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1. Naturwissenschaft

In der klassischen Physik Newtons war Materie klar definiert: materielle Körper besitzen Masse, füllen Raum aus und bewegen sich durch Kräfte. Dieser Ansatz dominierte die Naturwissenschaften bis ins 19. Jahrhundert. Doch bereits die Einführung elektromagnetischer Felder durch Faraday und Maxwell erschütterte dieses Weltbild. Felder verhielten sich wie reale Entitäten, obwohl sie nicht stofflich waren. Materie erschien nun als etwas, das nicht ausschließlich aus Teilchen besteht, sondern in Wechselwirkung mit immateriellen, aber physikalisch wirksamen Strukturen steht.

Damit verschob sich der ontologische Status der Materie: Sie war nicht länger die Grundsubstanz der Welt, sondern eines von mehreren Phänomenen, die durch fundamentale Felder und Kräfte erklärbar sind.

Mit der Quantenmechanik nahm diese Verschiebung dramatische Formen an. Elektronen zeigten sowohl Teilchen- als auch Welleneigenschaften. Heisenberg und Bohr betonten in der „Standardinterpretation“, dass mikroskopische Systeme nur durch Wahrscheinlichkeits-wellen beschrieben werden können, die erst im Messprozess konkrete Werte annehmen.

Materie erscheint hier nicht als Ding, sondern als Zustand einer Wellenfunktion. Sean Carroll (2019) spricht davon, dass die Wellenfunktion der Realität das eigentlich Fundamentale ist. Materie im klassischen Sinne entsteht erst durch die Wechselwirkung dieser Wahrscheinlichkeitsfelder mit Messapparaturen oder anderen Systemen. Was gewöhnlich materielle Eigenschaften sind, Härte, Lokalität, Stabilität,  erscheinen aus dieser Perspektive als makroskopische Effekte von quantendynamischen Prozessen.

Die Quantenfeldtheorie (QFT) schließlich radikalisiert diesen Ansatz. Sie modeliert das Fundament der Welt als Felder. Teilchen sind bloß Anregungen dieser Felder. Ein Elektron ist keine Substanz, sondern eine quantisierte Schwingung des Elektronenfeldes. Photonen sind Anregungen des elektromagnetischen Feldes. Selbst Kräfte entstehen durch Austausch solcher Anregungen. Materie ist in diesem Bild eine Konfiguration von Feldzuständen, stabil genug, um als Objekt wahrgenommen zu werden.

Damit wird Materie endgültig von ihrer klassischen Stofflichkeit befreit. Sie ist eine Art Muster in der Struktur der Wirklichkeit, das durch Symmetrien und Erhaltungssätze zusammengehalten wird.

E = mc² verdeutlicht, dass Masse und Energie ineinander übergehen können. Masse ist keine Eigenschaft eines Stoffes, sondern ein Ausdruck der Energie und der Kopplungen, die in Feldern organisiert sind.

Mit diesem Wissen erscheinen Atome, Moleküle und biologische Organismen als emergente Muster, die aus einer Vielzahl von Feldkonfigurationen hervorgehen. Prigogine und Stengers (1984) zeigten, wie Materie in nichtlinearen Prozessen selbstorganisierende Strukturen bildet. Kauffman (1993) betont, dass Ordnung in der Natur nicht nur passiv gegeben, sondern aktiv hervorgebracht wird. Nick Lane (2009) zeigt schließlich, dass lebende Materie weniger ein neuer „Stoff“ ist als ein hochkomplexes Energiedurchfluss-System.

Die Physik definiert Materie heute als:

• Anregungen von Feldern
• gebundene Energie
• stabile Muster in dynamischen Systemen

Materie ist Prozess, nicht Substanz. Sie ist Stabilität im Fluss, keine dinghafte Grundbaustein-Welt, so lässt sich der Forschungsstand ontologisch interpretieren.

 

2. Philosophie

Form, Substanz und Ausdehnung
Die Vorsokratiker erklärten Materie als arché – Wasser, Luft, Feuer, Atome. Aristoteles führte den Begriff „hylé“ ein: Materie als das, was Form (morphé) annimmt. Materie war hier passiv, formbar, ein „Träger“ der Bestimmungen der Form. Diese Auffassung prägte den Westen für über 1500 Jahre.

Descartes definierte Materie als „res extensa“, das Ausgedehnte. Damit wurde Materie zum geometrischen Prinzip. Spinoza kritisierte diese Dualität und argumentierte für eine monistische Substanz, von der Geist und Materie nur zwei Attribute sind. Beide Ansätze teilen allerdings eine Grundannahme: Materie ist Teil eines metaphysischen Rahmens und nicht aus sich selbst verständlich.

Für Kant war Materie kein Ding an sich. Sie entsteht aus den Formen der Anschauung von Raum und Zeit und den Kategorien des Verstandes, insbesondere Kausalität und Substanz. Materie ist die geordnete Erscheinung dessen, was uns affiziert. Wie die Welt „an sich“ ist, entzieht sich unserem Zugriff.

Prozess, Strukturen und Relationen
Whitehead führte eine radikale Neuinterpretation ein: Nicht Substanzen, sondern Ereignisse sind grundlegend. Materie ist „konkretierte Prozessualität“, Ereignisse, die sich zu „societies“ organisieren.

Merleau-Ponty dachte Materie von der gelebten Erfahrung aus. Sie ist nicht „tot“, sondern bildet ein Gegenüber des Leibes, eine resonante, spürbare Wirklichkeit. Die materielle Welt ist nicht passiv, sondern ko-konstitutiv für Wahrnehmung.

Deleuze schließlich betrachtet Materie als ein Geflecht von Intensitäten, Differenzen und Kräften. Materie ist Werden, nicht Sein; sie ist dynamisch, relational und voller Potenzialität.

Ladyman und Ross (2007) vertreten eine radikal naturalisierte Metaphysik, die klassische Begriffe wie „Objekt“ oder „Substanz“ verwirft. Für sie ist Materie nur ein theoretischer Platzhalter für physikalische Strukturen. Alles, was existiert, ist letztlich durch Wissenschaft beschreibbar, und die Wissenschaft spricht nicht von „Dingen“, sondern von Strukturen und Relationen.

Diese Sicht wird auch in der Ontologie der Quantenphysik gestützt. Karen Barad (2007) schlägt eine noch relationalere Position vor: Materie ist nicht etwas, das existiert, sondern etwas, das „geschieht“. Sie nennt diese Perspektive „agentieller Realismus“. Materie ist das Ergebnis von „Intra-Aktionen“, Beziehungen, die nicht zwischen fertigen Entitäten statt-finden, sondern erst durch sie Entitäten hervorbringen. Materie ist also performativ:
Sie entsteht durch Handlung, Bewegung und Beziehung.

Nagarjuna (ca. 270) kritisierte die Idee von Substanz radikaler als jeder westliche Philosoph. In der „Lehre von der Mitte“ argumentiert er, dass es keine eigenständige, unabhängige Materie gibt. Alles entsteht in wechselseitiger Abhängigkeit (pratītyasamutpāda). Materie ist leer von eigenem Wesen (śūnyatā), nicht Nichts, sondern reine Relation. Damit formuliert Nagarjuna eine frühe Form der strukturellen, prozesshaften Welterklärung, das in Teilen mit moderner Physik und relationaler Ontologie übereinstimmt.

 

3. Ontologie des Spiels

Vor diesem Hintergrund formuliere ich eine Ontologie des Spiels, die eine Antwort auf die empirisch nicht beantwortbare Frage gibt, wie es sein kann, dass alles auf der Welt fortwährend in Bewegung ist. Wie kann es sein, dass alles erkennbare Strukturen, Wechselwirkungen und Emergenz erzeugt? In welchem Modus existiert etwas, das zugleich geordnet und offen, stabil und kreativ, regelhaft und überraschend ist?

Das Ursprüngliche aller physischen Realität sind nicht einzelne Objekte, Quanten, Substanzen oder Felder. Das Ursprüngliche sind vielmehr die voneinander abhängigen Relationen und Interaktionen wirksamer Felder. Nur im Zusammenspiel erhalten sie physikalische Realität. Das bedeutet: erst in relationalen Konfigurationen treten die Eigenschaften zutage, die wir als physikalische bestimmen. Wenn ich hier von Feldern spreche, meine ich also nicht die physikalischen Felder einer bestimmten Theorie, sondern die abstrakte Idee relationaler Möglichkeitsräume. Diese können von physikalischen Feldern beschrieben werden, sind aber ontologisch nicht auf diese reduzierbar. Felder existieren nicht als isolierte Einheiten mit festen Eigenschaften, sondern als Momente eines umfassenden dynamischen Geflechts. Diese fundamentale Dynamik bezeichne ich als „Spiel“. Das Spiel ist keine physikalische Theorie. Es ist ein ontologischer Rahmen, der erklärt, warum physikalische Theorien überhaupt dynamische, relationale Strukturen beschreiben können.

Spiel ist ein Begriff für die Grundweise des Werdens. Die Quantenfeldtheorie ist ein Modell einer bestimmten Spielart der physischen Realität, nicht ihr ontologisches Fundament.

Spiel meint also nicht bloß physikalische Dynamik, sondern die permanente regelhafte Selbstorganisation relationaler Muster, die immer wieder neue Strukturen hervorbringt.
Die Physik liefert gute Hinweise darauf, dass diese ontologische Annahme der Wirklichkeit entspricht, denn wo immer die Physik präzise wird, beschreibt sie Relationen, Wechselwirkungen und Muster, nicht Substanzen. Materie ist kein Ding, sondern ein Geschehen. Kein Zustand, sondern ein fortlaufendes Werden.

In diesem Sinne versteht sich die Ontologie des Spiels als ein Versuch, ein gemeinsames Vokabular für Prozesse bereitzustellen, die zugleich notwendig und offen, strukturiert und kreativ, kausal und kontingent sind. Das Spiel ist kein weiteres physikalisches Substrat. Es ist der Modus des Werdens selbst, die Tatsache, dass die Welt relational, dynamisch und generativ organisiert ist. Die Ontologie des Spiels argumentiert, dass die Wirklichkeit in Spielen organisiert ist, die jeweils ihre eigenen Regeln hervorbringen. „Spiel“ bezeichnet dabei eine Form von Dynamik, die nicht nur kausal, sondern regelhaft, generativ und rückwirkend strukturiert ist. Physische, chemische, biologische, symbolische und soziale Prozesse bilden die Dynamiken, in denen Kräfte in unterschiedlichen Spielakten relationale Muster bilden.

Materie ist in diesem Modell kein absoluter Grund, sondern eine besondere Form stabiler Muster innerhalb des Spiels der physischen Realität. Die wechselseitige Abhängigkeit von Feldern erzeugt Regelhaftigkeiten, die Stabilität, Masse und Widerstandsfähigkeit hervorbringen.

Materie ist regelhafte Stabilisierung von quantenhaften Interaktionen im Spiel.

 

 

 

Anmerkung:
Die Jahreszahlen in den Literaturangaben geben – abweichend vom üblichen APA-Style – das Jahr der Erstveröffentlichung, oder in historischen Quellen, das geschätzte Entstehungsjahr an, um die Texte auch Ad hoc historisch leicht einordnen zu können.

Quellen:

Aristoteles. (400 B.C.E.). Physik. Meiner.

Aristoteles. (384 B.C.E.). Metaphysik – Bücher VII-XIV. Meiner – 2009.

Barad, K. (2007). Meeting the Universe Halfway. Duke University Press.

Bauberger, S. (2018). Was ist die Welt? W.Kohlhammer.

Carroll, S. (2019). Was ist die Welt und wenn ja wie viele? Klett-Cotta.

Deleuze, G. (1968). Difference and Repetition. Bloomsbury Academic.

Descartes, R. (1641). Meditationen. Meiner.

Deutsch, D. (1997). The Fabric of Reality. Penguin Random House UK.

Einstein, A. (1916). Über die spezielle und die allgemeine Relativitätstheorie.

Feynman, R. (1985). QED: die seltsame Theorie des Lichts und der Materie. Piper.

Guth, A. (1981). Die Geburt des Kosmos aus dem Nichts. Droemer.

Kant, I. (1787). Kritik der reinen Vernunft. andersseitig Verlag.

Kauffman, S. A. (1993). The Origins Of Order – Self Organisation and Selection in Evolution. Oxford University Press.

Ladyman, J., & Ross, D. (2007). Every Thing Must Go – Metaphysics Naturalized.
Oxford University Press.

Lane, N. (2009). Life Ascending. Profile Books.

Maudlin, T. (2012). Philosophy of Physics. Princeton University Press.

Merleau-Ponty, M. (1945). Phänomenologie der Wahrnehmung. de Gruyter.

Nagarjuna. (270 C.E.). Die Lehre von der Mitte. Meiner – 2010.

Prigogine, I., & Stengers, I. (1984). Order Out Of Chaos. Verso.

Whitehead, A. N. (1929). Process and Reality. The Free Press – 1978.