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Stabilität als Ereignis
Klassische Ontologien basieren auf unbewegten, statischen Grundformen. Das Sein wird dort beschrieben als Substanz, als Identität oder als etwas das Veränderungen erfahren kann aber selbst keinen Impuls zur Veränderung in sich trägt, etwas, das unabhängig von anderem existiert. Bewegung, Relation und Prozess erscheinen in diesem Rahmen als sekundäre Eigenschaften eines im Grunde stabilen Seienden. Diese Denkform hat eine lange Tradition, doch sie stößt an deutliche Grenzen, sobald Dynamik nicht nur beschrieben, sondern begründet werden soll.
Die Unzulänglichkeit statischer Ontologien
Der Blick auf das Wesen des Seins legt jedoch nahe, dass es kein letztes, unteilbares Element gibt, das als ontologischer Baustein für alles Existierende dienen könnte. Die Vorstellung eines solchen Fundaments – als Substanz, als Atom oder als elementare Einheit – erweist sich bei näherer Betrachtung als Denkfigur, die mehr verdeckt als erklärt. Denn jede vermeintlich isolierbare Einheit zeigt sich bei genauer Analyse als abhängig von Bedingungen, Relationen und Kontexten, ohne die sie nicht das wäre, was sie ist.
Diese Einsicht wird vom indischen Philosophen Nagarjuna mit besonderer Klarheit formuliert. Seine Analyse setzt genau da an, wo klassisches ontologisches Denken für gewöhnlich Halt sucht: bei der Annahme eines eigenständigen Wesens (svabhāva). Nagarjuna zeigt, dass ein solches Eigenwesen nicht konsistent gedacht werden kann. Alles, was existiert, entsteht in Abhängigkeit von Bedingungen (pratītyasamutpāda) und besitzt keine aus sich selbst heraus bestehende Identität.
Der Begriff der Leere (śūnyatā) bringt diese Einsicht auf den Punkt. Leere bedeutet nicht Nichtssein, sondern die Abwesenheit ontologischer Selbstständigkeit. Phänomene sind leer, weil sie nur in relationalen Konstellationen entstehen und vergehen. Es gibt kein Sein „hinter“ diesen Relationen, keinen festen Träger, der sich durch die Veränderungen hindurch erhält.
Auch wenn Nagarjuna aus dieser Erkenntnis keine Ontologie ableitet und im Gegenteil, diese Einsicht nutzt, um Fixierungen und Verhaftungen an feste Vorstellungen zu lösen, hat seine Analyse einen nachhaltigen ontologischen Ertrag: Sie macht deutlich, dass Sein nicht unabhängig von seinen Relationen gedacht werden kann.
Einige Philosophen, die wie Nagarjuna auf substanzontologische Fundamente verzichten, haben versucht, die daraus folgende Dynamik des Seins positiv zu beschreiben. Ich trage hier in einer Kurzübersicht philosophische Ansätze zusammen, die davon ausgehen, dass alles Existierende sich in zeitlich strukturierten Prozessen selbst konstituiert.
Alfred North Whitehead bezeichnet die Selbstkonstitution als „concrescence“: Ereignisse entstehen, indem sie vielfältige Relationen zu einer momentanen Einheit zusammenziehen. Dauerhafte Dinge sind für Whitehead keine Grundelemente, sondern Abstraktionen aus stabilisierten Prozessmustern.
Henri Bergson beschreibt „Dauer“ als qualitative, unteilbare Bewegung. Sein ist hier kein Nebeneinander diskreter Zustände, sondern ein kontinuierliches Ineinander von Vergangenem und Gegenwärtigem. Die Zerlegung in feste Einheiten ist ein nachträglicher Akt des Denkens, nicht die Struktur der Wirklichkeit selbst.
Karen Barad radikalisiert die Relationalität, indem sie von „Intra-Aktionen“ spricht. Relationen setzen keine vorgegebenen Relata voraus, vielmehr entstehen beteiligte Größen erst im Vollzug des Geschehens. Phänomene sind keine Interaktionen zwischen bereits bestehenden Dingen, sondern Prozesse, in denen sich Bestimmtheiten erst herausbilden.
Sara Walker beschreibt mit der Assembly-Theorie, die sie zusammen mit Lee Cronin entwickelt, einen weiteren Aspekt: Dynamische Prozesse erzeugen neue Bedingungen ihrer eigenen Möglichkeit. Ordnung ist nicht bloß das Ergebnis von Dynamik, sondern kann selbst wieder dynamisch wirksam werden.
All diese Positionen teilen die Annahme, dass stabile Substanz sekundär ist. Was in unserer Welt als stabil erscheint, ist immer das Resultat von Prozessen.
Differenz und Wiederholung
Vor diesem Hintergrund wird Gilles Deleuze´s Vorstellung von der Dynamik des Seins verständlich. Deleuze begnügt sich nicht damit, Prozesse zu beschreiben, er macht Dynamik selbst zur ontologischen Realität. Sein ist bei ihm nichts, dem etwas widerfährt, sondern das, was im Werden geschieht.
Ausgangspunkt ist für Deleuze eine grundlegende Kritik an einem repräsentationalen Denken, welches das Sein nur über Identität und Wiedererkennbarkeit bestimmt. Dieses Denken verfehlt nach Deleuze das eigentlich Wirkliche. Das Wirkliche ist vielmehr die produktive Kraft der Differenz.
Deleuze fragt danach, welche Dynamiken messbare Dinge hervorbringen. Die Dynamiken, die er beobachtet vollziehen sich als Differenz. Im Vollzug der Differenz aktualisieren sich neue Qualitäten. Das was wir im Alltag als Differenz bezeichnen ist nur der Vorher-Nachher-Vergleich nicht der Prozess, der das Nachher hervorbringt. Wenn wir das Thermometer ablesen vergleichen wir Temperaturunterschiede und interessieren uns nicht für die molekularen Prozesse, die das eigentliche Wesen der Differenz ausmachen. Diese Prozesse sind aber genau das, was die Differenz charakterisiert. Die gemessene Temperaturdifferenz ist eine extensive Größe, das eigentliche Feld der Differenz liegt in den intensiven Prozessen, die diese Messbarkeit überhaupt erst hervorbringen.
Deleuze verschiebt damit den Blickwinkel von der Identität oder Nichtidentität zweier Zustände auf den Prozess. Differenz ist also nicht der Unterschied zwischen Dingen sondern das konkrete Geschehen, durch das Dinge sich verändern und Neues hervorbringen.
Differenz ist nicht das, was zwischen fertigen Dingen liegt, sondern das wodurch Dinge überhaupt erst stabil erscheinen. Identität oder Nichtidentität sind Nebeneffekte von Differenz. Differenz ist primär, nicht Identität.
Die Frage nach dem „Ursprung“ der Differenz ist selbst ein Effekt der Differenz. Sobald man einen Ursprung postuliert hat man bereits Identität vor Differenz gesetzt. Aber es gibt keinen Ursprung, es gibt keinen Anfangszustand des Seins. Sein ist Werden. Werden ist nicht zeitlich lokalisiert sondern ontologisch grundlegend. Sein ist nicht das Selbe, das sich verändert, sondern ein Feld intensiver Differenzen, aus dem sich temporäre Stabilitäten ergeben.
Auch Wiederholung erhält in diesem Kontext eine neue Bedeutung. Sie ist keine Rückkehr des Identischen, sondern eine produktive Wiederholung, in der sich Differenz jeweils neu aktualisiert. Identität ist nicht Ursprung, sondern Effekt. Was als gleich erscheint, ist das Resultat einer dynamischen Stabilisierung.
Duke University Press.
Anmerkung: