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Über Zeichen, Metaphern und Theorien

Alles, was wir über die Welt wissen, erschließt sich uns nicht unmittelbar, sondern immer vermittelt: durch Wahrnehmung, Begriffe und Modelle. Erkenntnis ist kein direkter Zugriff auf die Welt, sondern ein Prozess der Deutung. Sprache hat keine unmittelbare Verknüpfung mit der Welt außerhalb unseres Bewusstseins. Wie können wir dann trotzdem sinnvoll von Wahrheit, Erkenntnis und Verstehen sprechen? Diese Frage versuche ich in diesem Aufsatz zu beantworten, um gleichzeitig deutlich zu machen, dass Sprache das zentrale Medium ist, in dem sich alle Welterkenntnis vollzieht.

Vermittlung
Wir sehen Dinge, hören Geräusche, erkennen Zusammenhänge. Doch schon eine einfache Reflexion zeigt, dass Wahrnehmung allein keine Erkenntnis darstellt. Wahrnehmungen sind roh, flüchtig und mehrdeutig. Erst durch Begriffe, Unterscheidungen und Deutungen werden sie zu Verstehbarem.

Erkenntnis setzt deshalb immer Vermittlung voraus. Zwischen Welt und Erkenntnis tritt ein Medium als Sprache, Theorie oder Symbolsystem. Diese Vermittlung ist kein bloßes Hilfsmittel, das man im Prinzip auch weglassen könnte, sondern eine konstitutive Bedingung von Erkenntnis selbst. Eine „unmittelbare“ Erkenntnis der Welt wäre begriffslos, stumm und damit epistemisch leer.

 

Erkenntnis als Zeichenprozess

Charles Peirce versteht Denken grundsätzlich als einen Prozess des Zeichengebrauchs. Für ihn ist ein Zeichen niemals eine isolierte Einheit, sondern eine relationale Struktur aus drei Momenten: dem Zeichen selbst, seinem Objekt und dem Interpretanten. Bedeutung entsteht nicht dadurch, dass ein Zeichen einfach auf ein Objekt verweist, sondern dadurch, dass es in einem fortlaufenden Interpretationsprozess verwendet wird (Peirce, 1912).

 

Erkenntnis ist in diesem Sinne kein Abbilden der Welt, sondern ein dynamischer Vorgang der Bedeutungszuschreibung. Jedes Zeichen verweist auf weitere Zeichen, jede Interpretation erzeugt neue Interpretationen. Wahrheit ist daher kein statischer Zustand, sondern das regulative Ideal eines offenen Erkenntnisprozesses.
In seinem berühmten Aufsatz „How to Make Our Ideas Clear“ verbindet Peirce diese Zeichentheorie mit einem pragmatischen Wahrheitsbegriff (Peirce, 1878). Der Sinn eines Begriffs zeigt sich in seinen praktischen Konsequenzen. Verstehen heißt, zu wissen, wie ein Begriff im Handeln und Denken wirksam wird. Erkenntnis ist damit grundsätzlich fallibel: Sie kann verbessert, präzisiert oder revidiert werden.

Die Welt erscheint bei Peirce nicht als stummes Gegebenes, sondern als etwas, das nur im Medium von Zeichen zugänglich ist.

 

Metapher als Schutzraum

Während Peirce die formale Struktur von Zeichen analysiert, richtet Hans Blumenberg den Blick auf eine besondere Form sprachlicher Vermittlung: die Metapher. In seinem Buch „Die Lesbarkeit der Welt“ zeigt er, dass Metaphern nicht bloß rhetorische Ausschmückungen sind, sondern eine grundlegende Funktion im menschlichen Weltverhältnis erfüllen (Blumenberg, 1981).

 

Blumenberg argumentiert, dass der Mensch mit einer prinzipiell unüberschaubaren, bedrohlichen und unverfügbaren Welt konfrontiert ist. Sprache, und insbesondere Metaphern, ermöglichen es, diese Unbestimmtheit zu strukturieren, ohne sie vollständig aufzulösen. Metaphern schaffen Orientierungsräume, in denen das Unbekannte zumindest benennbar wird. Besonders wichtig sind dabei sogenannte „absolute Metaphern“. Sie lassen sich nicht vollständig in begriffliche Sprache übersetzen, sondern markieren Grenzstellen des Denkens. Bilder wie Licht, Grund, Horizont oder Buch eröffnen Verständnishorizonte, ohne sie endgültig festzulegen.

Die Lesbarkeit der Welt ist für Blumenberg daher keine objektive Eigenschaft der Welt selbst, sondern eine kulturelle Leistung. Indem Menschen Metaphern entwickeln, machen sie sich die Welt erzählbar und damit erträglich.

 

Die Welt als Bibliothek

Eine eindrucksvolle Metapher für die begrenzte Lesbarkeit der Welt findet sich bei Albert Einstein. In einem Gespräch mit George Sylvester Viereck beschreibt er das menschliche Erkenntnisverhältnis anhand des Bildes eines Kindes, das eine riesige Bibliothek betritt (Viereck, 1930, S.373):

 

„The human mind, no matter how highly trained, cannot grasp the universe. We are in the position of a little child, entering a huge library, whose walls are covered to the ceiling with books in many different tongues. The child knows that someone must have written those books. It does not know who or how. It does not understand the languages in which they are written.
The child notes a definite plan in the arrangement of the books, a mysterious order, which it does not comprehend, but only dimly suspects. That, it seems to me, is the attitude of the human mind, even the greatest and most cultured, toward God.

We see a universe marvellously arranged, obeying certain laws, but we understand the laws only dimly. Our limited minds cannot grasp the mysterious force that sways the constellations.“ (Einstein in Viereck, 1930, S. 373)

 

Einstein betont hier anschaulich, dass wir Ordnung, Gesetzmäßigkeit und Struktur offensichtlich wahrnehmen, ohne die zugrunde liegenden Sprachen vollständig zu verstehen. Die Welt erscheint als sinnvoll geordnet, aber nicht vollständig entschlüsselbar.

 

Dieses Bild verbindet wissenschaftliche Demut mit rationalem Vertrauen. Die Welt ist nicht chaotisch, aber ihre Ordnung übersteigt unsere unmittelbaren kognitiven Fähigkeiten. Erkenntnis bedeutet hier nicht Besitz von Wahrheit, sondern Annäherung an ein nur teilweise lesbares Ganzes.

 

Im Lichte von Blumenbergs Metapherntheorie wird deutlich, dass Einsteins Bild mehr ist als ein poetischer Vergleich. Es ist ein Versuch, das Verhältnis von Erkenntnis, Ordnung und Unverfügbarkeit sprachlich zu stabilisieren.

 

Erkenntnis als gute Erklärung
Statt vor diesem Hintergrund eine skeptische Haltung gegenüber der Welt und ihrer Unverfügbarkeit einzunehmen, ziehen Karl Popper und David Deutsch methodologische Konsequenzen. Popper verabschiedet die Idee einer sicheren Begründung von Erkenntnis. Wissen ist für ihn grundsätzlich hypothetisch. Theorien sind Versuche, die Welt zu erklären, die sich im Lichte von Kritik und Erfahrung bewähren müssen oder scheitern können. Objektive Erkenntnis ist möglich, aber nur als kritischer Prozess ohne endgültige Gewissheit (Popper, 1934).

Deutsch knüpft daran an und verschärft den positiven Aspekt dieser Haltung. In seinem Buch „The Beginning of Infinity“ betont er, dass es trotz der prinzipiellen Unabschließbarkeit des Wissens echten Erkenntnisfortschritt gibt. Entscheidend sind nicht Wahrheiten im absoluten Sinn, sondern „gute Erklärungen“: solche, die viel erklären, schwer variierbar sind und sich bewähren (Deutsch, 2011).

 

Die Welt ist unendlich reich aber niemals vollständig lesbar. Doch genau darin liegt die Möglichkeit unbegrenzten Erkenntnisfortschritts.

 

 

Fazit

Zwischen Welt und Erkenntnis stehen Zeichen, Metaphern und Theorien. Sie trennen uns von der Welt und machen sie zugleich erst zugänglich.

 

 

Quellen:
Blumenberg, H. (1981). Die Lesbarkeit der Welt. Frankfurt am Main, Suhrkamp.
Deutsch, D. (2011). The Beginning of Infinity. London, Penguin.
Peirce, C. S. (1878). „How to make our ideas clear.“
Popular Science Monthly(12): 286–302.
Peirce, C. S. and J. Hoopes (1912). Peirce on Signs. Chapel Hill and London, University of North Carolina Press.
Popper, K. (1956). Realism and the Aim of Science. New York, Routledge.
Popper, K. (1972). Objektive Erkenntnis. Hamburg, Hoffmann und Campe.
Popper, K. R. (1934). Logik der Forschung. Tübingen, J.C.B. Mohr – 1973.
Viereck, G. S. (1930). Glimpses of the Great. London, Duckworth.

 

Anmerkung:

Die Jahreszahlen in den Literaturangaben geben – abweichend vom üblichen APA-Style – das Jahr der Erstveröffentlichung, oder in historischen Quellen, das geschätzte Entstehungsjahr an, um die Texte auch Ad hoc historisch leicht einordnen zu können.