Jahre
Die Form des Wirklichen
in der Ontologie des Spiels
Beim Blick in den Sternenhimmel erahnen wir, dass es keinen Ort und keinen Zeitpunkt geben kann, der einen konkreten Anfang oder das Ende von Raum und Zeit markiert. Eine ähnliche Erfahrung machen wir beim Abzählen immer kleiner werdender Abstände am Zahlenstrahl. Egal wie klein eine Zahl zwischen 0 und 1 ist, es gibt immer eine kleinere Zahl, die zwischen zwei immer kleiner werdende Abstände passt. Ein Ende ist nicht abzusehen. Unendlichkeiten scheinen selbstverständlicher Bestandteil unseres Alltags zu sein.
Mathematische Unendlichkeit
Zahlreiche zeitgenössische Positionen zeigen (insbesondere Linnebo, 2018; Hamkins, 2020; Maddy, 2011), dass selbst die mathematische „aktuale Unendlichkeit“ letztlich als strukturelle Möglichkeit und nicht als ontologische Setzung verstanden werden muss. Eine transfinite Menge existiert nicht als kosmischer Gegenstand, sondern als definierter Spielraum innerhalb eines formalen Systems. Das bedeutet: Die mathematische Unendlichkeit ist ein Modell der Unabschließbarkeit, kein Beleg für die Existenz unendlicher Gegenstände.
Wer mit Unendlichkeit ontologisch hantiert, ohne den formalen Charakter der mathematischen Konstruktionen zu reflektieren, vermischt strukturelle und ontologische Ebenen. Eine prozessuale Ontologie darf die mathematische Unendlichkeit daher nicht als ontologisches Argument nutzen, wohl aber als Modell für das Verständnis prozessualer Offenheit.
Kosmologische Unendlichkeit
Nicht-Abschließbarkeit
Für eine Ontologie des Spiels, die die Wirklichkeit nicht als statisches Ganzes, sondern als emergierenden, relationalen Prozess beschreibt, besitzt Unendlichkeit eine spezifische Bedeutung. Sie verweist nicht auf die Größe des Universums, nicht auf die Anzahl möglicher Welten und auch nicht auf eine transzendente metaphysische Sphäre. Unendlichkeit bezeichnet vielmehr das Fehlen eines finalen oder initialen Zustands. Dieses Fehlen ist nicht kontingent, sondern strukturell: Ein Anfang wäre bereits ein vollständig bestimmter Zustand. Ein Ende wäre die endgültige Schließung aller Möglichkeiten. Beides widerspricht dem prozessualen Charakter des Wirklichen, der sich gerade dadurch auszeichnet, dass er nie zu einem abgeschlossenen Ganzen gerinnt. Das Wirkliche ist nicht unendlich groß, sondern unbegrenzt.
Unendlichkeit ist hier also kein ontologisches Prädikat eines Gegenstandes, sondern ein Modus der Seinsweise: die prinzipielle Nicht-Abschließbarkeit des Prozesses. In diesem Sinne ist sie auch kein numerischer oder quantitativer Begriff, sondern ein modaler Begriff. Unendlichkeit bezeichnet das, was nicht unter eine endliche Bestimmung subsumiert werden kann, weil sein Sein sich nicht in einer Finalstruktur erschöpft.
Emergenz
Emergenz setzt notwendig eine offene Struktur voraus: ein Möglichkeitsfeld, das nicht vollständig präformiert ist, und eine Dynamik, die interne Differenzen generieren kann, die zuvor nicht real vorlagen. Jede emergente Erscheinung ist daher nur möglich, wenn der Prozess, aus dem sie hervorgeht, nicht durch eine initiale oder finale Grenzbestimmung fixiert ist. Unendlichkeit bezeichnet die strukturelle Offenheit dieses Möglichkeitsfeldes. Einzelne Vorgänge im Kosmos sind zeitlich begrenzt, sie beginnen und enden. Der kosmische Prozess als Ganzes jedoch ist nicht durch Anfang oder Ende bestimmt. Seine Unendlichkeit bedeutet nicht unendliche Dauer, sondern unabschließbare Offenheit. Was in der Zeit geschieht, ist endlich. Was die Zeit hervorbringt, ist prozesshaft offen und grenzenlos.
Das bedeutet: Die Unendlichkeit des kosmischen Prozesses ist nicht zeitlich, sondern ontologisch. Zeitlich ist jeder Prozess endlich, ontologisch ist er unabschließbar. Diese Unabschließbarkeit ist die Bedingung dafür, dass Neues entstehen kann, nicht als Exzess des Seins, sondern als Modus seiner fortlaufenden Selbstdifferenzierung.
Historische Positionen
Historisch lassen sich zwei große Linien im Denken über Unendlichkeit unterscheiden: jene, die Unendlichkeit als lebendige Offenheit des Wirklichen begreift, und jene, die versucht, sie durch formale Mittel begrifflich zu zähmen.
Giordano Bruno vertritt klar die erste Linie: Für ihn ist das Universum unendlich, nicht weil es räumlich grenzenlos wäre, sondern weil es als schöpferischer Prozess niemals abgeschlossen sein kann. Sein „Unendliches“ ist ein Ausdruck der metaphysischen Produktivität des Kosmos, einer Realität, die sich niemals zu einem abgeschlossenen Ganzen zusammenschließt (Bruno, 1584).
Georg Cantor hingegen stellt die zweite Linie dar: Er formalisiert das Unendliche mathematisch und zeigt, dass es nicht ein einziges Unendliches gibt, sondern eine transfinite Vielheit verschiedener Größenordnungen. Cantors Ansatz befreit das Denken gleich doppelt: Er zeigt, dass das Unendliche mathematisch präzise behandelbar ist, also nicht nebulös bleiben muss, und zugleich öffnet er den Blick dafür, dass es nicht nur ein Unendliches gibt, sondern eine unendliche Hierarchie davon. Das Unendliche wird dadurch nicht begrenzt, sondern strukturiert; seine Offenheit bleibt bestehen, aber sie wird unterscheidbar und denkbar
(Bandmann, 1992).
David Deutsch verbindet beide Linien auf moderne Weise: In „The Beginning of Infinity“ argumentiert er, dass Fortschritt, Erkenntnis und Erklärung prinzipiell unabschließbar sind. Für Deutsch ist Unendlichkeit kein metaphysischer Größenwahn, sondern eine Eigenschaft erklärbarer Welten: Jede Erklärung öffnet den Raum für weitere, und dieser Prozess endet nicht (Deutsch, 2011).
Benoît B. Mandelbrot schließlich führt das Unendliche in die Natur zurück: In seinen Fraktalen zeigt sich, dass selbst scheinbar endliche Dinge, wie die Küste Englands, eine unendliche strukturelle Tiefe besitzen, wenn man sie genauer betrachtet. Mandelbrots Einsicht lautet: Das Unendliche ist nicht „jenseits“ der Welt, sondern in ihr eingeschrieben, sichtbar in der unerschöpflichen Detailtiefe natürlicher Formen (Mandelbrot, 1987).
Eine final festgelegte Welt würde keine echten Übergänge kennen, keine strukturelle Innovation, keine kreative Dynamik. Eine offene Welt dagegen erlaubt das Auftreten neuer Beziehungen, neuer Muster und neuer Ordnungen. Das ist die Welt, die ich erlebe. Diese Offenheit ist weder räumlich noch zeitlich gemeint, sondern als strukturelle Nicht-Abschließbarkeit des Wirklichen. In der Ontologie des Spiels nennt sich diese Offenheit „Unendlichkeit“.
Quellen:
Ditzingen, Reclam -1994.
Mandelbrot, B. B. (1987). Die fraktale Geometrie der Natur. Basel – Boston,
Birkhäuser Verlag.