Differenz. Differenz ist primär, nicht Identität.

 

Die Frage nach dem „Ursprung“ der Differenz ist selbst ein Effekt der Differenz. Sobald man einen Ursprung postuliert hat man bereits Identität vor Differenz gesetzt. Aber es gibt keinen Ursprung, es gibt keinen Anfangszustand des Seins. Sein ist Werden. Werden ist nicht zeitlich lokalisiert sondern ontologisch grundlegend. Sein ist nicht das Selbe, das sich verändert, sondern ein Feld intensiver Differenzen, aus dem sich temporäre Stabilitäten ergeben.

 

Auch Wiederholung erhält in diesem Kontext eine neue Bedeutung. Sie ist keine Rückkehr des Identischen, sondern eine produktive Wiederholung, in der sich Differenz jeweils neu aktualisiert. Identität ist nicht Ursprung, sondern Effekt. Was als gleich erscheint, ist das Resultat einer dynamischen Stabilisierung.

 
Damit wird verständlich, wie Ordnung entstehen kann, ohne vorausgesetzt zu sein. Sie ist kein Gegenpol zur Dynamik, sondern ihr Produkt. Zentral für Deleuzes Ontologie ist der Gedanke der Immanenz. Prozesse verweisen nicht auf einen äußeren Ordnungsrahmen, kein transzendentes Gesetz und keinen übergeordneten Maßstab. Sie erzeugen ihre Bedingungen selbst. Ordnung entsteht im Vollzug, nicht durch äußere Regulation. Diese Immanenz hat weitreichende Konsequenzen. Wenn es keinen äußeren Rahmen gibt, dann gibt es auch keinen privilegierten Anfangszustand und keinen Endpunkt, auf den alles zuläuft. Dynamik ist nicht zielgerichtet im Sinne einer vorgegebenen Teleologie. Sie ist offen, produktiv und unabschließbar. Wenn Differenz ontologisch primär ist und Identität nur als Effekt erscheint, dann kann Sein nicht anders gedacht werden als Werden.
 
Werden
Die Grundbewegung allen Seins ist das Werden. Das Werden ist keine Phase zwischen zwei Zuständen sondern die ontologische Grundbewegung selbst. Es gibt keinen Anfang, keinen Abschluss und keinen äußeren Maßstab, an dem das Geschehen gemessen werden könnte. Werden ist die kontinuierliche Transformation von Relationen.
 
In diesem Werden gibt es keine Träger. Was wir als Dinge, Subjekte oder Strukturen bezeichnen, sind temporäre Verdichtungen innerhalb eines fortlaufenden Geschehens. Sie entstehen, stabilisieren sich und lösen sich wieder auf. Sein ist daher nicht das, was bleibt, sondern das, was sich jeweils vollzieht.
 
Ontologie verschiebt sich damit grundlegend. Sie beschreibt nicht länger Bestände, sondern Dynamiken. Sein ist kein Fundament, sondern ein Ereigniszusammenhang, offen, relational und in ständiger Transformation.
 
Die Dynamik des Seins lässt sich nicht auf ein letztes Element, eine letzte Einheit oder ein fundamentales Prinzip zurückführen. Was existiert, existiert relational, prozessual und im Werden. Stabilität ist ein Ereignis, kein Zustand, Ordnung ist ein Effekt, kein Ausgangspunkt.
 
Quellen:
Barad, K. (2007). Meeting the Universe Halfway. Durham & London,
Duke University Press.
Bergson, H. (1912). Schöpferische Entwicklung. Jena, Eugen Diederichs.
Bergson, H. (1922). Dauer und Gleichzeitigkeit. Hamburg, Fundus.
Deleuze, G. (1968). Difference and Repetition. New York, Bloomsbury Academic.
Deleuze, G. (1968). Differenz und Wiederholung. München, Wilhelm Fink Verlag.
Nagarjuna (200 n.Chr.). Die Lehre von der Mitte. Hamburg, Meiner – 2010.
Sharma, A., et al. (2023). „Assembly theory explains and quantifies selection and evolution.“ Nature 622: 321–328.
Walker, S. I. (2024). Life as no one knows it. New York, Riverhead Books.
Westerhoff, J. (2009). Nāgārjuna’s Madhyamaka. Oxford, Oxford University Press.
Whitehead, A. N. (1929). Process and Reality. New York, The Free Press – 1978.

 

 

 

Anmerkung:

Die Jahreszahlen in den Literaturangaben geben – abweichend vom üblichen APA-Style – das Jahr der Erstveröffentlichung, oder in historischen Quellen, das geschätzte Entstehungsjahr an, um die Texte auch Ad hoc historisch leicht einordnen zu können.