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Eine Verteidigung des Prozessualen Realismus
gegen den Neuen Realismus
Mit diesem Text möchte ich deutlich machen, warum die Aussage „Die Welt gibt es!“ nicht nur eine metaphysische Behauptung, sondern eine notwendige ontologische Setzung ist. Ich möchte zeigen, dass der „Prozessuale Realismus“, den ich vertrete, den Begriff der Welt als dynamisch, relational und regelhaft versteht und gerade dadurch eine schlüssigere Ontologie des Wirklichen liefert als Markus Gabriels
„Neuer Realismus“, der paradoxerweise behauptet: „Die Welt gibt es nicht.“
Gabriels Versuch, den Realismus zu retten, indem er ihn von der Idee einer allumfassenden Totalität befreit, führt in eine sprachlich elegante, aber ontologisch widersprüchliche Position. Der vorliegende Aufsatz soll diesen Widerspruch aufzeigen und zugleich die positive Alternative formulieren: eine prozessuale, emergente und relationale Auffassung von Welt, die weder in naive Objektivität noch in subjektiven Konstruktivismus verfällt.
Gabriels These: „Die Welt gibt es nicht“
Markus Gabriel beginnt sein Buch „Warum es die Welt nicht gibt“ mit einer Provokation: „ … ich behaupte nicht nur, dass es die Welt nicht gibt, sondern auch, dass es außer der Welt alles gibt“ (Gabriel, 2013, S. 15). Er meint damit, dass „die Welt“, verstanden als die Gesamtheit von allem, was existiert, nicht existieren könne. Denn eine solche Totalität hätte keinen eigenen Ort innerhalb der Gesamtheit des Seienden. Würde die Welt alles umfassen, müsste sie auch sich selbst enthalten und das führt nach Gabriel zu einem logischen Widerspruch.
Er schreibt:
„Es bleibt ganz einfach dabei, dass das Allumfassende nicht in sich selbst erscheinen kann. Das Allumfassende ist nicht nur unerreichbar für uns, weil uns die Zeit fehlt, es hinreichend zu durchdenken, sondern auch, weil es kein Sinnfeld gibt, in dem es erscheinen kann. Es existiert nicht.“ (Gabriel, 2013, S. 106)
Markus Gabriel versteht unter „Welt“ nicht etwa die erfahrbare Gesamtheit aller Dinge, sondern das „Aller-Allgemeinste“: die Totalität von allem, was existiert. Eine solche Totalität, so sein Argument, könne nicht existieren, weil sie keinen eigenen Ort innerhalb der Gesamtheit des Seienden haben könne. Sie würde das Ganze aller Sinnfelder umfassen, in denen überhaupt etwas als etwas erscheinen kann und daher selbst nicht mehr in einem Sinnfeld erscheinen.
Damit wird „die Welt“ für Gabriel zu einer paradoxen Idee: Sie soll alles enthalten, kann aber selbst in nichts enthalten sein. Sie ist also logisch ausgeschlossen. Sie ist für ihn kein erfahrbarer Zusammenhang, sondern eine begriffliche Grenzbildung, die sich selbst aufhebt. Folglich könne es zwar viele Welten, Sinnfelder, Bedeutungsbereiche geben, aber nicht die eine Welt.
Gabriels „Neuer Realismus“ behauptet also: Es gibt reale Bedeutungsfelder (z.B. das Sinnfeld „Physik“, „Kunst“ oder „Liebe“), in denen Entitäten wirklich existieren, doch die Gesamtheit dieser Felder, also die Welt als solche, gibt es nicht. Seine Pointe lautet: „Die Welt gibt es nicht, aber es gibt alles Mögliche.“
Der Widerspruch des Neuen Realismus
Der Preis dieser Argumentation ist hoch. Wenn es keine Welt gibt, dann gibt es auch keinen ontologischen Zusammenhang zwischen den Sinnfeldern. Doch genau dieser Zusammenhang ist die Bedingung dafür, dass wir von etwas Realem sprechen können. Denn wenn jedes Sinnfeld nur für sich gilt, ohne verbindendes Wirklichkeitsgefüge, dann lässt sich nicht mehr erklären,
– warum Erfahrungen über Sinnfelder hinweg kohärent sind,
– wie physikalische, biologische und mentale Prozesse ineinandergreifen,
– und warum technische oder kommunikative Eingriffe in der einen Domäne
Wirkungen in einer anderen haben.
Mit anderen Worten: Gabriels Sinnfeldontologie zerlegt das Wirkliche in isolierte Inseln der Bedeutung, ohne den Ozean zuzulassen, in dem sie sich überhaupt ereignen.
Er vermeidet zwar den Konstruktivismus, fällt aber in eine fragmentierte Ontologie, die den Realismus selbst untergräbt. Denn ohne eine gemeinsame Wirklichkeit, die über einzelne Sinnfelder hinaus Bestand hat, bleibt bei Gabriel unverständlich, was das Wort „Realismus“ überhaupt bedeuten soll.
Der prozessuale Realismus
Mein Ausgangspunkt ist ein anderer. Ich verstehe „Welt“ nicht als allumfassende statische Totalität, sondern als prozesshafte, unabschließbare Wirklichkeit, die durch Bewegung, Veränderung und Relationalität gekennzeichnet ist.
Diese Wirklichkeit existiert unabhängig von unserem Bewusstsein, doch sie ist keine starre „Substanz“. Sie ist ein Geschehen, ein fortlaufendes Werden, das sich in stabilen Mustern manifestiert, in Regelmäßigkeiten, Strukturen und Gesetzmäßigkeiten, die wir erkennen, nutzen und technisch gestalten können.
Der prozessuale Realismus behauptet also:
1. Es gibt eine Welt außerhalb unseres Bewusstseins.
2. Diese Welt ist nicht statisch, sondern dynamisch.
3. Sie ist erkennbar, weil sie regelhaft strukturiert ist.
4. Sie ist gestaltbar, weil wir in sie eingebettet und mit ihr kausal verflochten sind.
Damit ist „Welt“ kein abgeschlossenes Ganzes, sondern die offene Totalität der Prozesse, in die wir unaufhörlich verwickelt sind.
Dieser Gedanke steht in der Tradition eines prozessphilosophischen Realismus (Whitehead 1929; Deleuze 1968; Prigogine & Stengers 1984), der nicht vom Sein, sondern vom Werden ausgeht. Whitehead formuliert: „… the actual world is a process“ (Whitehead, 1929, S. 22)
„Werden“ statt „Ding unter Dingen“
Gabriels Argument gegen „die Welt“ beruht auf einer begrifflichen Engführung: Er setzt „Welt“ mit „Allheit des Seienden“ gleich und schließt dann logisch, dass eine solche Allheit nicht innerhalb ihrer selbst vorkommen kann. Doch dieser Schluss trifft nur zu, wenn man „Welt“ als statisches Ensemble denkt. Sobald man sie als prozessuales Ganzes versteht, als dynamischen Zusammenhang, in dem Teilprozesse sich wechselseitig hervorbringen, fällt der Widerspruch weg. Die Welt ist kein „Ding unter Dingen“, sondern die emergente Kohärenz des Werdens selbst. Sie ist kein Ort, sondern das fortlaufende Geschehen, in dem Orte, Dinge und Bedeutungen überhaupt erst entstehen können. Damit ist sie nicht das größte Objekt, sondern die Bedingung aller Objektivität. Und genau deshalb gibt es die Welt.
Diese Position findet Unterstützung in der Wissenschaft und der modernen Naturphilosophie: Bei Ilya Prigogine wird Ordnung als emergente Stabilität aus Nichtgleichgewichtszuständen verstanden (Prigogine & Stengers, 1984). Bei Karl Friston erklärt das „Free Energy Principle“ wie Systeme Stabilität durch ständige Anpassung an Umweltdynamiken erzeugen (Friston, 2022). Und Antonio Damasio betont in „Descartes’ Irrtum“, dass Bewusstsein nicht außerhalb der Welt steht, sondern eine biologische Regulierung dieser Weltbeziehungen ist (Damasio, 1994). All diese Ansätze teilen die Einsicht: Das Wirkliche ist ein Prozess, nicht eine Sammlung von Dingen.
Wirkfelder statt Sinnfelder
Was Gabriel „Sinnfelder“ nennt, lässt sich im prozessualen Realismus als „Wirkfelder“ verstehen. Denn Bedeutung ist immer mit Kausalität verschränkt: Etwas „macht Sinn“, weil es in einem Netz von Wirkungen und Rückwirkungen steht. Sinn entsteht aus Relation, und Relation ist immer auch Wirkung. Daher sind Sinnfelder ohne Wirkzusammenhang unvollständig gedacht. Ein prozessualer Realismus integriert die Sinnhaftigkeit menschlicher Erfahrung in eine umfassendere ontologische Dynamik: Bewusstsein, Materie, Leben und Technik sind nicht getrennte Sphären, sondern ineinander verschlungene Modi des Wirklichen.
Die Welt gibt es
Die Welt gibt es, nicht als abgeschlossenes Ganzes, sondern als unendlicher Zusammenhang des Werdens. Sie existiert nicht neben unseren Sinnfeldern, sondern in ihrer Wechselwirkung. Wir erkennen sie in der Stabilität unserer Wahrnehmungen, in der intersubjektiven Übereinstimmung, in der technischen Wirksamkeit unseres Handelns und in der evolutiven Einbettung unseres Lebens. Die Welt antwortet auf unser Tun. Sie widersteht, sie ermöglicht, sie trägt und sie bleibt mehr, als wir begreifen können.
Deshalb gilt: Die Welt gibt es. Aber sie ist kein Ding.
Sie ist das fortlaufende Geschehen des Wirklichen selbst.
Markus Gabriels „Neuer Realismus“ leugnet die Welt, um den Realismus zu retten und verliert dabei den ontologischen Zusammenhang des Wirklichen. Der Prozessuale Realismus bejaht die Welt, nicht als Totalität, sondern als Dynamik. Er integriert Denken, Wahrnehmen und Handeln in den einen fortlaufenden Prozess des Wirklichen, das sich selbst hervorbringt.
Quellen:
Damasio, A. R. (1994). Descartes´Irrtum. Ullstein.
Deleuze, G. (1968). Difference and Repetition. Bloomsbury Academic.
Friston, K. J., Parr, T., & Pezzulo, G. (2022). Active Inference – The Free Energy Principle in Mind, Brain, and Behavior. Massachusetts Institute of Technology.
Gabriel, M. (2013). Warum es die Welt nicht gibt. Ullstein.
Prigogine, I., & Stengers, I. (1984). Order Out Of Chaos. Verso.
Whitehead, A. N. (1929). Process and Reality. The Free Press – 1978.