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Was existiert?

Die Frage danach, was existiert, ist das zentrale Thema aller Ontologien. Die Geschichte der Philosophie hat ein breites Spektrum an Antworten auf diese Frage hervorgebracht. Die Weltstruktur, die Ordnung der Dinge und die Zugänglichkeit der Wirklichkeit werden von Philosophen unterschiedlich aufgefasst. Abhängig von ihren jeweiligen Grundauffassungen entstehen jeweils eigene, spezifische Vorstellungen davon, was existiert. Im Folgenden liste ich stichpunktartig die wichtigsten Konzepte auf, mit denen das Existierende in der Philosophie beschrieben wird.


Sein als Substanz

Der Grundgedanke dieser Ontologien ist der, dass es stabile Einheiten, Substanzen oder Objekte mit Eigenschaften gibt, die der Mensch erkennen kann, indem er sie begrifflich voneinander abgrenzt. Solche Auffassungen vertreten zum Beispiel Aristoteles (384 B.C.E.), Descartes (1641) und John Locke (1689).

Das Einzelding als Träger von Eigenschaften bezeichnet Aristoteles als „ousia“. Descartes unterscheidet zwischen zwei Grundsubstanzen: „res extensa“, das Ausgedehnte (Materie), und „res cogitans“, das Nicht-Ausgedehnte (Geist). Locke sah materielle Körper als ausgedehnte, bewegliche Substanzen und mentale Ideen als Produkte der Erfahrung, die durch Sensation (äußere Wahrnehmung) und Reflexion (innere Wahrnehmung) entstehen, wobei er den Substanzbegriff zugleich als epistemisch problematisch ansah.

Die Stärke solcher Substanzontologien liegt in ihrer klaren und strukturierten Beschreibung der Wirklichkeit. Jedoch scheitern sie daran, die Prozessualität der Materie, wie sie in der heutigen Physik beschrieben wird, angemessen zu erklären. Auch Veränderungsprozesse und emergente Phänomene sind mit den gängigen Substanzontologien nur schwer erklärbar.


Sein als Prozess

Prozessontologien gehen davon aus, dass die Welt nicht aus Dingen besteht, sondern aus Ereignisströmen, Prozessen und Bewegungen des Werdens. Heraklit (478 B.C.E.), Whitehead (1929), Bergson (1912), James (1907), Deleuze (1968) und Prigogine (1984) vertreten solche Auffassungen. Heraklits „panta rhei“ (alles fließt), Bergsons „durée“ (qualitative Zeit als reiner Fluss), Whiteheads „actual occasions“ (elementare Ereignisse, die sich gegenseitig prägen), Prigogines dissipative Strukturen als emergente Prozesse oder Deleuze’s Analyse von Differenz und Wiederholung sind Beispiele für Beschreibungen des Existierenden als Prozess.

Die Stärken dieser Prozessontologien liegen darin, dass sie anschlussfähig sind an die modernen Naturwissenschaften. Allerdings sind sie aufgrund ihrer Tendenz zur Unschärfe schwieriger zu formalisieren.


Sein als Relation

Leibniz (1714) beschreibt die Realität als reine Relationen. Monaden ohne jegliche Ausdehnung bilden durch ihr Beziehungsgefüge die Realität. Kant betrachtet Gegenstände als Ordnungsstrukturen der Erfahrung. Merleau-Ponty (1945) und Zahavi (2014) sehen den Ich-Welt-Bezug als grundlegende Relation. Ladyman und Ross (2007) deuten alles Existierende als Strukturen, nicht als Objekte. Mit ihrem Ontic Structural Realism (OSR) interpretieren sie die Existenz aus der Perspektive der modernen Physik.

Verbundenheit und Netzwerkstrukturen lassen sich durch derartige relationale Ontologien gut beschreiben. Unklar bleibt allerdings oft, wie diese Ontologien ohne zumindest minimale Trägerstrukturen auskommen können.


Sein als Natur

Hier existiert nur Materie (Materialismus) oder es existieren nur fundamentale physikalische Entitäten (reduktiver Physikalismus). Diese reduktionistische Sichtweise ist unter Wissenschaftlern weit verbreitet. Es gibt aber auch den nicht-reduktiven Physikalismus: Höhere Ebenen existieren als emergente Muster. Weitere naturalistische Ontologien basieren auf der Quantenfeldtheorie oder der Many-Worlds-Interpretation der Quantenmechanik. Und schließlich gibt es ontologische Auffassungen, die alles Existierende auf reine Information zurückführen (Wheeler 1989; Deutsch 1997; Walker & Cronin 2024).

Naturalistische Ontologien sind geprägt durch gute empirische Anschlussfähigkeit. Bewusstsein, Werte und Sinnfragen lassen sich aber eher weniger gut mit dieser Kategorie der Existenzvorstellungen erklären.


Sein als Erleben

Phänomenologische Ontologien und der Existentialismus erklären das, was existiert, als etwas, das im Erleben unverkürzbar gegeben ist. Husserl (1901) geht von intentionalen Gegebenheiten aus, Heidegger (1927) beschreibt das „In-der-Welt-sein“ als Existenzweise des Daseins. Sartre (1943) geht davon aus, dass die Existenz der Essenz vorausgeht. Merleau-Ponty (1945) betrachtet Selbst, Körper und Welt als ineinander verwoben und beschreibt darin das Sein.

Bewusstsein und Alltagserfahrungen können mit existentialistischen und phänomenologischen Ontologien gut beschrieben werden. Die externe Welt lässt sich aus diesen Ontologien jedoch meist nur vom Erleben her rekonstruieren.

Diese kurze Übersicht macht deutlich, dass es keine eindeutige Antwort auf die Frage nach der Existenz gibt, und schon gar keine empirisch vollständig belegbare. Insofern fühle ich mich ermutigt, meine Vorstellung vom Sein als Spiel genauer auszuarbeiten, um zu prüfen, ob das Spiel als Ontologie des Seins die Sinn- und Existenzfragen der Philosophie besser beantworten kann als herkömmliche Ontologien. Im Folgenden gebe ich einen Überblick über die Ontologie des Spiels.

 

 

Alles Sein ist Spiel
Jede Erscheinung, die Teil einer dynamischen Balance von Kräften, Tendenzen und Einflussnahmen ist, existiert. Egal ob auf physikalischer, biologischer, symbolischer oder sozialer Ebene: Alles bewegt sich und steht in Wechselwirkung mit anderem. Dieses Spiel ist das Wesen der Existenz. Etwas existiert, wenn es spielt. Das ist die Ontologie des Spiels. Vier ontologische Setzungen nehme ich dafür vor: Alles

  1. bewegt sich,
    2. folgt einer Regel,
    3. interagiert
    4. kann sich transformieren.

Steine, Zellen, Quarks, Organismen, Gefühle, Gedanken und Bedeutungen sind damit ontologisch auf der gleichen Ebene. Es sind Akte im Spiel-Prozess der Welt.

Dinge und Entitäten sind temporäre Stabilitäten innerhalb eines Spiels. Es sind stabile Muster, die aus wiederholten Wechselwirkungen entstehen und sich so lange aufrechterhalten, solange die Dynamik des Spiels sie trägt.

 

Das, was existiert, existiert durch seine Beziehungen.

  • Die Festigkeit und Massehaftigkeit des Steins entsteht aus dem Zusammenspiel von Kräften, chemischen Bindungen und Gravitation sowie längerfristigen geologischen Prozessen wie Abkühlung und Erosion.
  • Bewusstsein ist das Spiel der Regulation zwischen Selbst und Welt.
  • Sprache ist das Spiel symbolischer Differenzen.
  • Kultur ist das Spiel historisch sedimentierter Muster.

Existenz ist das kontinuierliche Balancieren zwischen Stabilität, Veränderung, Offenheit und Struktur. Sein und Werden sind zwei identische Aspekte des Spiels:

Sein ist stabilisiertes Werden.
Werden ist sich änderndes Sein.

 

Die Wirklichkeit als Spiel
Die Frage danach, was genau existiert, lässt sich mit der Ontologie des Spiels dann wie folgt beantworten: Sämtliche Spiel-Prozesse, die reale Wirkungen erzeugen:

1. Materielle Prozesse
Physikalische Felder, chemische Reaktionen, biologische Stoffwechselprozesse

2. Lebendige Prozesse
Regulation, Empfindung, Intentionalität, aktive Inferenz

3. Symbolische Prozesse
Gedanken, Bedeutungen, Regeln, Narrative, Ideale, Mathematik, gedankliche Simulationen, Erwartungen, Möglichkeiten

4. Soziale Prozesse
Institutionen, Normen, Kooperationen, Konflikte, gemeinsame Intentionalität

Das Existierende ist kein Ding, sondern eine Dynamik, in der Kräfte in unterschiedlichen Spielakten relationale Muster bilden. Diese Muster können Wirkungen in der materiellen, lebendigen, symbolischen oder sozialen Dimension erzeugen.

Alles, was in der Dynamik des Spiels agiert, existiert.

 

 

 

 

Anmerkung: Die Jahreszahlen in den Literaturangaben geben – abweichend vom üblichen APA-Style – das Jahr der Erstveröffentlichung, oder in historischen Quellen, das geschätzte Entstehungsjahr an, um die Texte auch Ad hoc historisch leicht einordnen zu können.

Quellen:

Aristoteles. (384 B.C.E.a). Gesammelte Werke. Kindle.

Aristoteles. (384 B.C.E.b). Metaphysik – Bücher VII-XIV. Meiner – 2009.

Bergson, H. (1912). Schöpferische Entwicklung. Eugen Diederichs.

Deleuze, G. (1968). Difference and Repetition. Bloomsbury Academic.

Descartes, R. (1641). Meditationen. Meiner.

Deutsch, D. (1997). The Fabric of Reality. Penguin Random House UK.

Heraklit. (478 B.C.E.). Fragmente – Grieschich und Deutsch
herausgegeben von Bruno Snell. Artemis und Winkler – 2007.

Husserl, E. (1901). Logische Untersuchungen. Meiner.

James, W. (1907). The Meaning of Truth. Longmans, Green & Co.

Ladyman, J., & Ross, D. (2007). Every Thing Must Go – Metaphysics Naturalized. Oxford University Press.

Leibniz, G. W. (1714). Monadologie. BoD.

Locke, J. (1689). Versuch über den menschlichen Verstand.
Hoffenberg Digital – 2016 (1872) .

Merleau-Ponty, M. (1945). Phänomenologie der Wahrnehmung. de Gruyter.

Prigogine, I., & Stengers, I. (1984). Order Out Of Chaos. Verso.

Sartre, J.-P. (1943). Das Sein und das Nichts. Rowohlt.

Walker, S. I. (2024). Life as no one knows it. Riverhead Books.

Wheeler, J. A. (1989). Information, Physics,Quantum: The Search for Links. 3rd Symp. Foundations of Quantum Mechanics, 354–368.

Whitehead, A. N. (1929). Process and Reality. The Free Press – 1978.

Zahavi, D. (2014). Self and Other. Oxford University Press