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Über Zeichen, Metaphern und Theorien
Alles, was wir über die Welt wissen, erschließt sich uns nicht unmittelbar, sondern immer vermittelt: durch Wahrnehmung, Begriffe und Modelle. Erkenntnis ist kein direkter Zugriff auf die Welt, sondern ein Prozess der Deutung. Sprache hat keine unmittelbare Verknüpfung mit der Welt außerhalb unseres Bewusstseins. Wie können wir dann trotzdem sinnvoll von Wahrheit, Erkenntnis und Verstehen sprechen? Diese Frage versuche ich in diesem Aufsatz zu beantworten, um gleichzeitig deutlich zu machen, dass Sprache das zentrale Medium ist, in dem sich alle Welterkenntnis vollzieht.
Erkenntnis setzt deshalb immer Vermittlung voraus. Zwischen Welt und Erkenntnis tritt ein Medium als Sprache, Theorie oder Symbolsystem. Diese Vermittlung ist kein bloßes Hilfsmittel, das man im Prinzip auch weglassen könnte, sondern eine konstitutive Bedingung von Erkenntnis selbst. Eine „unmittelbare“ Erkenntnis der Welt wäre begriffslos, stumm und damit epistemisch leer.
Charles Peirce versteht Denken grundsätzlich als einen Prozess des Zeichengebrauchs. Für ihn ist ein Zeichen niemals eine isolierte Einheit, sondern eine relationale Struktur aus drei Momenten: dem Zeichen selbst, seinem Objekt und dem Interpretanten. Bedeutung entsteht nicht dadurch, dass ein Zeichen einfach auf ein Objekt verweist, sondern dadurch, dass es in einem fortlaufenden Interpretationsprozess verwendet wird (Peirce, 1912).
Die Welt erscheint bei Peirce nicht als stummes Gegebenes, sondern als etwas, das nur im Medium von Zeichen zugänglich ist.
Während Peirce die formale Struktur von Zeichen analysiert, richtet Hans Blumenberg den Blick auf eine besondere Form sprachlicher Vermittlung: die Metapher. In seinem Buch „Die Lesbarkeit der Welt“ zeigt er, dass Metaphern nicht bloß rhetorische Ausschmückungen sind, sondern eine grundlegende Funktion im menschlichen Weltverhältnis erfüllen (Blumenberg, 1981).
Die Lesbarkeit der Welt ist für Blumenberg daher keine objektive Eigenschaft der Welt selbst, sondern eine kulturelle Leistung. Indem Menschen Metaphern entwickeln, machen sie sich die Welt erzählbar und damit erträglich.
Eine eindrucksvolle Metapher für die begrenzte Lesbarkeit der Welt findet sich bei Albert Einstein. In einem Gespräch mit George Sylvester Viereck beschreibt er das menschliche Erkenntnisverhältnis anhand des Bildes eines Kindes, das eine riesige Bibliothek betritt (Viereck, 1930, S.373):
We see a universe marvellously arranged, obeying certain laws, but we understand the laws only dimly. Our limited minds cannot grasp the mysterious force that sways the constellations.“ (Einstein in Viereck, 1930, S. 373)
Einstein betont hier anschaulich, dass wir Ordnung, Gesetzmäßigkeit und Struktur offensichtlich wahrnehmen, ohne die zugrunde liegenden Sprachen vollständig zu verstehen. Die Welt erscheint als sinnvoll geordnet, aber nicht vollständig entschlüsselbar.
Dieses Bild verbindet wissenschaftliche Demut mit rationalem Vertrauen. Die Welt ist nicht chaotisch, aber ihre Ordnung übersteigt unsere unmittelbaren kognitiven Fähigkeiten. Erkenntnis bedeutet hier nicht Besitz von Wahrheit, sondern Annäherung an ein nur teilweise lesbares Ganzes.
Im Lichte von Blumenbergs Metapherntheorie wird deutlich, dass Einsteins Bild mehr ist als ein poetischer Vergleich. Es ist ein Versuch, das Verhältnis von Erkenntnis, Ordnung und Unverfügbarkeit sprachlich zu stabilisieren.
Deutsch knüpft daran an und verschärft den positiven Aspekt dieser Haltung. In seinem Buch „The Beginning of Infinity“ betont er, dass es trotz der prinzipiellen Unabschließbarkeit des Wissens echten Erkenntnisfortschritt gibt. Entscheidend sind nicht Wahrheiten im absoluten Sinn, sondern „gute Erklärungen“: solche, die viel erklären, schwer variierbar sind und sich bewähren (Deutsch, 2011).
Die Welt ist unendlich reich aber niemals vollständig lesbar. Doch genau darin liegt die Möglichkeit unbegrenzten Erkenntnisfortschritts.
Zwischen Welt und Erkenntnis stehen Zeichen, Metaphern und Theorien. Sie trennen uns von der Welt und machen sie zugleich erst zugänglich.
Popular Science Monthly(12): 286–302.
Anmerkung: